Die Deutschland-Wahl oder: Auf zum letzten Gefecht

Die AfD greift Wähler allerorts ab, die SPD übt sich in Realitätsverweigerung, und Friedrich Merz ist zum Erfolg verdammt. Keine allzu guten Aussichten für Deutschland im Jahr 2025.
Evelyn Peternel
Eine lächelnde Frau steigt aus einem Auto, umgeben von Kameras und Menschen.

Wer Olaf Scholz am Samstag vor der Wahl zugehört hat, konnte denken: Der Mann hat noch immer nicht verstanden. Er stand in seinem Wahlkreis, lächelte, und sprach über die schöne rote Welt, die er Deutschland bietet. Hohe Renten, tolle Ärzte, wunderbare Sozialleistungen, was man halt so will.

Realitätsverleugnung

Einen Tag später war er abgewählt, und zwar fulminant. Doch passiert ist: nichts. Die Genossen machen weiter wie bisher, nur ohne ihren Olaf, die Parteichefs bleiben im Amt. Friedrich Merz ließen die beiden sogar leicht oberlehrerhaft wissen, dass der die „Gräben nur tiefer gemacht“ habe. Man warte nun gespannt auf dessen Vorschläge für eine Koalition.

Das alles wäre in normalen Zeiten vernachlässigbar, ist ja nur die SPD, und die war immer schon etwas langsam. Aber die Zeiten sind nicht normal, sie sind so abnormal wie schon lange nicht. Genau darum machen viele Wähler ihr Kreuz ja dort, wo alles wieder einfach, wieder wie früher scheint: Arbeiter und Geringverdiener sind am Sonntag in Scharen von der SPD zur AfD übergelaufen, und im Osten hat die Union keinen einzigen – wirklich keinen einzigen! – Wahlkreis holen können. Der Osten ist komplett blau.

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Selbsternannte Volkspartei

Die AfD ist damit zur zweitgrößten Partei des Landes geworden, fühlt sich selbst nun als „Volkspartei“. Dass es so gekommen ist, hat viel mit Scholz’ Schwäche und seiner Realitätsblindheit zu tun. Aber auch die fehlende Strahlkraft eines Friedrich Merz hat dazu beigetragen. In normalen Zeiten wäre er, der Unbeliebte, nicht Kanzler geworden, heißt es in Berlin. Aber er ist es jetzt nun mal.

Dass Merz sich am Tag nach der Wahl hinstellte und sagte, dass die SPD einer „Existenzkrise“ sehr nahestehe, er aber als „Demokrat kein Interesse daran“ habe, „dass die SPD zerstört wird“, ist da ein gutes Zeichen. Wenigstens er scheint verstanden zu haben, worum es gerade geht. Er ist dazu verdammt, mit der SPD zu regieren, mehr noch: Er ist zum Erfolg verdammt.

Scheitert er, bleibt er blass wie Scholz, gewinnen die Extremen. Und dann wartet nicht nur auf die SPD das letzte Gefecht.

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