Auf und davon: Heide Pippan fuhr mit dem E-Bike den Jakobsweg
Brustkrebs
10/03/2013

„Den Krebs hab’ ich dortgelassen“

Die Wienerin Heidi Pippan bewältigte nach der Diagnose den Jakobsweg

von Ingrid Teufl

Heidi Pippan war immer aktiv, sportlich. Und jemand, „der das Ziel und nicht so sehr das Problem fokussiert“. Wenn das Problem Brustkrebs und das Ziel Jakobsweg heißt, sorgt das gelegentlich für Unverständnis. 750 Kilometer in 14 Tagen, auf dem E-Bike. „Alle haben mich für verrückt erklärt.“

Im Jänner 2013 hatte sie selbst kurzfristig gefürchtet, verrückt zu werden. Als ihre linke Brust anschwoll, sie eine großflächige Verhärtung spürte und kurz darauf die Diagnose Brustkrebs erhielt. „Auf einen Schlag war alles anders. Als ob jemand einfach das Fernsehprogramm umgeschaltet hat.“ Dabei sollte das Jahr 2013 „ihr“ Jahr werden. Heidi hatte gerade den Job gewechselt und sich an ihr neues Leben gewöhnt. Denn 2011 waren innerhalb von vier Monaten Vater und Mutter gestorben.

Unterkriegen ließ sich die gebürtige Kärntnerin, die in Wien lebt, nach der ersten Verzweiflung aber nicht. „Man muss sich schnell fassen, weil man ja ein neues Projekt hat.“ Für Heidi hieß das: „Die Dinge Schritt für Schritt angehen. Ich war immer ein Energiebündel. Ich glaube, aktiv zu leben, hat mir geholfen, mit dem Krebs umzugehen.“

Trotz belastender Chemotherapie versuchte die promovierte Juristin und Wirtschaftswissenschaftlerin, sich regelmäßig zu bewegen – zu Fuß oder per Fahrrad. „So gut es eben geht.“ Teilweise half ihr Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), aber: „Mit manchen Nebenwirkungen muss man leben.“

Für Heidi Pippan war das vor allem der Haarausfall, der bereits zwei Wochen nach der ersten Chemo-Infusion losging. „Nach eineinhalb Tagen habe ich versucht, wieder nach vorne zu blicken. Ich hab’ es einfach als eine neue Frisur gesehen, ich hab nicht oft Perücke getragen.“

Irgendwann war dann plötzlich die Idee mit dem Jakobsweg da. „Eine Freundin ist ihn gegangen und erzählte, dass sie auch Radfahrer gesehen hätte.“ Sich mental und körperlich stärken – das war der Plan. Geschwächt durch die Chemo war ihr klar, dass sie das bei aller Begeisterung nicht schaffen würde. Sie begann zuhause, täglich wenige Kilometer zu fahren und stieg auf ein E-Bike um. Es unterstützt die eingesetzte Muskelkraft mit Hilfe von Strom. „Das war noch immer extrem anstrengend.“ Aber sie ließ nicht locker. „Mir geht es gut, wenn ich selbst aktiv werde und neue Kräfte entdecke, auch wenn es manchmal keineswegs leicht ist.“

Im September flog Heidi also nach Nordspanien, radelte von Pamplona bis Santiago de Compostela. Spätestens auf diesem Weg lernte sie, im Moment zu leben. „Diese Landschaft, diese tolle Natur, die einem wie im Märchen vorkommt, sind traumhaft. Von diesen Eindrücken kann man sich so viel mitnehmen.“

Mitgenommen hatte sie auch einen Stein aus Österreich. Es ist ein altes Pilgerritual, bei einem Eisenkreuz in Santiago einen Stein aus der Heimat abzulegen. „Damit lässt man auch seine Sorgen, die Dinge, warum man den Jakobsweg bewältigt, hinter sich. Ich hab’ den Krebs dort gelassen.“

Rituale

Und weil sie schon unterwegs war, strampelte die Radpilgerin, die „nicht gläubig im klassischen Sinn ist“, noch die 60 Kilometer nach Finisterre. Dort, am „Ende der Erde“ spürte sie tatsächlich nochmals die Symbolkraft ihrer Reise. „Hier ist der Weg wirklich zu Ende, es geht nicht weiter.“ Sie hielt sich erneut an ein traditionelles Pilgerritual: „Man soll etwas verbrennen, das einen auf der Reise begleitet hat.“

Heidi Pippan überlegte nicht lang und griff zu ihrer Schirmkappe. „Sie hat mich den ganzen Jakobsweg über vor der Sonne geschützt, jetzt brauche ich sie nicht mehr. Und meine Haare wachsen auch wieder.“