Wissen
28.12.2017

"Meine Hypothesen sind keine billige Esoterik"

Nachgefragt. Mediziner Johannes Huber über sein Bild eines "holistischen Menschen" - und wie er die Kritik an seinen Hypothesen sieht.

Von einem "ganzheitlichen Menschenbild", in dem Körper, Geist und Seele ein komplexes System bilden, schreibt der Gynäkologe und Theologe Univ.-Prof. Johannes Huberin seinem Buch "Der holistische Mensch – Wir sind mehr als die Summe unserer Organe"(edition a, 24,90 Euro). Im KURIER-Interview spricht Huber über seine Hypothesen – und die Kritik daran.

KURIER: Was ist ein "holistischer Mensch?"

Wir entdecken immer mehr Verbindungen zwischen den Organen in unserem Körper, aber auch Verbindungen mit der Umwelt. Ein Beispiel sind Zusammenhänge zwischen Osteoporose und Diabetes. Der Knochen bildet das Hormon Osteokalcin – konkret die Zellen, die den Knochen aufbauen. Gleichzeitig kommuniziert dieses Hormon auch mit der Bauchspeicheldrüse und ist dafür verantwortlich, wie viel Insulin sie bildet. Bei Osteoporose – Knochenschwund – wird weniger Osteokalcin produiert, damit bekommt die Bauchspeicheldrüse zu wenig Impulse, Insulin herzustellen. Ein anderes Beispiel: Mädchen werden mit einer kalziumhältigeren Milch gestillt als Buben. Der Knochen bekommt eine Information, welches Geschlecht gestillt wird, und diese reguliert die Kalziumausschüttung. Man muss mehr auf diese Wechselwirkungen schauen – und sie ernst nehmen.

Denkt die Schulmedizin zu wenig ganzheitlich?

Die Schulmedizin ist die größte Erfolgsstory der vergangenen zwei Jahrhunderte. Aber viele Schulmediziner denken nach wie vor nur in einzelnen Organen – also zum Beispiel dort der Knochenspezialist, hier der Diabetologe. Und das ist wahrscheinlich – neben dem Zeitmangel – ein Grund, warum viele Patienten von der Schulmedizin enttäuscht sind und sich Alternativmethoden zuwenden. Aber als Mediziner, der Verantwortung für die Patienten hat, darf man den Boden der Schulmedizin – die Naturgesetze und die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien – nie verlassen.

Die " Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" wirft Ihnen aber vor, dass Sie in Ihren zwei jüngsten Büchern "eine Vielzahl esoterischer Ideen" präsentieren, "von Schutzengel über magische Aura bis hin zu übersinnlicher Informationsübertragung und die Bedeutung früherer Leben für unser zukünftiges Schicksal".

Hier bin ich missverstanden worden – und das hat auch nichts mit der Behandlung von Patienten zu tun. Die Naturwissenschaften des 20. Jahrhunderts zeigen uns: Es gibt viele Dinge, die man mittlerweile berechnen kann, die aber unseren Erkenntnishorizont übersteigen. Im Makrokosmos gibt es keine Zeit – aber wie sollen wir uns das vorstellen? Oder dass die Grundlagen des Kosmos Hintergrundenergiefelder sind, die wir auch noch nicht im Detail verstehen. Es gibt weißen Flecken der Erkenntnis. Und hier ist es legitim, Hypothesen aufzustellen – etwa dass es möglicherweise Gesetzmäßigkeiten gibt, die wir heute noch nicht erklären und erkennen können.

Sie schreiben von einem "Weltenbaumeister, der die Dinge erdacht hat".

Das ist meine persönliche Meinung. Die Naturwissenschaft darf und kann nicht zur Beweisführung des Glaubens herangezogen werden, das ist unbestritten. Aber viele meiner Kritiker sagen, es sei unvernünftig, an einen Schöpfer zu glauben, weil das außerhalb unseres Beweishorizonts liege. Das gilt aber für viele Phänomene der Physik genauso. Hier kann man verschiedene Theorien aufstellen. Wer also in diesen weißen Flecken der Erkenntnis etwas Transzendentales ansiedelt, darf deshalb nicht als dumm abgestempelt werden. Es ist nicht unvernünftig, an Gott zu glauben.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass Hypothesen und Fakten vermengt werden?

Es muss jeder die Möglichkeit haben, eine Hypothese in den Raum zu stellen. Wenn US-Präsident Donald Trump den Klimawandel leugnet und einfach sagt, den gibt es nicht – dann lehne ich eine solche apodiktische Haltung ab. Angesichts unseres begrenzten Erkenntnishorizontes ist es aber nichts Unredliches, sich persönlich für einen Weltenbaumeister, zu entscheiden. Es gibt heute in Wissenschaftskreisen eine Haltung, auf Menschen, die an transzendentale Wirklichkeiten glauben, ein wenig herabzuschauen: Sie zwar nach außen hin zu tolerieren, aber letztlich doch im Stillen als dümmlich zu bezeichnen und abzuwerten. Und dagegen verwehre ich mich: Es muss zwischen den Weltanschauungen eine Diskussion auf Augenhöhe geben.

Auch über Schutzengel?

Ich habe nie gesagt, dass die Wissenschaft Schutzengel beweist. Ich zitiere lediglich einen in der Schweiz lebenden Kosmophysiker, der auf Folgendes hinweist: Lichtteilchen sind ewig, haben keine hohe Masse, kennen keine Zeit. So ähnlich stellen sich viele Gläubige Engel vor. Das ist kein Beweis, aber wenn jemand an Engel glaubt, dann glaubt er an etwas, das in ähnlicher Form in der Physik als Faktum gilt. Auf diese Parallele habe ich aufmerksam gemacht.

Besteht nicht die Gefahr, dass Esoteriker so etwas aufgreifen? Etwa, wenn Sie von einem Leben vor der Geburt schreiben?

Ich rede keiner billigen Esoterik das Wort. Ich habe auch nicht gemeint, dass wir vor der Geburt irgendwo auf einem Stern sitzen. Aber es gibt Wechselwirkungen zwischen Umwelteinflüssen und unserem Genom, die über Generationen weitergegeben werden. Bei Mäusen, die viel Tabakrauch ausgesetzt waren, gab es auch noch in der vierten Generation danach Lungenprobleme. Das ist nichts Übersinnliches. Es gibt Umwelteinflüsse, die lange weiterwirken. Auch Ernährungsgewohnheiten können sich langfristig auswirken. So gesehen gibt es ein Vorleben – aber nicht auf einem fremden Planeten.


Zur Person: Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber

1946 in Bruck an der Leitha, NÖ, geboren, studierte Theologie und Medizin. Von 1973 bis 1983 war er persönlicher Sekretär von Kardinal Franz König. Er war langjähriger Abteilungsleiter für gynäkologische Endokrinologie an der AKH-Frauenklinik in Wien, heute ist er emeritiert. Huber ist Träger des Silbernen Verdienst- kreuzes der Stadt Wien.


Bisher im Rahmen dieser Serie erschienen: