Leben
31.12.2017

Interview-Serie: Gibt's noch Hoffnung für die Welt?

Viele sagen, die Menschheit sei verloren. Der KURIER fragt deshalb bei einem nach, der die Welt seit 50 Jahren hautnah erlebt wie kaum ein anderer Österreicher – und Helmut Kutin verachtet Negativismus.

Vor knapp 50 Jahren kam er in einen Kugelhagel des Vietnamkriegs, als er Kinder rettete. Er baute das SOS-Kinderdorf in vielen gebrochenen Ländern auf und lernte in fast 30 Jahren als SOS-Präsident die kaputtesten Ecken der Welt und ihre Protagonisten kennen, nennt den Dalai Lama "Freund", feierte mit Nelson Mandela die Wiedergeburt Südafrikas und versteht nicht, wie aus dem bescheidenen syrischen Präsidenten, als den er Baschar al-Assad kennenlernte, jener brutale Kriegstreiber wurde. Helmut Kutin gehört zu den Menschen, die nicht mit Antworten prahlen, sondern zuhören und fragen. Und so mehr über den Zustand der Welt wissen als die meisten.

KURIER: Ist das Ende nah?

Helmut Kutin: Ich finde diesen Negativismus deprimierend. Mir gibt Hoffnung, dass sich viele asiatische Nationen gefangen und auch einige afrikanische Länder eine Zukunftsvision haben. Aber das dauert, lässt sich nicht alles in fünf Jahren machen.

Welche Länder sind das?

Südafrika, Ghana, auch Kenia – was die gerade durchmachen, gehört dazu. Hätten sie die Demokratisierung schon vor 20 Jahren vollzogen, stünde Kenia schon jetzt viel besser da, aber die haben das Potenzial. Auch in Ruanda wurde im Aufbau des kleinen Landes viel geleistet, obwohl es ein totalitäres Regime ist: Da wird dir am Flughafen jedes Plastiksackerl abgenommen, am Samstagvormittag gibt es keinen Verkehr in Kigali, trifft sich die Nachbarschaft und putzt die Straßen – wie es die Kommunisten 1976 auch in Vietnam anordneten. Jedenfalls können die guten Entwicklungen dieser Länder auch auf ihre Nachbarn ausstrahlen. Dafür schätze ich diese Länder sehr, auch Ghana und Senegal haben große Schritte nach vorne gemacht. Und wenn der Narr (Robert Mugabe, Anm.) endlich ganz weg ist, kann sich auch Simbabwe endlich erholen. In Asien haben sich Thailand und Malaysia gut entwickelt, Singapur ist längst auf unserem Level. Die Philippinen erleben ein "Up and Down".

Gerade die sind doch ein großer Fail: gute Entwicklung und plötzlich kommen ein verrückter Präsident Duterte und islamistische Gruppierungen auf.

Jeder Fortschritt kostet einen Preis, von selber geht gar nix. Diese Länder werden es schaffen. Ich kenne Duterte noch als Bürgermeister von Davao City und da war er gut, er hatte für die Filipinos das Charisma des Saubermachens. Heute ist er krank und abnormal. Wenn einer sagt, er tötet seinen Sohn, sollte der Drogen geliefert haben, ist er nicht normal.

Auch Afrika erlebt Rückschläge, von islamischen Extremisten bis Armut und Krankheit. Ist die Welt insgesamt wirklich besser als vor 20 Jahren? Wird sie in 20 Jahren besser sein?

Ich weiß nicht, ob sie besser sein wird, ich glaube es nicht einmal, aber ich hoffe es. Das ist wichtig, damit wir endlich in größeren Zusammenhängen denken. Da ist eine Welt mit all ihren Problemen und wenn ich heimkomme, höre ich großes Gejammer über die Problemchen hier.

Je besser es Menschen geht, ...

... umso satter werden sie.

... umso unzugänglicher für den Weltschmerz sind Menschen.

Ja. Wenn ich etwas habe, will ich es behalten. Nur: Hat einer nix, ist er genauso abhängig. Niemand ist "independent". Wir sind "interdependent" (verflochten, voneinander abhängig, Anm.). Daher gefällt mir dieses Zurückziehen auf das eigene Wohl nicht. Und dabei ab und zu in die Tasche greifen und zwei Euro spenden, damit man wieder Ruhe hat. Als das SOS Kinderdorf 1949 in Innsbruck gegründet wurde, hatten die Leute wenig, aber sie haben gesagt: Ich gebe euch was, macht etwas Anständiges daraus. Heute überlegt jeder: Ich brauche noch das und das und das, und unterm Strich kommt raus, dass ich nix mehr geben kann.

Die Wirtschaft motiviert alle zu immer mehr Konsum.

Die Wirtschaft muss leben, aber sie wird immer alles daran setzen, den Profit zu maximieren.

