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Leben
02/12/2019

Störenfriede im Unterricht: Warum Schulen Regeln brauchen

Auch Schüler stört es, wenn in der Klasse Chaos herrscht. Bildungsexperten und Direktoren erklären, wie sich Regeln durchsetzen lassen.

von Ute Brühl

Ein 14-jähriger Schüler schreit, schlägt um sich, verletzt Lehrer und Direktor. Der Grund für seinen Ausraster: Ein Pädagoge hatte ihn aufgefordert, sein Handy wegzulegen. Die Geschichte hat es vor wenigen Tagen in die Medien geschafft.

Ein Extremfall, sicher. Doch er zeigt ein Problem auf, mit dem viele Lehrer derzeit kämpfen: Mangelnde Disziplin im Klassenzimmer. Da kommen Kinder ständig zu spät, andere bringen nie ihre Hefte mit oder stören permanent den Unterricht. Entsprechend laut ist es in den Schulräumen.

Das fällt auch der Bildungspsychologin Christiane Spiel auf: „Wir haben wohl das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, stellt sie fest. „Gab es früher eine zu starre Hierarchie, haben wir jetzt oft das andere Extrem.“ Wenn Kinder heute zum Beispiel zu ihren Eltern sagen: „Du bist deppert“, laufe etwas grundsätzlich schief – in der Familie und in der Schule. Gerade in der Schule werden gemeinsame Regeln zu einer Herausforderung, weil der Kultur- und Bildungshintergrund der Kinder immer heterogener wird.

Bitte nicht „strafen“

So weit die Analyse. Doch wie bringt man wieder mehr Ruhe in die Schule? Braucht es wieder mehr Disziplin? Christiane Spiel mag diesen Begriff nicht so sehr: „Da schwingt das Wort Strafen mit, weshalb ich lieber von ,Regeln‘ spreche – oder von Respekt und wechselseitiger Wertschätzung.“

Denn diese sind die Basis allen Zusammenlebens: „Regeln sind auch nötig, damit wir gemeinsam Aufgaben erfüllen können. In der Schule müssen wir Regeln vereinbaren, wie wir kommunizieren, einander zuhören, mit anderen Meinungen umgehen. Es muss auch akzeptiert werden, dass die Lehrkraft Anforderungen an die Schüler stellt.“

Direktor wichtig

Hört sich leichter an, als es ist. „Damit das funktioniert, muss sich die gesamte Schule dem Thema stellen – eine Lehrerin steht auf verlorenem Posten, wenn sie als Einzige die Einhaltung von Regeln einfordert.“

Zentral sei deshalb, nach Meinung der Psychologin, die Rolle der Schulleitung, und die Einbindung der Schüler: „Wer Regeln durchsetzen will, muss die Kinder einbinden. Damit vermittelt man ihnen, dass sie ernst genommen werden.“ In der Praxis heißt das: „Die Pädagogen sollten gemeinsam mit den Schülern Regeln formulieren, die in der Schule und der Klasse aufgehängt werden. Sie erinnern sich bei Verstößen gegenseitig daran“, sagt Spiel. Wichtig: „Auch die Lehrer müssen sich an die Regeln halten und von den Kindern einfordern, dass sich alle an sie halten.“

"Wer Regeln durchsetzen will, muss die Kinder einbinden und sie ernst nehmen."

Christiane Spiel, Bildungspsychologin

Das ist auch im Sinne der Kinder: „Die wenigsten Schüler mögen es, wenn im Klassenzimmer Chaos herrscht.“ Zudem geben Regeln und Grenzen Sicherheit.

Lob fürs Wohlverhalten

Stören Kinder dennoch, habe das oft Gründe, die gar nicht direkt mit der Schule zu tun haben: „Oft ist es ein erlerntes Verhalten. Kinder merken, dass sie Zuwendung bekommen, wenn sie sich nicht an Regeln halten – auch Ermahnen ist Zuwendung. Da sollten Lehrer umpolen und sich den Kindern zuwenden, die nicht stören. Das ist dann auch ein Signal an die anderen.“

Das alles ist ein Prozess. Besonders schwierig, wenn Kinder von zu Hause andere Werte gewohnt sind. „Die Schule kann zwar keinen Einfluss auf die Familien nehmen. Doch sie kann klar vermitteln, dass in der Schule eben diese Regeln gelten.“ Und die Schüler wollen Grenzen.

