Leben
14.10.2018

Wenn nichts mehr geht: Wie Menschen Wege aus der Krise fanden

Burn-out, Depression, Alkoholsucht – drei Betroffene erzählen von ihren Abgründen und wie sie ihnen entkamen.

Maria Kern, die mehr als 20 Jahre lang ihr Geld mit dem Schreiben von Texten verdient hat, bringt plötzlich keine Zeile mehr zustande.

Schreiben? Das geliebte Schreiben. Es geht nicht mehr. Kein Satz, kein Wort. Die Finger ruhen auf der Tastatur. Rien ne va plus.

Eine Schreibblockade? Mit Sicherheit nicht. Das ist maximal etwas für erfolglose Buchautoren. Lächerlich!

Einfach den Laptop wegstellen, abschalten, etwas essen, dem Kopf Sauerstoff zuführen.

So. Nochmal von vorne. Die vorhandenen Textfragmente sind doch nicht so schlecht. Komm schon! Reiß dich zusammen!! Es geht nicht. VERDAMMT!!! WARUM???

Warum funktioniert etwas, zu dem man mehr als 20 Jahre lang berufen war, auf einmal nicht mehr? Ausgepowert? Leer? Burn-out? Depressionen?

Nein. Das kann, das darf nicht sein! Den Anforderungen des Lebens nicht mehr gerecht werden können? Das kommt tausendfach vor, es passiert – anderen.

Aber all die Erklärungen, das Lamento, sie sind vergeblich. Das freudsche Über-Ich hat keine Autorität mehr. Nicht einmal eine Buchlektüre kann es noch anordnen. Erbärmlich. Das große "Über-Ich" ist zu einem Schwächling mutiert.

Das "Es" dagegen ist stark. Unglaublich stark. Es hat vollkommen die Macht übernommen. "Es" will schlafen, schlafen, schlafen. Tag und Nacht. Von Montag bis Sonntag. Bei Sonne, bei Regen. Nicht essen, nicht reden, nicht lesen, einfach nichts tun. Nur schlafen.

Ok. Das ist gewiss nur eine kleine Erschöpfung, der Arzt konstatiert einen Infekt. Der ganze Körper schmerzt. Krank kann ja jeder werden. Ein paar Tage ausruhen, dann wird es wieder. Wie immer.

Diesmal nicht. Der Körper, die Seele – sie rebellieren. Sie zwingen zum Umdenken, zur Einsicht. Ein neuer Job, die Tochter in einer neuen Schule, ein verdächtiges Gewächs im Körper, eine Scheidung im Freundeskreis, Angst um einen geliebten Menschen, Freunden zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Ohr schenken. Das war zu viel in einem Jahr.

Das sagt die innere Stimme. Das sagen Fachkräfte – und prophezeien eine langwierige Genesung.

Bis Weihnachten werde es wohl dauern. Bis Weihnachten? Das kann nicht sein!

Es läuft doch schon viel besser! Kein Mittagsschläfchen mehr nötig, der Haushalt wird geschupft, das Kind versorgt.

Das Stoppschild wurde brav beachtet, sogar der Job quittiert, also ein anderer als der vorhergesehene Weg eingeschlagen. Der Blick, er geht nicht mehr zurück, er ist wieder nach vorne gerichtet.

Alles paletti? Natürlich nicht. Ein kleiner Virus treibt erneut in die Verzweiflung ("Warum bin ich jetzt, da es endlich aufwärts ging, schon wieder krank?").

Ok, ok, Ok. Physis und Psyche brauchen Zeit. Die Botschaft ist angekommen. Endgültig.

Es ist wie es ist. Akzeptiert.

