Weltweite Suche nach einem Impfstoff

© REUTERS/ARND WIEGMANN

ngen
05/11/2020

Konkurrenzkampf: Europa und USA im Wettstreit um den Corona-Impfstoff

Mit weltweit gebündelten Kräften hofft man in der EU, schnell einen Impfstoff zu finden und ihn fair zu verteilen. Doch die USA und China spielen nicht mit.

von Ingrid Steiner-Gashi

Allerhöchste Eile ist angesagt – und so hat US-Präsident Donald Trump „Operation Warp-Geschwindigkeit“ ausgerufen. Das Projekt mit dem Ziel, möglichst schnell einen Impfstoff gegen Covid-19 zu finden, bezieht sich auf den fiktiven, ultrastarken „Warp-Antrieb“ in der Serie „Raumschiff Enterprise“.

Für genauso fiktiv halten allerdings selbst Trumps Spitzenwissenschaftler die Zeitvorgabe des Präsidenten: Bis Jahresende will er den Amerikanern Hunderte Millionen Dosen eines Impfstoffes zur Verfügung stellen.

In Europa mag man den vollmundigen Versprechen Trumps nicht glauben – doch die Nervosität ist groß. Der weltweite Wettlauf um einen Impfstoff hat längst eingesetzt. Staaten, die ihre Bevölkerung durchimpfen können, werden die Pandemie mit einem Schlag hinter sich lassen. Die Impfung ist die Rückkehrformel in die Normalität.

Mit entsprechendem Hochdruck werden die Forschungen in aller Welt vorangetrieben. An mehr als 120 Impfstoffprojekten wird derzeit gearbeitet, acht klinische Tests sind bereits am Laufen.

„Öffentliches Gut“

An Geld für die Forscher mangelt es nicht. Allein die von der EU initiierte, internationale Geberkonferenz lukrierte vergangene Woche 7,5 Milliarden Euro. Wichtiges Ziel dabei: Eine „beispiellose, globale Zusammenarbeit“, wie EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sagte: Der Impfstoff gegen das Coronavirus soll ein „weltweit öffentliches Gut“ werden.

„Egal, wo der Impfstoff erfunden wird – er muss für alle Menschen auf der Welt zugänglich sein“, fordert auch Alexander Bernhuber, ÖVP-Gesundheitssprecher im EU-Parlament: „Auf der Suche nach dem Impfstoff dürfen wir nicht als Länder oder Kontinente denken.“ Doch in Washington, Peking und Moskau sieht man das anders: USA und Russland blieben der Geberkonferenz demonstrativ fern, China schickte einen Beobachter.

„Die Rüpel-Taktik von Trump darf sich im Kampf gegen die weltweite Pandemie nicht durchsetzen“, sagt Andreas Schieder, SPÖ-EU-Delegationsleiter und fordert: „Die EU muss ihr gesamtes Gewicht in die Waagschale werfen, damit der Impfstoff ein Allgemeingut bleibt und keinem Land vorrangig geliefert wird.“

An die acht Milliarden Impfdosen wird es brauchen, bis die Weltbevölkerung ausreichend durchgeimpft ist. Wobei Gesundheitsexperten allerdings davon ausgehen, dass es reichen dürfte, etwas mehr als vier Milliarden Menschen zu impfen. Sie aber würden jeweils zwei Dosen benötigen.

Europäischer Impfplan

Das wird erneut Zeit verschlingen: Von der ersten Zulassung eines Impfstoffes – mit der heuer eher nicht mehr gerechnet wird – bis zur Durchimpfung der Weltbevölkerung wird es nach Expertenschätzung mindestens ein Dreivierteljahr brauchen.

Internationale Regeln für eine faire Verteilung von Impfstoffen gibt es nicht. Wie also vorgehen, wenn ein Impfstoff gefunden, erprobt und endlich zugelassen ist? „Die EU-Kommission ist gerade dabei, einen Impfplan und einen Verteilungsschlüssel der Dosen zu erarbeiten“, schildert ein europäischer Beamter in Brüssel dem KURIER. „Und die Schwerfälligkeit des Apparates hier kennend, bin ich überrascht, wie schnell jetzt alles geht.“So muss geklärt werden, nach welchen Kriterien die Impfstoffe verteilt werden und wer als erstes geimpft wird: Sofort das Gesundheitspersonal, dann die Älteren, die Menschen in Risikoregionen, Risikogruppen und dann die restliche Bevölkerung.

Doch dann, gibt der EU-Beamte zu bedenken, „wird sich die Frage stellen: Werden wir unter uns 27 EU-Staaten solidarisch sein?“

Oder wird es, gegen alle derzeitigen Beschwörungen eines gemeinsamen Vorgehens, unter den europäischen Staaten zu einem Hauen und Stechen der Staaten um dem Impfstoff kommen? So wie es geschah, am Anfang der Corona-Krise, beim innereuropäischen Verteilungskampf um Schutzmaterial und Masken.

Ein „Plan B“

Sollten die USA zuerst den Impfstoff haben und auf „America-First“ beharren, pocht der gesundheitspolitische Sprecher der EVP-Fraktion im EU-Parlament Peter Liese auf einen „Plan B“ der Europäer: Dann müsse die EU „Zwangslizenzen erteilen, um Medikamente sowie Impfstoffe auch ohne ausdrückliche Genehmigung des Originalherstellers in der EU herzustellen“. Anders gesagt: Man müsse es unter Berufung auf den Notstand der Pandemie wagen, den Patentschutz zu ignorieren.

In Brüssel sieht man diesen Vorschlag mit großer Skepsis: „Da würde die Arzneimittelindustrie sehr stark dagegen halten“, glaubt der EU-Beamte. Die Pharmaindustrie und -Lobby gilt schließlich weltweit als eine der mächtigsten.

Europa: Seit  zwei Wochen wird an der Universität von Oxford ein Impfstoff gegen Covid-19 an mehreren hundert Freiwilligen getestet. Unmittelbar zuvor war das deutsche Unternehmen BioNtech vorgeprescht und hat mit  Tests an gesunden jungen Menschen begonnen. Mindestens zwei weitere europäische Forschungsunternehmen wollen   Tests im Juni starten.

USA: In Amerika  hingegen ließen sich die ersten Freiwilligen bereits Mitte März in Seattle mit neu designten Impfstoffen  zu Testzwecken impfen. Das Unternehmen Inovo folgte Anfang April. Und Pfizer begann dieser Tage in Kooperation mit BioNtech mit Test-Impfungen in New York.

China: Die meisten klinischen Tests mit neuen Impfstoffen gibt es derzeit im Reich der Mitte.   Vier Forschungsinstitute beobachten  die Wirkung ihrer Impfstoffe an   freiwilligen Probanden.

Insgesamt laufen also weitweit bereits acht klinische Testreihen. Sie alle aber befinden sich erst in der Anfangsphase: Erst wenn sich der Impfstoff an Tausenden Menschen aller Altersklassen als wirksam herausstellt, kann er zugelassen werden und in die Massenproduktion gehen. Dass dies heuer noch gelingt, gilt als äußerst unwahrscheinlich.

Der größte Impfstoffhersteller der Welt will dennoch nicht länger warten: Das Serum Institute of India – im Besitz der Milliardärs Cyrus Poonawalla – will bereits in zwei Wochen mit der Produktion eines Serums  beginnen.  Man vertraut dabei auf die Forscher in Oxford – obwohl die Tests  noch längst nicht abgeschlossen sind.