„Ich dachte nur, ich habe Südamerika noch nicht gesehen – das geht nicht!“
Brustkrebs
10/02/2013

„Ich hab’ die Spiegel zugehängt“

Susi Safer führte ein öffentliches Bilder-Tagebuch über ihren Kampf gegen Krebs

von Laila Daneshmandi

Susi Safer nannte ihre Facebook-Seite beim Namen: „Susi hat Krebs.“ Dort postete sie ein Jahr lang Bilder von lustigen Perücken-Anproben, von befreienden Rad- und Ski-Touren, aber auch von bedrückenden Momenten, als immer mehr Haare im Abfluss landeten. Sie verarbeitete ihre Brustkrebs-Erkrankung. „Das war mein Tagebuch, wo ich meine Gedanken loswerden konnte. Fröhliche Bilder waren für mich die bessere Variante, die Krankheit durchzustehen. Ich hatte dabei das Gefühl, die Welt hört mich.“

Als der Krebs ihr Leben veränderte, war Susi „ganz kitschig: in der Blüte meines Lebens“. Die damals 35-Jährige war selbstständige Werberin, hatte eine glückliche Beziehung und einen großen Freundeskreis. Im März 2010 entdeckte sie einen „Knödel“ in ihrer Achsel – der ärztliche Befund: Kein Grund zur Sorge, ein inaktiver Lymphknoten. Bis Juni wuchs er auf vier Zentimeter an. Susi ließ ihn aus optischen Gründen entfernen – und aus Vorsicht. Es war doch Brustkrebs. Zwei Monate später hatte sie keine Haare mehr am Kopf. Wenig später verließ sie ihr Freund.

Abenteurerin

Aber Susi plante noch viele Abenteuer. „Ich habe mich nicht lange mit dem Wieso aufgehalten. Ich dachte nur, ich habe Südamerika noch nicht gesehen – das geht nicht!“ Gegen ihre Angst bekam sie Medikamente. Die Krankheit, die gescheiterte Beziehung, irgendetwas in ihrem Leben musste stabil bleiben: „Meine Freunde haben mich unterstützt, mir viel Kraft gegeben und ich habe versucht, beruflich aktiv zu bleiben – so gut es ging.“

Den Rest ihres Lebens überließ sie der Therapie: „Man ist zumindest ein Jahr lang fremdbestimmt. Das war so schwer für mich, weil ich immer alles alleine kann. Hier musste ich mich aufs Floß setzen und mich treiben lassen. Nur nicht dagegen ankämpfen.“

Auf ihrer Facebook-Seite berichtete Susi von Hochs und Tiefs: „Schwester Sabine hält meine Hand, beim ersten Tropfen schießen mir die Angsttränen ins Gesicht. Dann alles gut. Kortison, Übelkeit, vollgepumpt mit Zeugs.“

Susi unterstützte die Krebs-Therapie mit Komplementärmedizin, machte viel Sport, nahm regionale und saisonale Früchte zu sich. Doch die Behandlung zehrte stark an ihrem Körper. „Irgendwann hab ich die Spiegel zugehängt. Das ging alles einfach zu schnell, ich hatte gar keine Zeit, es zu verarbeiten.“

Ihre Lebensfreude verlor Susi trotzdem nicht. Als sie zu schwach wurde, um ihrer Passion Radfahren nachzugehen, bekam sie von Freunden ein E-Bike geschenkt. Sie radelte jeden Tag.

Umarmungen

Wegen der fehlenden Haare begann auch ihre Umwelt auf sie zu reagieren: „Der Haarausfall war wie ein Gips. Plötzlich wollten mich auf der Straße Fremde umarmen.“ Sie erhielt vorübergehend einen Pensionistenausweis – die 35-Jährige machte sich einen Spaß daraus, ihn herzuzeigen.

Im März 2011 – ein Jahr, nachdem Susi ihren „Knödel“ entdeckt hatte – war es endlich vorbei: „Ich hatte einen geschundenen, ausgezehrten Körper, aber ich war glücklich, dass ich mein Leben wiederhaben darf.“ Inzwischen muss sie nur noch alle sechs Monate zur Kontrolle.

Drei Monate nach ihrer letzten Chemotherapie wuchsen ihr wieder Haare. Susi hat eine neue Beziehung. Und sie sieht sich wieder gerne im Spiegel an.

Jede Betroffene erlebt ihre Erkrankung anders. Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen – auch anonym: meinsonntag@kurier.at. Wir teilen Sie online für andere Betroffene.

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