© Jeff Mangione

Meinung
07/18/2021

Paaradox: Hungergefühle

Wenn er mangels Zuckerzufuhr zittrig wird – und sie nur bedingt nachvollziehen kann, warum man zwei Familienpackungen Schnitten auf einen Sitz vertilgen muss.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Ja, auch der Mann nebenan schwächelt zuweilen. Es geht um ein Phänomen, das er als Energieloch beschreibt. Ein mächtiges Ding  seiner Bedürfnisaura, das  Materie schluckt, wie das schwarze Loch im Universum. Aber dazu später.

Als hochsensible Ehefrau kann ich das Heranwälzen so eines Energielochs spüren. Wie unlängst auf der Autofahrt ins verlängerte Wochenende. Zum Frühstück hatte er  nur zwei Kipferln statt der üblichen fünf geknuspert, was bereits 144,5 Minuten danach Probleme macht. Auf einmal fängt er an zu gähnen, sich die Augen zu reiben und  jammrig zu werden. Ein Verhalten, das mich an meine Kinder erinnert, als sie im Alter von vier Jahren ungeduldig waren, weil das Essen nicht rechtzeitig fertig wurde.  Die Kleinen plärrten und quengelten dann. Oder machten was kaputt.

Unterzuckert

Kaputt macht der Hufi nix, weinen tut er nur bei Fußballhymnen, doch den  Quengel-Sonderpreis kriegt er. Da sitzt er und jeiert, dass er unterzuckert und untersalzt sei und fragt, wann die nächste Tankstelle käme, um Traubenzucker zu kaufen. Und Mineralwasser. Ich kratze ihm dann den Nacken und atme mit ihm synchron. Wohl wissend, was da kommt: eine Shoppingtour, jenseits von Traubenzucker & Mineral. Das Loch Fress schreit: Will haben! Und animiert ihn, salzig-fette Snacks (2 XL-Packerl) zu kaufen, sowie Schnitten (2 Familienpackungen) und jenen Karamell-Riegel, der ihn ganz arg an die Pubertät erinnert.

Die nächsten 50 km darf ich dann als „Füttern auf Rädern“-Assistenz fungieren, die Erdnusslocken reicht  und pickertes Zeugs in sein Zuckergoscherl schiebt. Wenn ich frage, wo die Birne ist, um die ich ihn beim Tankstellenstopp gebeten habe, sagt er nur: Ui, die hab ich vergessen! Aber du kannst gerne was von meinem Riegel haben. Doch Pech. Sein schwarzes Loch hat  längst  alles verschlungen.

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Auftritte:  23. 7., Mank; 10. 10., 1. 11., Rabenhof Wien

E-mail: gabriele.kuhn@kurier.at Facebook: GabrieleKuhn60

ER

Ja, mitunter werde ich tatsächlich „jammrig“, wie es meine Frau bezeichnet. Etwa dann, wenn sie mir ein Viertel Schwarzwälder Kirschtorte offenbart, das sie als Überbleibsel einer Geburtstagsjause geschenkt bekommen hat. Und ein Dialog entsteht.

Sie: Schau’, musst du kosten, irre gut. Ich: „Naja, begeistert mich jetzt nicht so.“ Sie: Doch. Ich: „Nein.“ Sie: Meine Güte, jetzt nimm halt einmal eine Gabel. Ich: „Aber ich mag Schwarzwälder Kirschtorte nicht.“ Sie: Die wirst du mögen. Ich: „Nein.“ Sie: Aber die ist megaschokoladig. Ich: „Also, ich habe in meinem Leben gefühlt siebzehn Mal so eine Torte probiert, weil immer irgendwer gesagt hat, dass mir dieses Exemplar  fix munden wird. Kein ein einziges Mal war es dann so.“ Sie: Das wird die Premiere. Ich: „Wirst du nie erfahren, weil ich keinen Bissen davon nehme.“ Sie: Das ist jetzt kindisch. Ich: „Eh. Na und? Iss du sie eben allein.“ Sie: Spinnst du, dann kannst du mich da rausrollen.

Extrem ungesund

Der Unterschied zwischen uns ist, dass ich nicht dazu neige, die Liebste kulinarisch zu missionieren. Wenn sie sagt, dass sie eine Familienpackung Schokobananen niemals verdrücken könnte, dann akzeptiere ich das und bedaure sie für diese nicht vorhandene Fähigkeit. Aber ich sage nicht: „Probier’s doch. Vielleicht wird dir gar nicht schlecht.“

Umgekehrt hingegen glaubt sie zu wissen, was gut für mich ist. Und will mich lieber minutenlang zu einem Stück Torte überreden als schweigend hinzunehmen, wie ich hintereinander Chips, Gummibärli und Schokolade schnabuliere.

Folglich teilt sie mir mit, dass dieses Zeugs extrem ungesund ist und macht dabei ein Enthüllungsgesicht, als hätte sie als einziger Mensch der Welt eine Lösung für die Unvereinbarkeit von Quantenmechanik und Allgemeiner Relativitätstheorie. Und sie ärgert sich, wenn ich sage: „Ich weiß. Mir wurscht.“ Zumal ich ohnehin nie alles verputzen darf, weil gnä Kuhn nämlich neun bis elf Mal selbst zugreift. Natürlich stets mit den Worten: Nur einmal kosten.

E-mail: michael.hufnagl@kurier.at Facebook: michael.hufnagl.9

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