Social-Media-Verbot: Das sagen Psychologen und Psychotherapeuten
Noch im Juni soll das Social-Media-Verbot auf den Weg gebracht werden, betonte Gesundheitsministerin Korinna Schumann.
Instagram, Tiktok, Snapchat und Co. gehören für Kinder und Jugendliche längst zum Alltag. Doch was für viele Erwachsene noch als harmlose Unterhaltung erscheint, entwickelt sich für immer mehr junge Menschen zu einer ernsthaften Belastung. Das zeigt eine aktuelle Umfrage unter österreichischen Psychologen und Psychotherapeuten des Projekts „Gesund aus der Krise“, bei dem Kinder und Jugendliche bei psychischer Belastung rasch Unterstützung erhalten. Die Befunde geben dem geplanten Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige Rückenwind.
Von den insgesamt 324 befragten Behandlerinnen und Behandlern registrieren drei Viertel einen problematischen Social-Media-Konsum bei ihren Klientinnen und Klienten. Ein Drittel der Befragten beobachtet bereits bei 10- bis 13-jährigen ein problematisches Nutzungsverhalten. Viele von ihnen können die digitale Nutzung nicht mehr selbständig beenden, schlafen schlechter und verlieren Interessen außerhalb der Online-Welt.
Starke Wirkung auf Selbstbild
Ebenfalls problematisch: Soziale Medien wirken stark auf das Selbstbild. Drei von vier Behandlerinnen und Behandlern berichten, dass das Körperbild von Kindern und Jugendlichen stark oder sehr stark durch Social Media beeinflusst wird. „Auffällig sind dabei deutliche Geschlechtsunterschiede. 71 Prozent bemerken bei Mädchen eine starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Zum Vergleich: Bei den Burschen sind es 38 Prozent“, sagte Beate Wimmer-Puchinger, Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) bei einer Pressekonferenz am Mittwoch.
Viele würden den eigenen Selbstwert eng an Likes, Views und Followerzahlen koppeln. Direkte Gespräche und reale Begegnungen nehmen hingegen ab mit spürbaren Folgen für Sprache, soziale Sicherheit und Beziehungen. „Die Erfahrungen unserer Behandlerinnen und Behandler sowie internationale Studien lassen nur einen Schluss zu: Wir müssen unsere Jugend vor exzessivem Social-Media-Konsum schützen. Deswegen unterstützen wir das von der Regierung beschlossene Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige“, betonte Wimmer-Puchinger.
Auch der Österreichische Berufsverband für Psychotherapie setzt sich für das Verbot ein. „Je später der Einstieg in soziale Medien erfolgt, desto besser sind die Voraussetzungen für eine gesunde psychische Entwicklung. Besonders problematisch ist, dass Kinder und Jugendliche oft noch nicht über jene innere Stabilität verfügen, um zwischen virtueller Inszenierung und Realität ausreichend unterscheiden zu können“, erklärte Präsidentin Barbara Haid.
Zunehmende Selbstdiagnosen über Social Media
Ein weiteres Phänomen bereitet den Fachleuten Sorgen: die zunehmende Selbstdiagnose psychischer Erkrankungen über Social Media. Zwar boomen Begriffe wie Depression, ADHS oder Angststörung in kurzen Clips und Selbsttests, doch die Realität sei weitaus komplexer. „Psychische Erkrankungen werden dort oft verkürzt, vereinfacht oder sogar romantisiert dargestellt“, so Haid. Fundierte Diagnostik berücksichtige aber immer Lebensgeschichte, Beziehungen und das psychosoziale Umfeld und lasse sich nicht durch Algorithmen oder KI-Chatbots ersetzen.
Häufig werde in der Diskussion um „Handysucht“ den Eltern oder Kindern die alleinige Schuld gegeben. Dabei verweist die Weltgesundheitsorganisation WHO mit dem Konzept der „Commercial determinants of health“ auf den Einfluss wirtschaftlicher Akteure. Wenn Apps gezielt suchtfördernd gestaltet sind, liege die Verantwortung auch bei den Herstellern, nicht nur bei den Nutzern. Kinder und Jugendliche könnten dem Sog der sozialen Medien weniger widerstehen als Erwachsene.
Verbot wird ausgearbeitet
Ein Social-Media-Verbot für alle unter 14 wird derzeit ausgearbeitet und soll im Juni auf den Weg gebracht werden, erklärte Gesundheitsministerin Korinna Schumann. „Wir nehmen das sehr ernst und begegnen den Entwicklungen mit klaren politischen Maßnahmen. Mit dem geplanten Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige setzen wir einen wichtigen Schritt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig stärken wir gezielt die Medien- und Gesundheitskompetenz, damit junge Menschen digitale Inhalte besser verstehen und einordnen können“, so Schumann. Insgesamt 80 Millionen Euro sollen zusätzlich für Prävention ausgegeben werden. Auch die beiden Berufsvertretungen sprachen sich für begleitende Aufklärungsmaßnahmen aus. Auch Behandlerinnen und Behandler sollen weiter im Umgang mit den psychischen Folgen von Social Media geschult werden.
Dass frühe Unterstützung entscheidend ist, zeigt das Projekt „Gesund aus der Krise“ selbst. Seit dem Start im Jahr 2022 wurden mehr als 54.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene professionell behandelt durch klinisch-psychologische, psychotherapeutische und musiktherapeutische Angebote. Eine Evaluierung durch die Universität Innsbruck, bei der Daten von über 15.000 jungen Menschen über drei Jahre hinweg ausgewertet wurden, bestätigte den Erfolg.
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