Nach elf Jahren langen Wartens feierte Golf-Superstar Tiger Woods beim Masters in Augusta seinen 15. Majortitel.

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Leben
04/16/2019

Tiger Woods: Welche Rolle die Psyche beim Wiederaufstieg spielt

Erfolge sind Kopfsache, Misserfolge ebenso. Welche Rolle die mentale Stärke beim Wiederaufstieg spielt.

von Marlene Patsalidis, Ernst Mauritz, Alexander Strecha

Er ist wieder da: Unter Tränen nahm Tiger Woods beim US-Golf-Masters in Augusta am Sonntag die Siegestrophäe entgegen – elf Jahre nach seinem 14. und bis dahin letzten Majorsieg. Dazwischen lagen Krisen: Verletzungen, persönliche Probleme und Skandale warfen den heute 43-jährigen US-Amerikaner zeitweilig völlig aus der Bahn.

Von vielen Medien wird die Auferstehung des Golf-Stars als sein "emotionalster Triumph" bezeichnet. Dass sportliche Errungenschaften nach Leistungsproblemen einen besonderen Stellenwert haben, bestätigt Sportpsychologe Georg Hafner. "Diese Momente zählen zu den bewegendsten einer Profisportlerkarriere. Wenn man nach schwierigen Jahren wieder in der Leistungselite ankommt, kann das unglaublich wertvoll sein."

Mit seinem Comeback reiht sich Woods neben Muhammad Ali, Martina Hingis oder Niki Lauda in die Liste jener Sportler ein, die sich nach Rückschlägen in den Spitzensport zurückgekämpft haben (siehe Diashow ganz unten). Laut Hafner teilen sie eine für den Wiederaufstieg wesentliche Gemeinsamkeit: "Was sie auszeichnet ist, dass sie einen sehr starken Willen und ein hohes Selbstwertgefühl haben. Sie haben außerdem, im Gegensatz zu Jungsportlern beispielsweise, den Vorteil, auf Erfolgserlebnisse zurückgreifen zu können." Das Wissen, dass ein Athlet dem damit verbundenen Druck bereits standgehalten hat, könne als Ressource genutzt werden.

In Etappen zum Ziel

Um in erfolglosen Jahren die Motivation nicht zu verlieren, ist Hafner zufolge eine kontinuierliche Adaptierung der eigenen Ziele unabdingbar: "Im Idealfall wird man von einem Psychologen begleitet, der einem hilft, Misserfolge zu reflektieren und sich Etappenziele zu setzen." Auch die Einordnung dessen, was als Erfolg und was als Misserfolg gewertet wird, sollte thematisiert werden: "Je differenzierter die Zielsetzung, desto besser kann man eigene Leistungen einordnen und darauf aufbauen", sagt der stellvertretende Leiter der Fachsektion Sportpsychologie des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen.

Ganz so rational lässt sich die Sache freilich nicht abhandeln: Das Scheitern und mühsame Hinarbeiten auf Erfolge geht mit Wut, Hilflosigkeit und Frustration einher. Diesen Gefühlen muss Raum gegeben werden; der Umgang mit ihnen ist der Grundbaustein mentaler Stärke. "Dabei geht es nicht darum, negative Emotionen auszuschalten, sondern sie anzunehmen und in eine konstruktive Richtung zu lenken. Ein mental starker Sportler ist der, der auch aus einem verlorenen Wettkampf etwas mitnimmt." Hier schließt sich der Kreis zu Krisensituationen im Alltag: Auch hier kann es hilfreich sein, sich im Umgang mit unangenehmen Gefühlen zu üben und sich bewusst zu sein, "dass die Gedanken uns und unser Tun formen".

Krise als Chance

Neben normalen Leistungsschwankungen sind es oft Verletzungen, die Erfolgsserien beenden. Bei der Rehabilitation spielt die Psyche eine entscheidende Rolle. "Wenn ein Sportler während einer Verletzungsphase psychologisch betreut wird, kann er die Zeit, in der er körperlich eingeschränkt ist, für mentales Aufbautraining nutzen – und im besten Fall gefestigt aus der Situation hervorgehen."

Nicht nur bei Rückschlägen ist die Psychologie wichtig. Sie sollte im Sport dauerhafter Begleiter sein. Paradox sieht Hafner, der selbst Olympiasportler betreut, dass die Inanspruchnahme psychologischer Unterstützung manchmal Schwäche angesehen wird. "Um einen Profisportler nachhaltig zu fördern, sollte er seine mentale Stärke genauso trainieren wie Kraft und Kondition."

Wichtig sei nicht zuletzt, dass die Motivation, eine Krise zu überwinden, "aus dem Sportler selbst kommt". "Wenn der Comeback-Gedanke ausschließlich von außen vorgegeben wird, ist das nicht zielführend." Den Sportler in Krisenphasen als Individuum zu betrachten sei essenziell, weil "die einen an der Herausforderung wachsen und andere daran zerbrechen können". Sich nach Misserfolgen einzugestehen, dass man seine persönliche Grenze erreicht hat und es nicht mehr weitergeht, "kann auch wertvoll sein".

