Wissen 29.12.2017

"Zeiten der Unsicherheiten sind wertvoll"

Interview mit der deutschen Philosophin und Publizistin Natalie Knapp am 18.10.2017 in Wien. © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Die deutsche Philosophin Knapp über Umbrüche in der Gesellschaft und im Leben - und wir wir damit umgehen sollen.

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Klimawandel, Migration oder die Krise der Demokratie: Die Welt ist im Umbruch, was vielen Menschen Angst macht. Warum Zeiten der Unsicherheit dennoch wertvoll sind, erklärt die PhilosophinNatalie Knapp in ihrem Buch „Der unendliche Blick.“ Der KURIER sprach mit ihr im Rahmen des Future Days in Wien, organisiert vom Business Circle und Zukunftsinstitut .

KURIER: Viele fühlen sich durch die Krise wie gelähmt. Gibt es ein Rezept dagegen? Natalie Knapp: Der Begriff der Krise ist schon alt – er stammt vom griechischen Arzt Hippokrates, der damit den Moment in einer fieberhaften Erkrankung bezeichnete, in der sich entscheidet, ob das System sich stärkt oder ob der Mensch stirbt. Jetzt benutzen wir den Begriff für gesellschaftliche Krisen. Es sind aber nicht Stunden oder Tage, bis die Entscheidung fällt, sondern Jahre oder Jahrzehnte. Vielleicht dauert es noch länger: Wenn wir den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit betrachten, so wurden die Ideen, die das Neue hervorgebracht haben, in mehreren hundert Jahren entwickelt. Angst ist in solchen Phasen immer ein schlechter Ratgeber – oder um bei Ihrer Frage zu bleiben: Rezeptgeber. Der Versuch, das größere Ganze zu sehen, kann dabei helfen der Angst zu begegnen. Deswegen hole ich so weit aus. Und das Verständnis für das größere Ganze kann schließlich helfen, uns eine Richtung zu geben und zu verstehen. Das kann auch die Erkenntnis sein, dass wir lernen müssen, mit Nicht-Wissen umzugehen. Weil man so lange Prozesse nicht vorausplanen kann.Was können wir aus diesem letzten großen Übergang in der Geschichte lernen? Damals waren die Menschen mit einem ähnlichen Bündel von Krisen konfrontiert, wie wir sie heute haben – es waren die ersten Impulse zur Globalisierung: Spanische und portugiesische Seefahrer haben neue Welten entdeckt; die Türkenbelagerung hat Angstpsychosen ausgelöst; die Bevölkerung ist gewachsen und in den Städten wurde es eng, sodass Ressourcen und Geld knapp wurden. Wie die Welt sich weiterentwickeln würde, konnten sich die Menschen nicht vorstellen. Auch Martin Luther war noch ganz im Mittelalter verhaftet und wollte diese Welt retten. Er glaubte, dass der Weltuntergang bevorsteht. Und seine mittelalterliche Welt ging auch unter.Er hat aber Impulse gesetzt, die eine neue Zeit einleiteten. Ja, aber ohne zu ahnen, was daraus entstehen kann. Genau so müssen wir akzeptieren, dass wir Impulse geben, von denen wir nicht wissen, was aus ihnen wird. Trotzdem ist es wichtig, dass wir sie setzen. Nicht zu wissen, wie es weitergeht, ist überhaupt die Voraussetzung dafür, dass Neues entsteht. Denn wenn wir schon wüssten, was kommt, dann wäre es nichts Neues.