Und plötzlich geht es wieder. Das Lesen – und vor allem das Schreiben. Vielleicht war die Weihnachtsprognose doch übertrieben. Ein Brief ans Christkind  geht sich jedenfalls locker aus. Er wird ohnedies kurz. Es gibt nur einen Wunsch. Wieder vollends durchstarten, den Lebensweg weiter beschreiten zu können – selbstverständlich mit verminderter Geschwindigkeit und weniger Gepäck. Das ist hiermit dokumentiert, schriftlich.

Burn-out

Diagnose: Burn-out ist ein Überbegriff für Zustände, in denen man sich über längere Zeit psychisch und physisch vollkommen ausgebrannt fühlt. Oft geht der Zustand mit Depressionen, Angstzuständen, Schlafstörungen, Verdauungs- oder Rückenbeschwerden etc. einher.

Anlaufstellen: Der Haus- oder ein Facharzt (z.B. eine Neurologe) entscheidet über die Therapie – die Möglichkeiten reichen von Medikamenten über Psychotherapie bis hin zum Spitalsaufenthalt. Es geht darum, die Ursachen zu eruieren und zu überlegen, wie man Belastung künftig reduzieren kann. Hilfe gibt es unter anderem bei Erste Hilfe für die Seele und bei der pro mente Austria. Bei Suizidgedanken und Problemen, einen Arzt zu finden, sollte man eine psychiatrische Ambulanz aufsuchen. Auch der Notfallpsychologische Dienst hilft weiter (0699/18 85 54 00).

Florian Hofer war gerade einmal 17 Jahre alt, als er sich das Leben nehmen wollte.

Was ich fühle, wenn ich heute in den Spiegel schaue? Ich bin stolz auf mich. Das war nicht immer so. Genau gesagt, noch nie.
Ich war schon immer der ruhige, nachdenkliche Typ, aber mit 13 habe ich gemerkt, dass meine Lebensqualität abnimmt. In der Nacht lag ich wach, weinte viel. Ich habe wenig bis gar keinen Sinn im Leben gesehen. Mit zwölf hatte ich eine schwere Kopf-Operation, die Ärzte entfernten einen gutartigen Tumor von meinem Kleinhirn. Es kann sein, dass das ein Grund war, aber sicher ist das nicht.

Ich hatte eine normale, schöne Kindheit und war ein guter Schüler.  Heute würde ich sagen, dass ich wahrscheinlich den falschen Freundeskreis hatte. Sie waren "die Coolen", die sich nie viele Gedanken über irgendwas gemacht haben, sehr extrovertiert, jedes Wochenende Party. Keiner  tickte so wie ich.

Ich fühlte mich wie der einsame Wolf, der mit niemandem reden konnte. Im Nachhinein ist das dumm, weil genug Leute da gewesen wären. Ich glaube schon, dass meine Freunde etwas gemerkt haben, aber nicht so, dass sie sich gedacht haben, ich spreche ihn jetzt darauf an. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, dass jemand auf mich zukommt. Von alleine schafft man das nicht.

Gedanken an den Tod hatte ich fast täglich. Dabei wird meiner Meinung nach eines meist missverstanden: Man glaubt, dass die Leute nicht mehr leben wollen, dabei wollen sie das Leben, das sie jetzt führen, nicht mehr. Sie sind es leid, damit zurechtkommen zu müssen.

Erleichterung

In der Schule habe ich normal weitergemacht, obwohl es eigentlich nicht mehr möglich war.  Irgendwann hat mein Körper reagiert: Ich habe fast nichts mehr gegessen oder mich nach dem Essen übergeben. Um meinem tristen Leben einen Kick zu geben und mich selber zu spüren, habe ich Zigaretten auf meiner Haut ausgedämpft.

Dann, in der Halloween-Nacht 2016, ist es eskaliert. Ich war mit Freunden unterwegs und ziemlich betrunken. Beim Heimgehen wollte ich mich von der Brücke werfen. Ein Freund hat mich zurückgehalten. Er hat mir das Leben gerettet.

