Sport | Fußball
28.05.2018

Liverpool-Keeper Karius erlebte im CL-Finale Mega-Albtraum

"Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht, das ist Wahnsinn, das ist ganz, ganz hart", sagte sein Trainer Klopp.

Weinkrämpfe rütteln seinen Körper aus der Leblosigkeit. Tonnenschwer drücken die millionenfach abgefeuerten Blicke, präzise gesteuert von Häme, Mitleid, Entsetzen oder blanker Wut.

Schlusspfiff. Loris Karius weiß, dass das alles längst kein Spiel mehr ist. Wahrscheinlich auch nie gewesen ist. Auf seiner üppig tätowierten Brust steht immer noch „Dream Chaser“ – „Traumjäger“. Was natürlich verborgen bleibt. Ist auch besser so. In dieser Nacht des nicht enden wollenden Albtraums erlangt Karius traurige Berühmtheit.  

Als Torhüter des FC Liverpool und erst 24 Jahre alter Deutscher muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, Real Madrid den Champions-League-Titel nachgeworfen zu haben. Ungefähr 350 Millionen Menschen werden weltweit Zeugen seiner Missgeschicke, zwei kurze Momente nur, aber umso länger wachsen die Inhalte  der Sportgeschichte.

Bestrafung

Ein verunglückter Auswurf vor die Beine von Benzema (52.), ein über die Finger gerutschter, haltbarer Ball von Bale (83.). Schon donnert das Twitter-Gewitter los, kommentiert wird im mehr oder weniger prominenten Wettlauf, was man ohnehin gesehen hat.   

Die unfassbare Tollpatschigkeit, die einem hochbezahlten Profi nicht zugebilligt wird. Vor Augen wird geführt, für welch einsamen, undankbaren, stets von Bestrafung bedrohten, schlicht beschissenen Job sich Karius entscheiden hat. Tormann - die Nummer 1, vor allem in der Hierarchie der Sündenböcke.

So liegt er auf dem Rasen von Kiew. Von keinem Mitspieler getröstet, in die Erwartungshaltung gepresst, sich zu entschuldigen. Ex-Torhüter Oliver Kahn, einst von seiner Unfehlbarkeit überzeugt, immer noch gerne in der Rolle des harten Hundes, verbeißt sich als ZDF-Analytiker in den guten Rat, Karius solle sich zum Weinen in den Kabinentrakt verdrücken. Auf der Wikipedia-Seite macht jemand seiner Geschmacklosigkeit Luft, fügt dem Geburtsdatum von Karius dessen Sterbetag hinzu: 26. Mai 2018, der Tag des Finales. Der Eintrag verschwindet wieder.

Das kann die Karriere eines Torhüters zerstören.

Oliver Kahn

„Ich habe den Klub im Stich gelassen“, sagt  Karius und hat noch gar keine Ahnung, was jetzt passieren wird. Die Bandbreite der Möglichkeiten scheint schmal. Ist die berufliche Karriere, also ein Lebensplan, zerstört, oder tritt der Idealfall  ein, und der Trainer schickt ihn ins Reservistendasein, um irgendwann auf der Transferliste zu landen?

Loris Karius, geboren in Biberach an der Riß (Baden-Württemberg), wagte früh den Sprung auf die Insel, sammelte in der Reserve von Manchester City Erfahrung und wurde bei Mainz zum Bundesliga-Spieler. Jürgen Klopp holte ihn wegen seiner balltechnischen Fähigkeiten und seines selbstbewussten Auftretens nach Liverpool. „Eismann“, nannten sie ihn, gar „Botschafter  des deutschen Fußballs“. Klopp schenkte ihm das Vertrauen, Englands Presse eigentlich nie. „Flutschfinger“ wird er genannt, als Tormann sei er nicht „wonderful“, eher „plunderful“. Und jetzt das.

Hintergrund

Karius steht wohl erst am Beginn des Leidenswegs, das gnadlose Fußballgetriebe vor einer echten Bewährungsprobe. Unachtsamkeiten, begangen in Bruchteilen von Sekunden, haben ein traumhaftes Tor des Walisers Gareth Bale in den Hintergrund gedrängt, den Real-Rowdy Sergio Ramos (Ellbogencheck gegen Karius) aus den Mittelpunkt der Empörung geboxt. Er habe kein Auge zugetan, „die Szenen gehen mir immer wieder durch den Kopf“, twittert Loris Karius am Sonntag. Und es folgt eine weitere Entschuldigung.

Liverpools Fans nehmen sie großteils an, lassen ihren Keeper wissen: You’ll never walk alone. Ein Versprechen.Wozu sonst hat man schließlich solch eine Hymne?

Pressestimmen zum CL-Finale:

SPANIEN

   "Marca": "Der Himmel gehört Madrid. Das Team gewinnt die 13. mit einem unvergesslichen Fallrückzieher von Bale. Die weiße Mannschaft widerstand zunächst einem Liverpool, das ohne Salah alle Luft verlor."