Interview mit der deutschen Philosophin und Publizistin Natalie Knapp am 18.10.2017 in Wien. © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Zeiten der Umbrüche waren immer Zeiten, die für die Menschen hart waren. Das macht Angst.Wir leben aber nun einmal in dieser Zeit. Wir müssen lernen, uns nicht nur als Individuen zu betrachten, die ihr eigenes Glück vorantreiben, sondern uns als Teil von sehr viel größeren Entwicklungen begreifen. Wenn man erkennt, dass das große Ganze einen Wert hat, bleibt man handlungsfähig. Wir können in diesen Entwicklungen nämlich Impulse setzen. Wenn ich z.B. erkenne, dass die Menschlichkeit für mich einen Wert hat und dass ich möchte, dass sie erhalten bleibt, kann ich Impulse der Menschlichkeit setzen. Das wirkt tatsächlich. Häufig sogar über Generationen hinweg. Als Kind war ich enorm stolz darauf, einen Urgroßvater zu haben, der während der NS-Zeit den Mund aufgemacht hat. Obwohl es nur ein harmloser kleiner Satz in der Öffentlichkeit war, für den er ins Gefängnis kam. Aber solche Geschichten werden weitererzählt – so hat er den Wert der Freiheit an seine Urenkeltochter weitergereicht.Zur Zeit wollen viele Menschen das Rad zurückdrehen.Es gibt aber auch die, die für eine offene Gesellschaft kämpfen. Gerade in Österreich gibt es Bewegungen, die politisch und in der Bürgerbeteiligung neue Wege gefunden haben. Die waren Deutschland in der Umsetzung weit voraus. In Vorarlberg gibt es z.B. das Büro für Zukunftsfragen: In politischen Gestaltungsprozessen setzen sie Zukunftsräte ein, wofür Menschen aus der Bevölkerung repräsentativ per Losverfahren eingeladen werden, um mitzudiskutieren. Da sitzen z.B. zwölf Leute und entwickeln Ideen, die oft mindestens so gut sind wie die Entwürfe von Experten – sie haben aber mehr Zustimmung in der Bevölkerung.

Sicher gibt es auch diejenigen, die Angst haben – wir haben in Österreich beides sehr stark. Die Frage ist, ob beide Teile miteinander in Beziehung treten. Auch die, die Traditionen bewahren wollen, haben wichtige Fähigkeiten. Es geht hier nicht um „entweder Rückschritt oder Fortschritt“, sondern darum, dass alle ihre Kompetenzen einbringen.Sie vergleichen Umbrüche der Gesellschaft mit denen im persönlichen Leben, etwa mit der Pubertät. Sind Sie guten Mutes, dass sich die derzeitige Krise in etwas Positives verändert? Jede Zivilisation ist auf Phasen der Unsicherheit angewiesen, um sich entwickeln zu können. Vermutlich dauern die Zeiten des Wandels ebenso lang wie die Zeiten der Stabilität. Ganz ähnlich wie in der menschlichen Entwicklung. Wir tun immer so als gäbe es da sehr viel Stabilität, aber wir sind zehn oder zwölf Jahre Kind, dann kommt der erste große Bruch. Pubertät und Jugend dauert im Grunde genommen bis Ende zwanzig. Dann hat man fünfzehn Jahre Ruhe und schon beginnt der nächste große Wandel, der uns wiederum verunsichert. Aber wir schaffen es alle, mit diesen Umbrüchen umzugehen. Das ist das Verrückte: Unser Leben bürgt dafür, dass wir das können.Die Neuzeit führte zum Kapitalismus, zur Aufklärung und zur Individualisierung. Man hoffte, dass es morgen besser wird. Können wir noch hoffen? Es kommen sicher große Herausforderungen auf uns zu, weil wir im ökologischen Bereich in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig gehandelt haben und immer noch zu wenig handeln. Aber es gibt durchaus Dinge, die sich verbessern könnten. Ich würde es z.B. als Fortschritt empfinden, wenn Verbindungen zwischen Menschen wieder einen höheren Wert bekommen als das nächste Auto. Ob wir das als Verbesserung erleben, hängt davon ab, wie wir das bewerten.