Gleichzeitig erwecken Politik und Gesellschaft den Eindruck, dass es noch nie so schlimm war.

Darüber wundere ich mich auch. Ich habe vor zehn Jahren gesagt, die Soziallandschaft wird sich ändern. Damals haben viele gejammert, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen. Und heute? Geben alle zuviel aus, wie immer. Das Flugzeug ist bummvoll, in Einkaufsstraßen wird geshoppet wie immer. Aber noch immer jammern alle. Ich glaube, wir müssen gerade eine ganz normale Entwicklung hinnehmen. Ich hasse Negativismus, in der Welt und in Österreich. Es geht uns gut.

Viele Politiker in Europa appellieren aber genau an das Gefühl der Unzufriedenheit und begründen damit die Veränderung.

Es geht oft nur um Macht und das ist zu wenig. Ich traue jenen nicht, die so etwas sagen, sie streben meist nur nach Macht.

Dann trauen Sie aber wenigen. Wir hören in Europa von staatlichem Kontrollverlust und kultureller Überschwemmung, die Nationalisten antworten mit Wir-Gefühl. Sie haben Kriege, Völkermorde, zerfallende Staaten und die dazugehörigen Herrscher gesehen, wie sehen Sie das Politpersonal Europas?

Ich maße mir kein Urteil über diese europäischen Länder und ihre Politiker an. Wir alle ziehen viel zu schnelle Schlüsse. Es gab auf der Welt immer Demokraten und Nicht-Demokraten, sie hatten alle ihre Zeit. In Mitteleuropa beunruhigt mich, dass es trotz Wohlstand so schwankt. Keiner steht mehr für einen Weg ein, dazu erlebe ich zu viele, die durch den Negativismus beeinflusst die Flinte ins Korn werfen. Letztens frage ich einen Buben mit aufgemaltem Bart: "Bist du der Nikolaus?" Sagt er: "Nein, ich bin ein Verbrecher." Das sind Antworten, da frage ich mich: Woher kommt das?

Und ich frage mich, wieso Sie dann nicht an die Apokalypse glauben? Was macht Sie positiv?

Ich habe in den Jahren auf der ganzen Welt einfach immer wieder junge Menschen erlebt, die es trotz und gegen alle Widerstände schaffen.

Was sagen Sie den Mutlosen?

Früher glaubte ich, man muss jemandem was in die Hand drücken, damit er einen guten Tag hat. Diese Meinung habe ich geändert, das hat oft gar nix gebracht. Man muss ihm sagen: Setze den ersten Schritt selber, dann können wir den zweiten gemeinsam gehen. Ich fürchte aber, viele können sich nicht mehr zum ersten Schritt durchringen. Vielleicht weil sie sich im eigenen Umfeld nicht richtig aussprechen können. Man muss im Leben immer wieder den Mut haben, einzugestehen, wenn etwas daneben gegangen ist. Heute wird alles auf andere geschoben.

Vielleicht ist die Idee von Vergebung und Sich-selbst-Verzeihen abhanden gekommen, weil die Religiosität verkümmert.

Ich habe oft erlebt, wie wichtig Glaube ist, vor allem für die innere Stärke. Da sind wir schwer in Rückstand gegenüber Muslimen. Ich meine nicht die Extremisten, aber gemäßigte Muslime sind uns weit voraus. Weil sie sich bekennen. Bei uns sagt man, Religion ist Privatsache. Wenn aber Religion zur Privatsache wird, ist Platz für Ersatzgötter. Deswegen ist das Kaufhaus heute wichtiger als die Kirche.

Sehen Sie neue Kriege kommen?

Nicht in Europa, auch in Korea nicht, der Irre ( Kim Jong-Un, Anm.) würde seine Raketen raushauen und vieles kaputt machen, aber das wäre es dann. Im Nahen Osten ist ein neuer Krieg aber vielleicht näher als man denkt. Noch schlimmer sehe ich es in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Da ist das Potenzial drin, die haben zu viele Waffen. Weißrussland etwa oder Kasachstan – wenn der starke Mann einmal weg ist. Kirgistan ist auch wieder ein Schlamassel, das war eine zukunftsträchtige Republik, jetzt ist wieder alles hin. Aber ich werde die Welt nicht mehr verändern.

Zur Person: Helmut Kutin

1941 in Bozen geboren, wuchs Kutin nach einer Familientragödie im SOS-Kinderdorf Imst auf und wurde Vertrauter von Gründer Hermann Gmeiner. Im Krieg baute er SOS in Vietnam, später in Asien auf, 1985 folgte er Gmeiner und führte das Werk, das heute in 135 Ländern aktiv ist. 2012 gab er die Welt-Präsidentschaft ab, vor kurzem die österreichische. Das Buch "Wie aus einer zerstörten Kindheit ein gutes Leben wurde" (Metroverlag) erzählt Kutins unglaubliches Leben als Roman.


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