Die Idee mit der Brücke hatte ich schon vorher – das ist nichts, was man einfach so spontan macht. Als mich die Polizisten, die zufällig gerade da waren, mitnahmen, war ich trotzdem sehr erleichtert und habe mich nicht gewehrt. Die folgenden drei Monate verbrachte ich stationär auf einer Kinder- und Jugendstation. Zu wissen, dass man nicht der Einzige ist, hilft. Trotzdem hat es lange gedauert, bis es mir besser ging. Nach Monaten sind die Ärzte draufgekommen, dass ich ein "Fast Metabolizer" bin, das heißt, ich brauche sehr viele Tabletten, damit sie wirken.
Seit ich richtig eingestellt bin, geht es mir besser. Wenn man mit den Hormonen im Gleichgewicht ist, regelt sich vieles von alleine. Ich würde sagen, ich bin heute ein komplett anderer Mensch.   Meine ganze Energie fließt in Sport, ich trainiere bis zu sechs Mal die Woche. Das ist einer der Gründe, warum ich heute ausgeglichen bin – körperliche und psychische Gesundheit gehen einher

Aus meiner Vergangenheit mache ich kein Geheimnis. Es ist gut, wenn man sieht, wie jemand, dem es einmal so dreckig ging, souverän im Leben steht. Depressionen sind  immer noch ein Tabu, auch wenn man oft liest, dass es nicht so ist. Eine physische Krankheit sieht und versteht jeder. Wenn  man sagt, man geht in Therapie, hat das einen komischen Beigeschmack, obwohl es etwas ganz Normales ist, das viel mehr Menschen machen sollten.

Kurz nach meiner Entlassung habe ich maturiert. Das neue Umfeld an der Uni hat mich noch einmal auf die Probe gestellt. Im zweiten Semester habe ich mir meine langen Haare abgeschnitten. Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass ich es geschafft habe. Zufriedenheit ist zwar ein großes Wort – aber ich würde sagen, mein Leben ist gerade sehr in Ordnung.

Depression

Diagnose: Depression ist eine häufig auftretende psychische Erkrankung, die mit Antriebslosigkeit, gedrückter Stimmung und sozialem Rückzug einhergeht. Betroffene leiden zudem häufig an mangelndem Selbstwertgefühl.

Anlaufstellen: Hilfe gibt es unter anderem bei Erste Hilfe für die Seele und bei der pro mente Austria. Bei Suizidgedanken und Problemen, einen Arzt zu finden, sollte man eine psychiatrische Ambulanz aufsuchen. Auch der Notfallpsychologische Dienst hilft weiter (0699/18 85 54 00). Unterstützung findet man auch in Selbsthilfegruppen (in Wien z.B. www.club-d-a.at). Angehörige können sich online informieren (www.hpe.at).

Hermann Hofstetter war alkoholkrank. Heute lebt er abstinent.

Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen, dass meine Alkoholkrankheit mir den Start in ein neues Leben eröffnet hat. Das war freilich nicht immer so.

Lange Zeit pflegte ich – wie wohl viele von sich behaupten würden – einen ganz normalen Umgang mit Alkohol. Ich bin im südlichen Niederösterreich aufgewachsen, baute dort mit meiner damaligen Ehefrau Haus, zog zwei Söhne groß und war als Gemeinderat und Mitglied des örtlichen Tennisvereins in meiner Umgebung vollständig integriert. Leider waren das genau jene Tätigkeiten, die mich verstärkt mit Alkohol in Kontakt brachten. Egal, ob ein Geburtstag gefeiert wurde oder man mit Kollegen oder Freunden zusammensaß – irgendeinen Anlass zum Trinken gab es immer. Ich bemerkte nicht, dass sich mein Konsum – ich war damals Mitte 40 – steigerte und das Trinken zum Ritual wurde.

