© Jeff Mangione

Kolumnen
07/11/2021

Paaradox: Heikle Fragen

Gut, wenn zwei einen so lustigen wie tiefsinnigen Film sehen dürfen, der zentrale Lebensfragen aufwirft. Tückisch ist dann auch die Diskussion danach.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Unlängst saßen wir mit Kathrin & Arnold, Diana & Götz im Wohnzimmer. Nein: Wir knotzten vor dem Fernseher und sahen den beiden Paaren zu, wie sie sich im (sehenswerten neuen) Kinofilm "Risiken und Nebenwirkungen" an einer diffizilen Frage abarbeiteten: Würdest du mir, als mein Partner/meine Partnerin eine Niere spenden, wenn die Blutgruppe passt? Weil ich sie dringend brauche? Darum dreht sich in dem Oeuvre von Regisseur Michael Kreihsl vieles – und um noch einiges mehr. Wir durften es vorab sehen, aber sonst sag’ ich nix, weil: Spoileralarm! Das müssen Sie schon selbst herausfinden – im Kino. 

Herumeiern

Der Film dauert 100 Minuten, für uns  doppelt so lang. Weil wir danach endlos diskutierten. Und  der Mann nebenan komisch herumeierte, als wir diese Frage ebenfalls erörterten. In seinem typischen Hmja, hmja-Stil, der weder ja noch nein bedeutet. Hufnaglsches Geschwurbel, Motto: Nur net festlegen, aber auch nicht als Unsympathler wirken. Ich war irritiert, zumal ich mich bereits ab Filmminute 15 in einer megaromantischen Vorstellung einbetoniert hatte und meinen Liebsten geistig vor mir sah, wie er mir  auf Knien seine Niere offerieren würde. Mit der Titelmelodie aus „Love Story“ im Hintergrund und einem zittrig gehauchten: Für dich, Gaby, tu ich alles. Magst vielleicht noch ein Stück von meinem Leberl als Draufgabe? Aber leider: Nix da. Stattdessen folgten trockene Fragen: Wie genau ist das gesetzlich geregelt? Tut das weh? Und krieg ich  meine Niere wieder zurück, wenn du dich Wochen später mit dem Urologen deines Vertrauens über die Häuser haust? Flups, landete ich in der Realität. Dann nachts, dieser wunderbare Traum: Darin kam 007, alias Daniel Craig, mit dem Schnellboot vom Ende der Welt und riss sich den Smoking vom Leib, um mir sein Herz  zu schenken. Ich war sehr gerührt.

Hört rein in unseren Podcast „Schatzi, geht’s noch?“ auf kurier.at und allen Podcast-Apps

Auftritte:  23. 7., Mank; 10. 10., 1. 11., Rabenhof Wien

E-mail: gabriele.kuhn@kurier.at Facebook: GabrieleKuhn60

ER

Wir neigen bekanntlich alle dazu, genau zu wissen, was wir tun würden, geschähe dies oder das, oder befänden wir uns in der Situation anderer Menschen. Im Reich des Konjunktivs herrschen ja grenzenlose Überzeugung und Entschlossenheit, weil die Umsetzung nicht erforderlich ist. Meine Frau ist diesbezüglich unantastbar. Theoretisch hat sie schon längst Corona besiegt, den Weltfrieden hergestellt und aus mir einen Traummann mit 007-Aura geschnitzt – ließe man sie nur bitte endlich an den Schalthebeln der Veränderung herumwerkeln. Gnä Kuhn verfügt zu jeder Zeit über einen Plan A, B und C, und das ohne Zögern. Umso irritierter ist sie, wenn ich Bedenken äußere. Dann nennt sie mich einen pragmatischen Yesbutter. Im Bewusstsein, dass wir noch auf Bäumen leben würden, hätte sich historisch betrachtet das „Ja, aber“ als Credo durchgesetzt.

Großes Grübeln

Dabei habe ich  an den hypothetischen Gedanken, ihr eine meiner Nieren zu überlassen, nur Fragen geknüpft. Wie auch der Hauptdarsteller in "Risiken und Nebenwirkungen", der alle möglichen Konsequenzen zur Diskussion stellt, allerdings stets mit dem Hinweis: „Ich habe noch nicht nein gesagt.“ In diesem Sinne habe auch ich nach dem Film das Spende-Szenario in allen Varianten durchgespielt. Was die Liebste fast empört hat. Sie benötigt keine Nachdenkprozesse. Sie würde bei Bedarf sogar nicht nur augenblicklich gleich selbst chirurgisch Hand anlegen, sondern dabei auch noch eine romantische Glückwunschkarte verfassen. Aber so wie der Film einige Wendungen nimmt, die ein Grübeln garantieren (etwa darüber, wie sicher man ist, tatsächlich die eigene Blutgruppe zu kennen), so haben wir uns auch darauf verständigt, dass die Thematik natürlich sehr ernst ist. Nicht umsonst heißt es in schwierigen Phasen: Das geht mir an die Nieren. Aber irgendwie sind solche Geschichten auch schön. Weil man viel sinnieren kann: über das Drehbuch des Lebens, die Liebe und ihren unschätzbaren Wert.  

E-mail: michael.hufnagl@kurier.at Facebook: michael.hufnagl.9

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