© Kurier

Meinung
02/29/2020

Mann oh Mann

In Hinterstoder durfte Erik Schinegger 1972 zum ersten (und einzigen) Mal an den Staatsmeisterschaften der ÖSV-Männer teilnehmen.

von Wolfgang Winheim

Hinterstoder war stets ein Garant für ungewöhnliches Skigeschehen. Schon zu Zeiten, als der Tiroler ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel noch nicht mit 51 Prozent die Aktienmehrheit am oberösterreichischen Skiberg besaß.

In Hinterstoder hat Hermann Maier als Spätberufener 23-jährig sein erstes Weltcup-Rennen (1996 Platz 26 mit Nummer 34) bestreiten dürfen.

In Hinterstoder verletzte sich Marcel Hirscher zum einzigen Mal bei einem Weltcup-Rennen, worauf er für die WM 2011 in Garmisch ausfiel.

In Hinterstoder durfte Erik Schinegger 1972 zum ersten (und einzigen) Mal an den Staatsmeisterschaften der ÖSV-Männer teilnehmen, nachdem er fünfeinhalb Jahre zuvor, 1966 in Portillo (Chile), noch AbfahrtsweltmeisterIN geworden war.

Wie soeben bei Vincent Kriechmayrs Siegesfahrt herrschte in Hinterstoder auch Anfang März 72 Frühlingsflair. Nur unter ungleich heikleren Umständen. Steine im Firn, keine Netze vor den Bäumen, brutale Stürze. Und dementsprechend viele Unterbrechungen, ehe Erik Schinegger ins Gruselrennen geschickt wurde. Man hatte Mann mit der Startnummer 97 bestraft, obwohl (oder gerade weil) der im Training Bestzeit gefahren war. Die Taktik ging auf, zumal sich Schinegger („Ich bin nur noch durch Gatsch gefahren“) mit Rang 13 „begnügen“ musste. Der bis dahin völlig unbekannt gewesene (spätere Weltmeister) Sepp Walcher siegte vor Franz Klammer und Werner Grissmann.

Zugegeben, auch dem Schreiber dieser Zeilen kam das Resultat entgegen. Als Jung–Reporter wäre ich mit der Berichterstattung über einen zum Mann mutierten Staatsmeister in erzkonservativen Zeiten, in denen gerade hochrangige Persönlichkeiten den Kontakt mit Schinegger schamhaft mieden, heillos überfordert gewesen.

Dass Schinegger Tage später auf dem Schwechater Flughafen die Skischuhe gestohlen und er im Anschluss an einen dennoch passablen Europacup-Start in Bulgarien („I bin als Sechster bester Österreicher g’worden“) wegen angeblicher Disziplinlosigkeit endgültig aus dem Rennverkehr gezogen wurde, ging in der öffentlichen Wahrnehmung unter. Doch Erik ließ sich nicht unterkriegen, stellte auch privat in allen Lebenslagen seinen Mann.

Inzwischen ist Schinegger, 71, dreifacher Opa und als Leiter der Skischule Schinegger auf der Simonhöhe den bereits 46. (vermutlich wärmsten) Kärntner Ski-Winter aktiv. Mit Schwerpunkt Kinderkurse. Kinder, wie die Zeit vergeht.

Die WM-Goldene von der Damenabfahrt 1966 hatte Erik schon vor 30 Jahren der Französin Marielle Goitschel zukommen lassen. Dafür freut ihn das Silberne Ehrenzeichen der Republik umso mehr, das ihm im Vorjahr in Wien verliehen wurde. Und dass Reinhold Bilgeris Film „Erik & Erika“ dem ORF im Jänner mit 751.000 Sehern eine Top-Quote bescherte.

Seither werde er immer wieder gefragt, ob’s seinerzeit, als man ihn aus dem Verkehr zog, in Innsbruck versteckte und nach der gelungenen OP mobbte, wirklich so arg gewesen sei wie im Film.

Schineggers Antwort: „Es war noch viel ärger“.