Kultur
02.03.2018

Erik/Erika Schinegger: "Er wusste selbst nicht, wer er ist"

Hauptdarsteller Markus Freistätter über Schinegger, #MeToo und seinen "Plan B".

Von Gabriele Flossmann

Männlich oder weiblich? Das war Erik Schinegger im Jahr 1966, als er zum Stolz der österreichischen Nationalmannschaft wurde, selbst noch nicht klar. Damals bejubelte ihn jedenfalls ganz Österreich als frischgebackene Weltmeisterin in der Damen-Abfahrt. Erik war damals noch Erika. Eine Ausnahme-Skiläuferin.

Dann der Skandal. Aus Erika wurde Erik. Der Titel als Weltmeisterin wurde aberkannt. Seither lebt er in seinem Heimatdorf Agsdorf in Kärnten als Mann.

Biologisch war er schon immer männlich. Weil seine Geschlechtsteile aber nach innen gewachsen waren, glaubte man aber nach der Geburt, er sei ein Mädchen.

Mit dem Verlust des "A" in seinem Vornamen teilte sich die Geschichte Schineggers in "zwei Leben". Wie es genau dazu kam, erzählt nun Reinhold Bilgeri in seinem sehr eindrucksvollen Film "Erik & Erika".

Der 27-jährige Schauspieler Markus Freistätter begibt sich in der Schinegger-Rolle auf einen emotionsgeladenen Psycho-Trip: Von Erika zu Erik.

KURIER: Wie ist es, wenn man seine Karriere mit einer komplexen Rolle – um nicht zu sagen mit einer Doppelrolle – beginnt, denn Sie spielen ja die Erika Schinegger, die sich später in den Erik verwandelt?

Markus Freistätter: Als ich die Einladung zum Casting bekam, war mir Erik Schinegger noch kein Begriff. Vor den Dreharbeiten habe ich mich mit Erik stundenlang unterhalten können und er hat mir alle Fragen sehr ehrlich beantwortet. Deshalb war mir auch klar, dass ich "Erik & Erika" nicht als Frau-Mann-Doppelrolle anlegen darf, sondern als einen komplexen Menschen, der am Anfang selbst nicht genau wusste, wer er wirklich ist.

Im Dokumentarfilm "Der Mann, der Weltmeisterin wurde" (2005, Regie: Kurt Mayer) erzählt Erik Schinegger davon, wie sehr seine erste Frau unter seiner Besessenheit gelitten hätte, sich "als Mann zu beweisen". War das in Ihren Gesprächen auch ein Thema?

Ja, er hat mir erzählt, dass er seiner ersten Frau gegenüber immer noch Schuldgefühle hat, weil er im Umgang mit ihr so unsensibel war. Er ist als Intersexueller auf die Welt gekommen und war zunächst als Erika mit sich so einigermaßen im Reinen. Umso größer waren dann seine psychischen Schwierigkeiten, sich auf seine neue, männliche Identität einzulassen – obwohl er sie ja selbst gewollt hatte. Er hat mir sehr ehrlich erzählt, wie er mit Maßanzügen, einem schnellen Porsche und etlichen Affären mit Frauen den Macho heraushängen ließ, weil er der Welt – vor allem aber sich selbst: beweisen wollte, dass er ein richtiger Kerl ist, der auch Kinder kriegen kann.

Die aktuelle #MeToo-Debatte trifft in gewissem Sinne auch auf Erika Schinegger zu. Im Skiverband wollte niemand ihre psychischen und physischen Probleme ernst nehmen. Man wollte sie sogar gegen ihren Willen operativ endgültig in eine Frau umwandeln, damit der Weltmeisterinnen-Titel nicht aberkannt wird.

Mich irritiert es, wenn Sie von "Erika" Schinegger sprechen. Für mich gab es immer nur "Erik". Reinhold Bilgeri hat bei den Regie-Besprechungen auch immer wieder von "der Erika" gesprochen. Denn er hat ja 1966 mitgefiebert, als Erik – damals noch als Frau – Weltmeisterin wurde. Für Bilgeri war es klar, dass Schinegger als Erika und auch als Erik zu einem Missbrauchsopfer wurde.

Die Gefahr gibt es ja auch in der Filmbranche.

Die Arbeit als Schauspieler ist sehr emotional und man kann daher sehr schnell verletzt werden.

Sie stehen gerade erst am Beginn einer vielversprechenden Schauspieler-Karriere. Trotzdem sei die Frage erlaubt: Gibt es für Sie so etwas wie einen Plan B – für den Fall, dass nach dem jetzigen Höhenflug ein Tief kommt und weitere Rollenangebote auf sich warten lassen?

Ich hatte das große Glück, dass meine Eltern meinen Wunsch Schauspieler zu werden, nie infrage gestellt haben. Sie haben mir auch Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen mitgegeben. Aber was einen möglichen Plan B betrifft: Ich habe eine fertige Ausbildung auf der HTL und ich habe auch eine abgeschlossene Ausbildung als Sanitäter. Natürlich ist mir klar, dass es für einen Schauspieler immer eine Zeit geben kann, in der sowohl Film- als auch Theaterrollen ausbleiben. Und da ist es sicher gut, wenn man auch anderen Tätigkeiten nachgehen kann, um die Miete zu bezahlen und sich vorübergehend über Wasser zu halten. Aber ich brenne dafür, Geschichten zu erzählen und das am liebsten als Schauspieler.