© Kurier / Gerhard Deutsch

Leitartikel
12/19/2021

Sonntag: Einkaufen nicht um jeden Preis

Der verkaufsoffene Sonntag kann weder den Umsatzentgang aus dem Lockdown wettmachen – noch wiederholt werden

von Simone Hoepke

Er kommt jedes Jahr so verlässlich wie das Christkind: der Ruf nach der Sonntagsöffnung. Immer an vorderster Front dabei – Einkaufszentrum-Betreiber Richard Lugner. Heuer wurde der Ruf ausnahmsweise erhört. Gefolgt sind ihm jedoch wenige, wie diverse Umfragen schon im Vorfeld vermuten ließen.

Bisher gibt es offene Geschäfte am Sonntag nur in Tourismuszonen und damit außerhalb von Wien. In der Bundeshauptstadt scheitert eine solche Regelung seit Jahren an der Abgrenzungsfrage. Sperrt der 1. Bezirk auf, fürchten Händler in der Mariahilfer Straße, dass Kollegen in der Innenstadt mehr Geld einnehmen als sie selbst – und wollen auch aufsperren. Als Nächstes kommen Händler aus den äußeren Bezirken – Richard Lugner lässt grüßen! – mit der gleichen Forderung. Und irgendwann ist man jenseits der Stadtgrenze bei der Shoppingcity Süd angelangt, die auch mitspielen will. Eine vermeintlich kleine Sache zieht also schnell weite Kreise.

Wobei leicht übersehen wird, dass viele gar nicht aufsperren wollen. Zu teuer sind die Umsätze erkauft (100 Prozent Gehaltszuschlag plus ein freier Tag), zu gering die Verdienstaussichten. Zumindest, wenn sich die Einnahmen lediglich auf mehrere Tage verteilen, ohne sich auf wundersame Weise zu vermehren.

Der einmalig geöffnete Adventsonntag ändert vorerst gar nichts. Er kann weder den Verdienstentgang des vergangenen Lockdown kompensieren, noch wiederholt werden. Ersteres betonen Händler, letzteres die Gewerkschaft. Beide zu Recht.

Jeder zweite Österreicher ist laut Umfragen gegen eine generelle Sonntagsöffnung. Aus gutem Grund.

Erstens beschäftigt der Handel so viele Mitarbeiter wie keine andere Branche – und vielen von ihnen ist die Sonntagsruhe heilig. Daran ändern 100-Prozent-Zuschläge wenig, zumal die Branche viele Frauen beschäftigt, die den Zuschlag wohl 1:1 an den Babysitter weiterreichen müssten.

Zweitens gibt es viele Einpersonen-Unternehmen, die nicht sieben Tage die Woche im Geschäft stehen wollen.

Drittens ist nicht in Stein gemeißelt, dass Sonntagsarbeit freiwillig und gut bezahlt ist. Speziell in kleinen Betrieben hält man letztlich zusammen und springt ein, wenn sonst keiner Zeit hat. Ein Blick über die Landesgrenzen – etwa London – zeigt, dass sonntags gern mit Aushilfen gearbeitet wird, die keine großen Gagen kassieren. Und den USA weiß ohnehin niemand, wie man das Wort Sonntagszuschlag buchstabiert.

„Old habits die hard“ hat Mick Jagger einst gesungen (Alte Gewohnheiten legt man schwer ab). Stimmt auch in der Sonntagsfrage. Viele wollen lieber Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Das hat auch in diesem Advent der verkaufsoffene 19. Dezember einmal mehr bewiesen.

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