Interview mit der deutschen Philosophin und Publizistin Natalie Knapp am 18.10.2017 in Wien. © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Kann ich als einziger etwas tun, um diesen Wandel zu gestalten? Gerade wenn ich nicht weiß, wohin die Reise geht.Jeder einzelne zählt. Denn die Verwandlung einer Gesellschaft entsteht immer durch ein Zusammenspiel von vielen kleinen Handlungen. Das ist so ein komplexer Prozess, dass es dafür gar keinen Plan geben kann. Und man muss aushalten lernen, dass die Verbesserungen zuerst nur im Kleinen sichtbar werden. Auch Martin Luther hat übrigens nie erfahren, wie viel er bewirkt hat.Auf globaler Ebene werden die großen Verbesserungen vielleicht erst in der übernächsten Generation sichtbar. Aber wenn ich in meinem Dorf aktiv werde – etwa ein Fest mit Menschen organisiere, mit denen ich sonst nicht rede – habe ich unmittelbar etwas bewirkt. Ich trage dazu bei, dass ein friedlicher demokratischer Austausch stattfindet. Und das ist eine Grundlage dafür, dass wir weiterhin gemeinsam Probleme lösen können. Große Veränderungen brauchen ein stabiles Fundament der Menschlichkeit und der Kommunikation. Dieses Fundament dürfen wir nicht unterschätzen. Und das erschaffen wir im Kleinen.Sie sprechen den Menschen also Mut zu, aktiv zu werden?Wir sind die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, die etwas tun können. Wir können uns entscheiden, diejenigen zu sein, die etwas verändern.

Interview mit der deutschen Philosophin und Publizistin Natalie Knapp am 18.10.2017 in Wien. © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Gibt es einen Auftrag an unsere Generation? Man bemerkt z.B. eine zunehmende Skepsis gegenüber der die Demokratie.Die Gefahr eines Rückschrittes ist groß. Nicht umsonst werden an die Spitzen großer Nationen derzeit Machthaber gewählt, die Minderheiten zu Sündenböcken machen wie etwa Orban in Ungarn, die Fundamente des Rechtsstaats untergraben wie z. B. Erdogan in der Türkei oder Medienfreiheit und Justiz attackieren wie Trump in den USA. Sie alle versprechen Stabilität und Sicherheit, wollen aber nichts weiter als Macht. Mehr Macht als sie ein einzelner in einer Demokratie haben darf.Der erste Auftrag an unsere Generation wäre daher, mehr Unsicherheitstoleranz zu entwickeln, um auf solch großspurigen Versprechungen nicht hereinzufallen. Denn niemand hat im Augenblick einen Masterplan, weil sich zu viele Dinge gleichzeitig verwandeln, die alle miteinander zusammenhängen. Das ist aber keine Katastrophe, sondern der Normalfall, wenn sich die Welt weiterentwickelt. Man muss nur begreifen, dass es den Weg, der uns da durchführt, noch gar nicht gibt. Wir erschaffen ihn erst mit jedem Schritt den wir gehen. Denn gerade weil unsere Zukunft noch nicht feststeht, können wir sie gemeinsam gestalten.

Worauf kommt es also an? Es kommt darauf an, dass möglichst viele zusammenarbeiten und wir nur solchen Menschen politische Macht geben, die auf Zusammenarbeit setzen. Wir müssen uns einerseits lokal engagieren, Ideen einbringen und Verantwortung übernehmen und andererseits Verantwortung teilen, indem wir etwa Klimaspezialisten vertrauen und ihren Empfehlungen folgen. Auch dann, wenn sie uns etwas abfordern. Denn das, was gerade global passiert, ist lokal nicht sofort sichtbar und ohne Fachwissen nicht abschätzbar. Dieses Fachwissen muss in Projekte übersetzt werden, die man vor Ort umsetzen kann. Wir müssen nur kreativ werden und anfangen, anstatt darauf zu warten, dass irgendjemand das 17. Klimaabkommen unterzeichnet und doch nicht umsetzt. Global ist es schwierig, aber vor Ort kann man immer etwas tun.


Bisher im Rahmen dieser Serie erschienen:

Natalie Knapp: Die 47-Jährige aus Freiburg in Deutschland ist Gründungs- mitglied des Berufsverbandes für philosophische Praxis, hält Vorträge, leitet Seminare und schreibt Bücher. 2015 erschien „Der unendliche Blick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind“. Verlag Rowohlt, 20,60 Euro. Der KURIER sprach mit der Philosophin im Rahmen des Future Days in Wien, organisiert vom Business Circle und Zukunftsinstitut.

( kurier.at , ub ) Erstellt am 29.12.2017