Leben
10.08.2017

Inderinnen haben Täter-Opfer-Umkehr satt

Alle 22 Minuten wird in Indien eine Frau vergewaltigt. Von Politikern werden die Vorfälle oft verharmlost. Das wollen viele Inderinnen nicht mehr hinnehmen.

Als Varnika Kundu kürzlich mit ihrem Auto in der Stadt Chandigarh auf dem Weg nach Hause ist, bemerkt sie, dass ihr ein weißer SUV folgt. Die zwei Männer, die in dem Auto sitzen, versuchen sie in weiterer Folge mehrmals von der Straße abzudrängen und sie an der Weiterfahrt zu hindern. Als es ihnen gelingt, machen sie sich daran Kundus Auto aufzubrechen. Gerade noch rechtzeitig trifft die Polizei, die die junge Frau zuvor verständigt hatte, ein. Wie die BBC berichtet, handelt es sich bei einem der mutmaßlichen Täter und Vikas Barala, Sohn eines Politikers der indischen Bharatiya Janata Party.

Alle 22 Minuten

Varnika Kundu ist kein Einzelfall. Nach Angaben der Regierung wird in Indien alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt. Aktivisten gehen aber von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus, da die Opfer sexueller Gewalt häufig sozial geächtet werden. Von Politikern wurden die Vorfälle in der Vergangenheit mehrfach verharmlost. So bezeichnete ein indischer Minister die Gruppenvergewaltigung im Jahr 2014 als "kleinen Vorfall". 2013 traten schärfere Gesetze gegen Vergewaltiger in Kraft. So steht etwa auf Vergewaltigung mit Todesfolge nun die Todesstrafe.

"Wo führt das hin?"

Kundu, die nach dem Vorfall wütend und zugleich ohnmächtig zurückgelassen wurde, veröffentlichte am 5. August ein langes Posting auf Facebook, in dem sie schildert, was ihr widerfahren ist. Mehr als 16.000 Mal wurde dieser gelikt, über als 6.000 Mal geteilt. "Wenn Frauen das in einer Stadt passiert, die zu den sichereren des Landes zählt, wo führt das dann hin?", schreibt die 29-Jährige. Sie sei zwar noch mit dem Schrecken davon gekommen und "liege nun nicht vergewaltigt und tot in einem Graben", das größere Bild, das solche Vorfälle zeichnen, sei jedoch schockierend. Kundu ruft alle Inderinnen auf, proaktiv zu sein und unmittelbar die Polizei zu verständigen. Und sie geht noch weiter: "Euer Leben hat oberste Priorität. Wenn er auf die zugeht, verwende was auch immer du dabei hast als Waffe." Sie sei nie ein Fan von Waffen gewesen, doch diese Erfahrung habe ihr gezeigt, wie gefährlich es für Frauen in Indien sei.

Täter-Opfer-Umkehr

Kundus Posting schlug Wellen. "Das Mädchen hätte nicht um 12 Uhr nachts unterwegs sein sollen", erklärte Ramveer Bhatti, ein Politiker aus dem indischen Parlament gegenüber CNN News18 und folgte damit einer in Indien gängigen Praxis: der Täter-Opfer-Umkehr. Dabei handelt es sich um eine Verhaltensweise innerhalb der sogenannten Rape Culture (zu Deutsch: Vergewaltigungskultur), die sexuelle Gewalt und Vergewaltigung nicht nur weitgehend toleriert und duldet, sondern auch die Verhinderung von Vergewaltigungen den Opfern überträgt. Damit gehen wiederum die Verharmlosung des Missbrauchs an sich und die Herabsetzung Betroffener oder potentieller Opfer zu Sexualobjekten (Victim Shaming) einher.

#AintNoCinderella

Im Interview mit New Delhi Television Limited äußerte sich Kundu, die als DJane arbeitet, zu den Aussagen den Politiker: "Warum bin ich diejenige, deren Verhalten in Frage gestellt wird? Ich bin diejenige, die attackiert wurde." Unter dem Hashtag #AintNoCinderella machen auch viele andere Inderinnen ihrem Ärger über die Verharmlosung sexueller Übergriffe Luft. Sie posten Bilder, die sie spätabends oder nachts allein oder mit Freundinnen in der Öffentlichkeit zeigen. Wir lassen und unsere Freiheit nicht nehmen, weder tagsüber noch nachts, so der Tenor.