Leben
04.10.2018

Sexualkunde in Polen: "Wenn sie dich belästigen, bist du schuld"

In einem Lehrbuch finden polnische Schülerinnen und Schüler ein Paradebeispiel für Täter-Opfer-Umkehr.

Wenn Opfer von sexualisierter Gewalt selbst für Übergriffe verantwortlich gemacht werden, spricht man von Täter-Opfer-Umkehr. Im Zuge dieser Opferbeschuldigung wird sexuelle Gewalt nicht nur weitgehend toleriert und geduldet, die Verantwortlichkeit, sich vor Übergriffen zu schützen, wird ebenso den Opfern übertragen. So wird jungen Mädchen und Frauen etwa nicht selten geraten, bei der Wahl ihrer Kleidung, ihrem Auftreten, Augenkontakt und ihrem Verhalten achtsam zu sein.

"Wenn sie dich belästigen, bist du selbst schuld"

Dieser Analogie folgend wird polnischen Schülerinnen in Warschau in einem Buch empfohlen, sich nicht "provokant" oder "aufreizend" zu kleiden. Wörtlich heißt es: "Minirock, Body, bauchfreie Shirts, Hüfthosen, Strings, tiefes Dekolleté, nackter Rücken…sind eine Einladung für etwas mehr. Du wirst als frivoles, zur Verfügung stehendes Mädchen wahrgenommen. Wenn sie dich belästigen, bist du selbst schuld, du forderst das Schicksal heraus." Kleidung voller "Schlichtheit, Würde und Eleganz" sei dagegen ein "Anzeichen einer edlen Seele" und rufe "Respekt und Wertschätzung hervor".

Auch Verhaltensvorschläge im Umgang mit Männern werden den jungen Frauen nahegelegt: "Sei in keinem Fall unhöflich, zeige nicht deine Abneigung: Du wirst ihn demütigen und verletzen, was dazu führen kann, dass er sich rächen will."

Öffentliche Kritik

An die Öffentlichkeit gelangten die Zeilen durch Postings von Dorota Łoboda von der liberalen Oppositionspartei PO, die eine der Initiatorinnen der Bewegung gegen die geplante Bildungsreform ist, und der Plattform "Notes from Poland". "Notes from Poland" teilte ein Foto der betreffenden Seite aus dem Ratgeber, der im Warschauer Stadtteil Żoliborz während des Sexualkundeunterrichts verteilt worden sein soll, am Mittwoch auf Facebook und Twitter.

Łoboda sagte dem Fernsehsender TVN24"Das waren Workshops über deren Inhalt wir Eltern nicht informiert worden sind. Ich denke, auch die Schule wusste nicht, welche Themen behandelt und Publikationen herausgegeben werden. In die Hände von 13-Jährigen kam ein Buch, das absolut skandalös ist. Die von mir zitierten Fragmente beziehen sich direkt auf die Vergewaltigungskultur."

Warschaus Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz meldete sich umgehend auf Twitter zu Wort und kündigte eine Untersuchung an: "Schlechte Verhaltensweisen sind nicht zu entschuldigen. Sexuelle Belästigung ist immer das, was es ist. Kleidung kann nicht dazu dienen, dieses Verhalten zu tolerieren."

Die Causa schlägt immer weitere Kreise: Nicht nur die Schule wird überprüft, auch der Sprecher der staatlichen Organisation für Kinderrechte fordert Aufklärung: "Ein Kind ist nie schuld an Übergriffen. Man muss klar trennen, wer Opfer und wer Täter ist. Außerdem sollte man mit Sexualität keine Ängste schüren."

Empört über die Formulierungen zeigte sich auch Anja Rubik, ihres Zeichens polnisches Topmodel. "Ich bin sprachlos", schrieb Rubik, die sich im Rahmen der Kampagne #sexedpl derzeit um sexuelle Aufklärung in ihrem Heimatland bemüht, auf Facebook.

Verfasst wurde das Buch mit dem freiübersetzten Titel "Leben am Maximum. Der emotional-sexuelle Ratgeber", das vom katholischen Verlag M herausgegeben wurde, von Priester Jean-Benoit Casterman. Auf der Seite des Verlages heißt es, dass das Buch an Jugendliche über 14 Jahre, Erzieher, Eltern und Religionslehrer gerichtet ist.