Leben
28.05.2018

"Heiß bist du immer noch": Kontroverse Trostspende für Karius

Newsportal t-online.de in der Kritik: Was womöglich als Aufmunterung gemeint war, wird im Netz massiv bekrittelt.

"Es war nicht dein Abend, aber wir Frauen sind gestern erst richtig auf dich aufmerksam geworden, Loris." Mit diesem Satz beginnt ein Artikel der deutschen Nachrichtenwebsite t-online.de, der auf Twitter aktuell für Diskussionen sorgt. Er leitet einen Kommentar von Redakteurin Maria Holzbauer ein, mit dem sie Loris Karius, Torhüter des FC Liverpool, – wie sie schreibt – "Trost" spenden will. "Sei nicht traurig, Loris – heiß bist doch immer noch" titelte sie am Sonntag.

Worum geht es eigentlich?

Samstagabend fand im Olympiastadion von Kiew das Finale der Champions League statt. Tatsächlich war es nicht Loris Karius' Abend: Ein verunglückter Auswurf vor die Beine von Real-Madrid-Spieler Karim Benzema und ein über die Finger gerutschter haltbarer Ball von Gareth Bale besiegelten die Niederlage des britischen Clubs. Nach dem Spiel wirkte Karius aufgelöst, brach noch am Spielfeld in Tränen aus und zog sich aus Scham das Trikot weit übers Gesicht. "Ich weiß, dass ich es verbockt und euch alle im Stich gelassen habe", entschuldigte sich der Deutsche schließlich auf Twitter. "Ich habe immer noch nicht wirklich geschlafen. Die Szenen spuken wieder und wieder in meinem Kopf herum."

Während sich Liverpool-Trainer Jürgen Klopp in Interviews mit dem ZDF und Sky hinter seinen Spieler stellte ("Es tut mir total leid für ihn. Er hat eine tolle Saison gespielt.", "Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht."), gingen die Medien weitaus weniger zimperlich mit ihm um. "Torwartfehler für die Ewigkeit", titelte etwa der Independent. "Karius schenkt Real Madrid den 13. Champions-League-Titel", schrieb die spanische Zeitung Sport. Für den italienischen Corriere della Sera war "das, was Karius angestellt hat, auf diesem Niveau unerhört". Auch in den sozialen Medien hielten Fans mit Kritik an dem Sportler nicht hinterm Berg.

Sexismus-Aufschrei

Kritik hagelt es derzeit auch für Maria Holzbauer. Ihr Artikel sei der "dümmste und sexistischste Beitrag" zum Champions-League-Finale, heißt es unter anderem auf Twitter. "Wie kann man so einen Stuss zusammenschreiben?!", fragt eine Userin in die virtuelle Runde. "Erste Zeile gelesen. Beitrag entsetzt geschlossen. Fremdschäm hoch zwei – und das als Frau", befindet eine andere. Ein Nutzer hofft, dass es sich bei dem Artikel nur um einen "billigen Versuch, im Champions-League-Getümmel Aufmerksamkeit zu erheischen", handelt.

Vielfach wird auch angesprochen, dass der Text, würde er sich mit einer Sportlerin befassen, einen weitaus größeren Aufschrei nach sich gezogen hätte. Tatsächlich werden Sportlerinnen nach wie vor häufig auf ihr Aussehen reduziert. Das lassen die allermeisten Frauen nicht auf sich sitzen. US-Kunstturnerin Aly Raisman berichtete vergangenes Jahr beispielsweise über eine Erfahrung mit einem männlichen Sicherheitsmitarbeiter, der sich ihr gegenüber untergriffig äußerte (mehr dazu hier). Raisman ist nicht die einzige Sportlerin, die offen über die gesellschaftliche Abwertung ihres Körpers spricht. Auch US-Turnerin Simone Biles sah sich in der Vergangenheit bereits mehrfach mit kritischen Kommentaren zu ihrer Figur konfrontiert (mehr dazu hier).

"Wir finden, er ist unzynisch positiv"

Lukas Martin, Chef vom Dienst bei t-online.de, nimmt seine Redakteurin via Twitter jedenfalls in Schutz: "Wenn man mal das Dogma beiseitelässt, ist es eben ein Unterschied, ob eine Frau über einen Mann schreibt oder andersherum. Es geht doch nur um eins: Ist der Beitrag für Loris Karius verletzend? Wir finden, er ist unzynisch positiv. Warum dich das so umtreibt, weiß ich nicht." Und er fügt – halb entschuldigend, halb protestierend – hinzu: "Wir reden hier über den einen Meinungsbeitrag unserer Unterhaltungsredakteurin, die eben einen anderen Blick auf den Abend hatte. Wir haben das Finale mit zehn weiteren Artikeln nachbereitet, die ernsthaft waren und in die Tiefe gingen."

Unbemerkt bleibt beim Scrollen durch die Kommentare auch nicht, dass sich viele (großteils männliche User) in ihren Beiträgen frauenfeindlicher und diskriminierender Formulierungen bedienen. "Kritik an einem sexistischen Artikel, indem man sich diskriminierender Äußerungen bedient. Das muss man auch erstmal verstehen", bringt ein User die Doppelmoral auf den Punkt.

Titel geändert

Holzauer, die den Artikel selbst auf ihrem Twitter-Profil teilte, hat sich bisher nicht zu Wort gemeldet. Der Titel des Artikels wurde mittlerweile allerdings geändert. "Sei nicht traurig, Loris" heißt es nun.