Irgendwann trank ich nicht mehr nur in Gesellschaft, sondern weil ich beruflich zum Teil überfordert war, sich in meiner Ehe Beziehungsprobleme auftaten, mein Sohn die Schule schmiss und meine Mutter an Krebs erkrankte und verstarb. Aus Erfahrung wusste ich, dass Alkohol mir Linderung verschaffen würde. Also griff ich zum Glas. Ich begann mit Bier und gespritztem Wein. Als das nicht mehr die gewünschte Wirkung brachte, trank ich den Wein pur und aus der Flasche. Das Teuflische daran war, dass das eine ganze Weile lang sehr gut klappte. Heute weiß ich, dass ich mir etwas vorgemacht habe, ich war bereits zu diesem Zeitpunkt ein Problemtrinker. Mit knapp 50 merkte ich, dass ich Alkohol brauchte, um überhaupt zu funktionieren. Am Wochenende trank ich oft täglich zwei Flaschen, um mich stabil zu fühlen. Unter der Woche wurde ich spätestens gegen Nachmittag unrund – ein Schluck aus der Schnapsflasche half. Irgendwann wusste ich nicht mehr, ob ich trank, weil meine Lebenssituation belastend war, oder ob mein Leben belastet war, weil ich ständig trank. Ich zog die Notbremse.

Rückschlag und Neustart

Ich begab ich mich für einen stationären Aufenthalt in das Psychosomatische Zentrum Waldviertel in Eggenburg. Dort lernte ich, meine Sucht anzunehmen und Strategien zu entwickeln, um einen Weg aus der Krise zu finden. Nach sieben Wochen kehrte ich guten Mutes nach Hause zurück. Als ich ankam, wurde ich wieder aus der Bahn geworfen: Meine Frau hatte während meiner Abwesenheit den Entschluss gefasst, unsere Beziehung zu beenden. Das war ein Schock – das Verlangen nach Alkohol naheliegend und groß. Dass ich damals nicht zum Glas gegriffen habe, darauf bin ich noch heute stolz. Diese Entscheidung ebnete den Weg für das Leben, das ich heute führe.

Der Klinikaufenthalt war nur der Anfang. Ich merkte rasch, dass ich mich in meinem gewohnten Umfeld nicht mehr wohlfühlte. Ich hatte ein Problembewusstsein entwickelt, die Menschen um mich herum waren aber unverändert. Anlassbezogen gab es auch immer noch Situationen, in denen ich einen Ausweg im Alkohol sah. Nach einem Stabilisierungsaufenthalt in Eggenburg und der Erkenntnis, dass ich mich dafür nicht schämen muss, fand ich in der Selbsthilfeorganisation Blaues Kreuz Halt. Heute bin ich dort ehrenamtlich als Obmann tätig und habe so nach einer Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater auch eine spannende, neue Aufgabe gefunden.

Mittlerweile trinke ich seit 14 Jahren keinen Alkohol mehr, bin wieder glücklich verheiratet und fühle mich in meiner Haut wohl. Hätte es die Sucht nie gegeben, würde ich heute nicht dieses Leben führen. Für mich war meine Erkrankung also auch die Chance auf einen Neubeginn.

Alkoholsucht

Diagnose: Laut dem Anton Proksch Institut unterscheidet sich unbedenklicher Alkoholkonsum von missbräuchlichem Konsum dahingehend, dass bei Letzterem das Trinken von Alkohol eine Funktion übernimmt (etwa Stressabbau, Stimmung verbessern, Angst- bzw. Schmerzlöser). Eine Abhängigkeit liegt vor, wenn der Betroffene schlecht oder gar nicht kontrollieren kann, wann, bis wann und wie viel Alkohol er trinkt. Auch ein Art Zwang, zu trinken ist zentrales Merkmal.

Anlaufstellen: Beratung gibt es unter anderem beim Blauen Kreuz, den Einrichtungen des Anton Proksch-Instituts oder dem Sozialmedizinischen Zentrum Baumgartner Höhe / Otto Wagner Spital im Zentrum für Suchtkranke.