Leben
25.07.2018

Drei Frauen erzählen: Der lange Weg zum Wunschkind

Drei Frauen erzählen, welche Hürden sie oft jahrelang zu bewältigen hatten - und wie es funktioniert hat.

Bei künstlicher Befruchtung scheint es keine Altersgrenzen mehr zu geben. Für Aufsehen sorgte die Inderin Rajo Devi Lohan, die im Alter von 70 Jahren ihr erstes Kind gebar – mithilfe der Eizellspende einer jungen Frau. Diese war mit dem Samen von Rajos Ehemann, 68, befruchtet und der Bäuerin eingesetzt worden. Die Tochter der ältesten Eltern der Welt ist heute neun Jahre alt. In Europa wäre so etwas alleine wegen der Rechtslage gar nicht möglich.

Für den letzten Teil der Serie "40 Jahre künstliche Befruchtung" sprach der KURIER mit drei Familien über ihre Hoffnungen und Sorgen auf ihrem Weg zum Wunschkind. Anna bemerkte schon mit Anfang 20, dass sie nicht schwanger wird – und ist seit wenigen Wochen Mutter einer Tochter. Olivia ließ sich trotz sechs gescheiterter IVF-Versuche nicht von ihrem Kinderwunsch beirren und hat adoptiert.kurier.at/wissenAlle bisherigen Serienteile können Sie online nachlesen.

Anna, 29: "Es wird viel zu wenig darüber gesprochen."

Zwei Jahre lang habe ich versucht, schwanger zu werden, dann haben mein Partner und ich uns gedacht, dass irgendwas nicht stimmen kann – vor allem, weil wir beide erst Anfang 20 waren. Nach mehreren Untersuchungen wurde bei mir zwar eine Genmutation gefunden, aber keine Unfruchtbarkeit festgestellt.

Im Wunschbaby Institut Feichtinger in Wien haben wir uns dann zuerst  für Spermieninjektionen (IUI) entschieden. Denn da mein Mann aus Serbien kommt und damals noch keinen genehmigten Daueraufenthalt in Österreich hatte, wären die Kosten für eine IVF zu hoch gewesen. Leider waren diese Versuche nicht erfolgreich, was mich emotional jedes Mal sehr mitgenommen hat. 2016  haben wir dann  die erste künstliche Befruchtung machen lassen.

Auch dieser Versuch ist gescheitert: In der Nacht vor der Eizellenentnahme kam es zu einem frühzeitigen Eisprung. Durch die vielen Hormone hatte ich sehr große Schmerzen. Die Ärzte konnten dennoch eine Eizelle befruchten, eingenistet hat sie sich aber nicht. Ich habe danach viel Zeit gebraucht, bevor ich sagen konnte "Ok, wir probieren es trotzdem weiter". Wenn man über Jahre hinweg so viele Rückschläge verkraften muss, ist es nicht einfach, weiter zu machen. Zur psychischen Belastung kamen noch die Nebenwirkungen der Hormone hinzu – Stimmungsschwankungen, Übelkeit. Ich finde, es wird viel zu wenig darüber gesprochen, wie belastend eine IVF tatsächlich ist.

Letztes Jahr habe ich mich  für den zweiten Versuch mit einer anderen Methode entschieden: Das sogenannte "Long-Protokoll". Der Körper wird dabei durch Hormone in einen Zustand versetzt, der den Wechseljahren gleicht. Nach drei Wochen wurden mir die Hormone dann in hoher Dosis wieder zugeführt. Das war körperlich sehr belastend – aber es hat funktioniert: Acht Eizellen konnten befruchtet werden, zwei wurden mir eingesetzt und eine Zelle blieb. Ich war tatsächlich endlich schwanger. Die Freude wich erneut der Angst: Ich war sehr besorgt, dass etwas  schiefgehen könnte. Zum Glück unbegründet. Im Juni 2018 wurde unsere Tochter gesund geboren.

Beate, 39: "Die Entscheidung habe ich nie hinterfragt."

Als ich  meinen Mann 2004 kennengelernt habe, hatte ich schon eine dreijährige Tochter aus einer früheren Beziehung. Nach zwei Jahren haben wir uns dann noch ein gemeinsames Baby gewünscht. Leider war das Glück nicht auf unserer Seite: 2009 wurde ich schwanger, hatte in der achten Schwangerschaftswoche aber eine Fehlgeburt. Zwei Jahre später wurden mir wegen einer starken Endometriose die Eileiter entfernt. Wir wussten, dass wir auf natürlichem Wege kein Kind mehr bekommen können. Nach der OP haben mein Partner und ich uns dann über eine künstliche Befruchtung informiert.