   "AS": "Für ewig Meister. Der Club hat siegend das Siegen gelernt."

   "El País": "Madrid beherrscht Europa mit einem Legenden-Team. Cristiano Ronaldo hat die Freude der Nacht getrübt mit seiner Andeutung, es seien seine letzten Tage in Madrid."

   "El Mundo": "Ein Real Madrid für die Ewigkeit."

   "La Vanguardia": "Madrid kolonisiert Europa. Bale schlägt einen FC Liverpool K.o., der kein Glück hatte."

   "Mundo Deportivo": "Das Glück des Meisters. Real Madrid gewinnt die Champions League dank der Treffer von Bale und der groben Fehler von Karius. Die Verletzung von Salah nach einer halben Stunde hat ein Finale gedreht, das bis dahin klar vom englischen Team beherrscht worden war."

   "Sport": "Die Decimotercera fliegt in die Luft. CR7 war Spielverderber. Die 13. Champions League von Madrid ist zu einem Fegefeuer der Eitelkeiten ausgeartet. Beide Stars (Cristiano und Bale) wollen weg..."

ENGLAND

   "The Telegraph": "Mohamed Salahs fiese Verletzung und Loris Karius' verhängnisvolles Torhüten werden Liverpool in ihren zerbrochenen Träumen verfolgen."

   "The Independent": "Ein Spiel, das legendär werden sollte, geriet total aus der Bahn und war zeitweise ernüchternd, nachdem Mohamed Salah verletzt vom Platz gehen musste. Nach einem sehr fragwürdigen Foul von Sergio Ramos hat das prestigeträchtigste Spiel im Vereinsfußball einen der besten Spieler der Welt verloren."

   "The Guardian": "Es war ein großer Abend, reich mit so vielen verschiedenen Geschichten, und Liverpools fehleranfälliger Torwart Loris Karius muss leider damit leben, dass man sich an seinen Anteil daran genauso lang erinnern wird, oder möglicherweise noch länger, als an Gareth Bales spektakulären Fallrückzieher oder die Tränen von Mohamed Salah."

   "Liverpool Echo": "Real Madrid hat gezeigt, welchen Unterschied die Breite im Kader machen kann. Als Mohamed Salah vom Feld ging, brachte Jürgen Klopp Adam Lallana, einen Spieler, der in den letzten sechs Wochen nur 16 Minuten gespielt hat. Aber als Real-Coach Zinedine Zidane das Spiel nach Liverpools Ausgleich ändern wollte, brachte er Gareth Bale. Der Waliser war nur drei Minuten auf dem Feld, bevor er einen Fallrückzieher von derartiger Qualität zeigte, dass sogar die Liverpool-Fans applaudierten."

   FRANKREICH

   "Le Parisien": "Zinedine Zidane - Für immer der Erste. Kann man in weniger als drei Jahren einer der besten Trainer der Geschichte werden? Die Fans der großen Namen des Fußballs (Arrigo Sacchi, Rinus Michels, Johan Cruyff) und der schönsten Siege (Marcello Lippi, Vicente Del Bosque, Alex Ferguson) werden die Frage als merkwürdig empfinden, doch Zinedine Zidane hat sich am Samstagabend auf das Niveau dieser Legenden katapultiert."

   "Le Figaro": "Ein Trainer im siebenten Himmel."

   "Le Monde": "Zinedine Zidane, der 3-Sterne-Trainer. Seit er Trainer bei Real Madrid ist, hat Zinedine Zidane die Champions League gewonnen. Eine einzigartige Leistung in der Geschichte des Fußballs."

   ITALIEN

   "Gazzetta dello Sport": "Die Champions League von Mohamed Salah ist in einem Krankenhaus in Kiew zu Ende gegangen. Tränen, Schmerz und riesige Angst: Der Ägypter könnte bei der Weltmeisterschaft ausfallen. (...) Das Weinen des Angreifers von Liverpool hing nicht nur mit dem physischen Leid, sondern auch - oder vor allem - mit dem moralischen zusammen."

   "La Repubblica": "Zwei Gründe zum Heulen."

   "Corriere della Sera": "Real Madrid mag nicht den aufregendsten Fußball der Welt spielen, aber seine Champions machen Schüsse, die sonst niemand macht."

   ÄGYPTEN

   "Al-Ahram": "Tränen und Trauer der Fans nach Verletzung von Mohamed Salah im europäischen Finale."

   "Al-Wafd": "Verletzung von Mohamed Salah bestätigt schlechten Ruf von Sergio Ramos: Wie üblich ist Ramos Kritik und Attacken von Fußballfans in aller Welt ausgesetzt, weil er vorsätzlich seine Gegner angreift."

   "Al-Tahrir": "Hat Ramos Salah vorsätzlich verletzt? Die ägyptischen Fußballfans stehen nach der Verletzung von Mohamed Salah unter Schock."