Besonders die Pubertät ist eine Zeit, in der diese erprobt werden. „Das ist völlig normal und gehört dazu“, sagt Spiel. Es sei aber in manchen Situationen wichtig, dass jemand sagt: „Das geht so nicht.“ Jugendliche macht es nicht glücklich, wenn alles wie Watte zurückweicht und sie alles machen können. Sie müssen erleben, dass Personen Respekt einfordern und konsequent sind.

London als Beispiel

Wie wichtig Konsequenz für den Lernerfolg ist, zeigt das Beispiel der Brennpunktschulen in London. Dort ging fast nichts mehr – Schüler bekriegten sich an manchen Standorten mit Messern anstatt zu lernen. Die Stadt startete eine Schulreform. Zwei der wichtigsten Pfeiler: Es wurde nicht geduldet, dass Regeln verletzt wurden – Messer wurden verboten und das Verbot auch umgesetzt – und man erwartete von den Schülern Leistungen.

Erfolgsmodelle aus Österreich

Beispiel 1: Jugendliche, die sich mit Handschlag verabschieden und Lehrer auf dem Gang grüßen: „In der NMS Steyr ist das Alltag“, sagt deren Direktorin Ursula Ortmann mit einem gewissen Stolz. Denn dass „ihre“ Schüler so höflich sind, ist keine Selbstverständlichkeit: „Seit 20 Jahren arbeiten wir daran“, erzählt sie.  Und verrät sogleich ihr Erfolgsrezept: Beziehung. „Uns sind die Probleme der Kinder nicht egal.“ Das spüren die Schüler, denn Wohlverhalten könne man nicht erzwingen:  „Mit Macht alleine geht nichts.“ Im Alltag heißt das: „Wir schreien unsere Kinder nicht an und lassen uns  nicht anschreien.“ Falls ein Schüler sich  gehörig daneben benimmt, werde sofort reagiert:  „Er kommt dann zu mir ins Büro. Ich schaffe es, mit ihm zu reflektieren, die Lage zu beruhigen und den Schüler womöglich für den Rest des Tages abholen zu lassen. Wenn die erste Emotionen sich gelegt haben, gelingen gute Gespräche mit Eltern und Schülern gemeinsam.“

Beispiel 2: Stefan Pirc,  Direktor der  Goethe-Volksschule in Linz, handelt  ähnlich. „Zu Beginn des Schuljahres verhandeln die Schüler – unter Anleitung der Lehrerin – gemeinsame Verhaltensvereinbarungen aus. Die hängen das ganze Jahr über im Klassenzimmer auf. Kinder, die sich nicht daran halten, müssen  einen Bericht schreiben, wo  das Problem lag“, berichtet er. Nach dem dritten Protokoll heißt es: „Ab zum Direktor.“ Auf keinen Fall dürfe man Kindern das Gefühl geben, ihr Verhalten sei egal.  „Das beginn schon mit dem Thema Pünktlichkeit. In manchen Kulturen sind Termine ja eher Richtwerte.  Da müssen Kind und Eltern klar machen, was wir erwarten“, sagt Pirc. „Viele Väter und Mütter sind froh über unsere Unterstützung.“

Beispiel 3: Pünktlichkeit ist  auch in der NMS Gassergasse in Wien ein Thema: „Bei uns müssen alle um 7.50 Uhr in der Schule sein. Die Zeit braucht es,  um in Ruhe anzukommen.  Wer nicht da ist, darf nicht ins Klassenzimmer und muss die Stunde unter Aufsicht  alleine verbringen.  Wer eine ganze Stunde zu spät ist,  muss sie am Anschluss an die Schule nachholen.  Dieses Alleinsein ist nicht lustig.“

"Time-out-Klassen"

Neben Pünktlichkeit sind auch Umgangsformen und Leistungsbereitschaft  wichtige soziale Fähigkeiten, die in der Schule vermittelt  und im Leben gebraucht werden. In Klassen mit 25 Schülern  keine leichte Aufgaben.   Weniger Kinder   wären da hilfreich, sagen viele Schulleiter. Sie  wünschen sich zudem mehr Sozialarbeiter und anderes  Unterstützungspersonal.  „Time-out-Klassen funktionieren in Skandinavien gut. Da kann man Schüler kurzfristig aus der Gruppe nehmen, bis sich die Situation beruhigt hat“, sagt Direktor Pirc.  

„Der Blick aufs Kind muss immer positiv sein. Es ist ja nicht von Natur aus so – die Umwelt hat es zu dem gemacht, was es ist“, so Walach.