Dann ging alles sehr schnell. Ich kann mich noch erinnern, dass es eine Art Kurzschlussreaktion war: In einer Arbeitspause habe ich bei der Frauenklinik in Graz angerufen und am Telefon festgestellt, dass ich zu dem Zeitpunkt in der richtigen Zyklusphase für eine IVF wäre. Am nächsten Tag folgte die Untersuchung  und ich habe mit der Hormontherapie begonnen – ich war 33 Jahre alt, mein Partner damals 29.

Von der Hormontherapie hatte ich sehr starke Begleiterscheinungen. Alleine in den ersten drei Monaten habe ich acht Kilo zugenommen, während der Schwangerschaft waren es insgesamt 33 Kilogramm. Das stand in keinem Verhältnis zu meiner ersten Schwangerschaft. Dazu kamen sehr starke Stimmungsschwankungen und oft auch Übelkeit. Am belastendsten war aber die permanente Ungewissheit, ob es  klappen würde. Für meinen Partner und mich war klar, dass wir es nur einmal versuchen wollen. Wäre ich nicht schwanger geworden, hätte es aus unserer Sicht einfach nicht sein sollen.

Nach der Hormontherapie wurden mir zehn Eizellen entnommen, zwei davon konnten befruchtet werden. Darauf zu warten, ob sich die Eizellen dann auch wirklich einnisten, war emotional extrem anstrengend. Dazu kam noch die Frage, was passiert, wenn sich beide einnisten? Dann die große Erleichterung: "Wir" waren endlich mit einem Baby schwanger. 2013 kam unsere Tochter zur Welt. Nach der Geburt haben die Hormone bei mir noch lange nachgewirkt. Trotzdem habe ich die Entscheidung, mich künstlich befruchten zu lassen, nie hinterfragt.

Olivia, 44: "Die Liebe könnte nicht größer sein."

Als ich Anfang 30 auf natürlichem Weg nicht schwanger wurde, empfahl mein Gynäkologe eine Insemination (Samenzellen werden direkt in die Gebärmutterhöhle eingebracht, Anm.). Nach drei Versuchen überwies er uns  zu einem Kinderwunschspezialisten, der die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion empfahl (ICSI; Eizellen werden entnommen, mittels Kanüle befruchtet und eingesetzt, Anm.).

Beim zweiten Versuch, ich war 34, wurde ich tatsächlich schwanger. Doch in der neunten Woche verlor ich das Baby. Nach diesem Schock haben wir  es noch vier Mal probiert, leider wieder ohne Erfolg. Diese sieben Jahre waren mit so vielen Hoffnungen verknüpft, ich hätte nie gedacht, dass es nicht funktioniert. Rückblickend war die seelische Belastung am schwersten.

Noch während der letzten ICSI-Behandlung meldeten wir uns für einen Adoptionskurs an, heirateten und besorgten alle erforderlichen Unterlagen.  Das Erstgespräch bei einer  eher destruktiven Beraterin war dann sehr ernüchternd. Sie sagte, die Chance sei gleich null. Ich ging heulend heim. Aber wir haben nicht nachgegeben,  das Zweitgespräch bei einer anderen Beraterin war viel besser.

Uns waren Geschlecht und Herkunft völlig egal – gesund sollte das Kind sein.  Große Hoffnungen hatten wir nicht.  Doch nach 16 Monaten, an einem Montag, kam plötzlich der Anruf. Am Tag zuvor, dem Muttertag 2011, war ein Mädchen bei einer anonymen Geburt zur Welt gekommen. Das  war der schönste und bewegendste Tag in unserem Leben! Der Moment, als wir sie das erste Mal sahen, bleibt unvergesslich. Ich sagte spontan: Alles wird gut, die Mama ist jetzt da, ich werde immer für dich da sein. Und sie hielt meinen kleinen Finger ganz fest.

Wir nahmen unsere Kleine nach drei Tagen mit heim, die ersten Wochen  vergingen wie in Trance. Bis die Adoption rechtskräftig war, war es noch einmal eine Zeit der Unsicherheit. Unsere Tochter weiß, dass sie eine „Bauch-Mama“ und eine „Herz-Mama“ hat. Wir hätten auch kein Problem, wenn sich ihre zweite Mutter einmal melden sollte. Denn die Liebe zu unserem Kind könnte nicht größer sein, wenn sie in meinem Bauch gewesen wäre.