Einige Meilensteine im Leben des Tiger Woods

Aufstieg

1996 wird er mit 20 Profi, erster Sieg auf der PGA-Tour (wichtigste US-Golf-Tour). 1997 triumphiert er erstmals beim Masters (einem der vier Major-Tourniere) im Augusta National Golf Club in Georgia. 2001 hält er alle Titel der vier Major-Turniere gleichzeitig – das ist bisher nur ihm gelungen. 2004 Heirat mit der Schwedin Elin Nordegren. 14. Major-Titel 2008.

Fall – und neuerlicher Aufstieg

2009 fährt er mit seinem Auto gegen einen Baum und einen Hydranten, Medien berichten von außerehelichen Affären. 2010 ist die Scheidung von seiner Ehefrau abgeschlossen. 2012 beginnt  eine fast dreijährige Beziehung zu US-Ski-Star Lindsey Vonn. 2014 erste von vier Rückenoperationen, nach 15 Monaten Pause erstes Comeback im Dezember 2016. Im Mai 2017 wird er in Florida wegen Drogenmissbrauchs am Steuer festgenommen, die Bilder schockieren die Öffentlichkeit. Eine stationäre Behandlung folgt. Erneutes Comeback im November 2017 – als 1199. der Weltrangliste. Im April 2019 sein fünfter Triumph beim Masters und sein 15. Erfolg bei einem Major-Turnier.

Lauda bis Jordan: Die größten Sport-Comebacks

Bernie Ecclestone, Niki Lauda

Niki Lauda: Nach zwei WM-Titeln für Ferrari (1975, 1977) wollte Lauda nicht mehr im Kreis fahren. 1982 kehrte er in die Formel-1 zurück und wurde mit McLaren 1984 zum dritten Mal Weltmeister, einen halben Punkt vor Teamkollegen Prost.

Michael Jordan

Michael Jordan: Die Basketball-Legende spielte zwischen 1984 und 2003 in der NBA. Mit den Chicago Bulls gewann er von 1991 bis 1993 den Titel, es folgten ein Intermezzo beim Baseball und das Bulls-Comeback mit den Titeln von 1996 bis 1998.

Alessandro Zanardi

Alessandro Zanardi: Der Italiener bestritt 41 Formel-1-Rennen. Bei einem Unfall im Champ Car verlor er beide Beine, musste sieben Mal wiederbelebt werden. 2005 gewann er ein Tourenwagen-Rennen, holte 2016 in Rio Olympia-Gold im Handbike.

Alexander Popow

Alexander Popow: Der russische Schwimmer dominierte jahrelang die Kurzstrecken, ehe er 1996 in Moskau von einem Straßenverkäufer niedergestochen wurde. Popow gab nicht auf und holte 2003 in Barcelona zwei WM-Goldmedaillen.

Janne Ahonen

Janne Ahonen: Der finnische Skispringer feierte im Laufe seiner langen Karriere drei Comebacks, holte zwei Mal Olympia-Silber und fünf Mal den WM-Titel. 2018 nahm er zum insgesamt siebenten Mal an Olympischen Spielen teil. Dann trat er ab.

Claudia Pechstein

Claudia Pechstein: Die deutsche Eisschnellläuferin ist mit fünf Olympiasiegen die erfolgreichste deutsche Olympionikin bei Winterspielen. Nach einer Dopingsperre kämpfte sie sich zurück. 2017 feierte sie mit 45 Jahren ihren 33. Weltcupsieg.

Mario Lemieux

Mario Lemieux: Die Eishockey-Legende spielte von 1984 bis 2006 für die Pittsburgh Penguins und holte insgesamt vier Mal den Stanley Cup. 1993 wurde bei Lemieux eine Krebserkrankung diagnostiziert, der Center überwand auch diese schwere Hürde.

Martina Hingis

Martina Hingis: Die 38-Jährige feierte insgesamt drei Comebacks. Die Schweizerin, 209 Wochen lang Nummer 1 der Tennis-Welt, gewann insgesamt 25 Grand-Slam-Titel, 2017 siegte sie im Doppel noch in Wimbledon, 2017 bei den US Open.

Muhammad Ali, Sonny Liston

Muhammad Ali: Der größte Boxer aller Zeiten legte auch ein triumphales Comeback hin. Ali war das Maß aller Dinge im Ring. 1967 wurde ihm der WM-Titel aber aberkannt, nachdem er sich geweigert hatte, den Wehrdienst anzutreten. Als ausschlaggebend für seine Entscheidung nannte er zum einen seinen Glauben, sprach aber zum anderen auch die Frage der fehlenden Gleichberechtigung der Afroamerikaner an. Erst 1970 durfte Ali wieder in den Ring steigen, und feierte ein Comeback mit durchschlagendem Erfolg. 1974 wurde Ali im „Rumble in the Jungle“ in Kinshasa gegen George Foreman Weltmeister, er holte sich damit jenen Titel zurück, den er verloren hatte. Sein dritter Kampf gegen Joe Fraser ging als „Thrilla in Manila“ in die Boxgeschichte ein. Ali besiegte 1975 Fraser in einem der besten Kämpfe der Geschichte in der 14. Runde.