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12/17/2018

Attersee-Plakat: Weibliche Stärke, wie sie Männern gefällt

Wie ein Ski-Plakat alle Empörungshebel umlegte und dabei weder die Kunst noch den Feminismus weiterbrachte

Manche, die am Wochenende vielleicht tatsächlich Skifahren waren oder sich in anderen Empörungstälern (etwa bei Andreas Gabalier) aufgehalten haben, haben es vielleicht verpasst, aber: In den vergangenen Tagen ist noch eine Lawine in den sozialen Medien abgegangen. Der auslösende Brocken lag schon eine Weile am Berg oben - es ist das Werbesujet, das der Künstler Christian Ludwig Attersee für den Ski-Weltcup in Semmering am 28. und 29.12. gestaltet hatte. Er tut dies schon seit vielen Jahren, nun aber kam es zum Eklat, da das Sujet einer nackten Skifahrerin gerade vor dem Hintergrund der zuletzt bekannt gewordenen sexuellen Übergriffe im ÖSV als völlig deplatziert wahrgenommen wurde. Wie die Ex-Skiläuferin Nicola Werdenigg gegenüber dem KURIER sagte, sei ihr das Sujet schon lange ein Dorn im Auge gewesen, endlich werde darüber diskutiert.

Wie das in sozialen Medien so üblich ist, wurde in der Schnelle der Diskussion sehr impulsiv aus der Hüfte geschossen, und so bildete sich innerhalb kurzer Zeit ein Argumentationsbatzen, in dem sich viel vermischte und der - so steht zu befürchten - viele Sichtweisen nicht verschob, sondern zementierte. Denn es geht nicht nur um Werbung und um ein Plakat, sondern auch um Kunst, und die sollte bekanntlich frei sein.

Das befinden auch gern jene, die sich sonst nicht so viel aus Kunst machen, aber doch gern weiterhin das sagen möchten, was sie immer schon gesagt haben. Leider aber, man kann es nicht oft genug betonen, ist Kunst nicht einfach Kunst: ein Werk im öffentlichen Raum hat eine andere Wirkung als eines, das im dezidierten Kunstkontext (Galerie/Museum/Künstlerbuch) erscheint; es macht auch einen Unterschied, ob ein Werk zweckfrei, also nur als Kunst, auftritt oder ob es noch andere Ziele wie eben die Bewerbung eines Artikels oder einer Veranstaltung verfolgt. Und so muss sich Kunst auch manchmal mit kunstfremden Kriterien messen lassen.

Christian Ludwig Attersee hat die Grenzen des reinen Kunstraums immer wieder verlassen, man erinnert sich an die "Atterseewurst" oder den "Atterski" sowie eine Serie vom Künstler gestalteter Weinetiketten. Die Grenzüberschreitung ist legitim, doch sie ist stets nur ein Angebot gegenüber einer Öffentlichkeit, der man nicht dieselben Sehkriterien unterstellen kann wie einem reinen Kunstpublikum. Die Frage, ob eine "Atterwurst" künstlerisch wertvoll ist, geht ebenso am Ziel vorbei wie die Frage, was die Intention des Künstlers war und ob die Welt ungerecht ist, wenn sie diese nicht versteht. 

Im Fall des Ski-Plakats demonstrierte der Künstler, dass er diese Unterscheidung jedoch nicht einsieht. "Ich betrachte den Entwurf zu dem Plakat als ein Kunstwerk für die Öffentlichkeit, in dem die Kraft, Eigenständigkeit und das Selbstbewusstsein der Frauen positiv gezeigt wird", erklärte er. "Gehen wir beispielsweise ins Kunsthistorische Museum, so werden wir auf jedem zweiten Bild entkleidete Frauen finden, viele auch nur Brüste zeigend. Das 'Brüste Weisen' gilt seit dem Mittelalter als Ausdruck der Stärke der Frauen gegenüber der kriegerischen Männerwelt (...) Das Bild zeigt die Sportlerin in voller Aktion, die Nacktheit schenkt ihr Vertrauen in ihre Umwelt."

Abgesehen davon, dass der Museumsraum mit dem öffentlichen Raum gleichgesetzt wird, krankt diese Argumentation daran, dass erneut wieder ein Mann definiert, wo und wie eine Frau Stärke zeigen soll. Tatsächlich gibt es reihenweise Beispiele für Nacktheit als Zeichen von Selbstermächtigung - vom wundersamen Gemälde der "persischen Frauen" des Barockmalers Otto van Veen, das im Kunsthistorischen Museum hängt, bis zum Protest der Femen-Bewegung. In all diesen Fällen war bzw. ist die Nacktheit jedoch selbst gewählt.

 

Anstatt also die Kunstfreiheit als Vorwand für ein "das wird man ja noch sagen dürfen" - Argument heranzuziehen, die letztlich nur den eigenen Standpunkt einzementiert, wäre es zielführender, in eine Diskussion darüber einzutreten, wer die Grenzen des Zumutbaren definiert, wie sich diese Grenzen verschieben - und ob die eigenen Kritierien nicht auch mal ein Update brauchen.

Es gibt kaum einen besseren Ort dafür als jenen der Kunst: in Museen und Ausstellungshallen findet man einen Raum vor, in dem Standards verschiedener Zeiten vergleichbar werden und in dem auch die Verletzung von Normen passieren darf, ja passieren muss - deshalb ist auch jede Form von Zensur in diesen Räumen abzulehnen. Ein wagemutiges Sehen und Vergleichen steht aber nicht im Widerspruch dazu, Veränderungen in den Machtverhältnissen und den damit einhergehenden Darstellungsformen zu respektieren.