Wissen
24.07.2018

Kinderwunsch: Was die Fruchtbarkeit beeinflusst

Plus und minus: Lebensstil und Umwelt spielen eine oft unterschätzte Rolle beim Kinderwunsch.

Ein Jahr kann lang sein: Besonders, wenn sich ein Paar ein Kind wünscht. „Bei 30 Prozent klappt es innerhalb dieses Zeitraums nicht“, sagt Univ.-Prof. Andreas Obruca, ärztlicher Leiter im Kinderwunschzentrum Goldenes Kreuz in Wien. Um die Einflussfaktoren gibt es viele Mythen – ein Überblick darüber, was (wissenschaftlich belegt) hilft, und was nicht:

PLUS:

+ Nüsse, mediterrane Ernährung: 60 Gramm Nüsse am Tag 14 Wochen lang erhöhten bei Männern zwischen 18 und 35 die Zahl sowie die Beweglichkeit von Spermien, DNA-Schäden waren geringer. Frauen mit mediterraner Ernährung (viel Obst, Gemüse, Fisch, Hülsenfrüchte) hatten in einer Studie mehr Erfolg bei IVF-Versuchen (künstliche Befruchtung). „Vitamin E, Selen, Folat, Zink und andere Mikronährstoffe haben eine positiven Einfluss“, sagt Obruca.

+ Bewegung: Ausreichend Bewegung verbessert die Blutzirkulation. Sportlich aktive Frauen werden schneller schwanger als Bewegungsmuffel. Gleichzeitig hilft Sport beim Stressabbau und wirkt positiv auf die Psyche. Aber: „Leistungssport ist kontraproduktiv.“

 + Vitamin D: Mehrere Studien zeigen einen engen Zusammenhang zwischen niedrigen Vitamin-D-Spiegeln bei Frauen und geringerem IVF-Erfolg. „Alle Frauen, die zu uns kommen, haben zu niedrige Vitamin-D-Spiegel, auch im Sommer. Ihnen empfehlen wir Nahrungsergänzungsmittel.“ Auch die Versorgung mit Jod, Folsäure und B-Vitaminen muss ausreichend sein.

 + Sex rund um den Eisprung: „Hat ein Paar um den Eisprung herum jeden zweiten Tag Geschlechtsverkehr, ist das optimal“, sagt Obruca. Zwei Tage beträgt die Lebensdauer der Spermien. Täglicher Sex hingegen reduziert die Spermienzahl, aber auch -qualität. „Zu häufigen Sex sehen wir aber praktisch nicht mehr. Viele Kinderwunschpaare empfinden lediglich zwei bis drei Mal im Monat als normal.“ Nach dem Sex sollte die Frau eine halbe Stunde liegen bleiben, damit sich die Spermien gut Richtung Gebärmutter bewegen können. Dass bestimmte Stellungen erfolgversprechender als andere seien, sei nicht erwiesen.

Von herkömmlichen Gleitgelen rät das Verbrauchermagazin Öko-Test ab: Meist haben diesen einen sauren pH-Wert, was die Spermienbeweglichkeit reduziert. Anders bei speziellen Kinderwunsch-Gleitgelen. Bei ihnen sei der pH-Wert auf den vaginalen pH-Wert der fruchtbaren Tage abgestimmt. Bezüglich eines positiven Einflusses auf den Kinderwunsch ist die Datenlage laut Öko-Test aber sehr dünn.

 + Optimale Schlafdauer: In einer US-Studie zeigte sich: Bei Paaren, wo die Männer weniger als sechs Stunden und mehr als neun Stunden schliefen, war die Schwangerschaftsrate geringer.

MINUS:

- Fast Food: Eine Studie unter  der Leitung der australischen Universität von Adelaide mit 5600 Jungmüttern ergab: Jene, die öfter als vier Mal im Monat Fast Food verzehrt hatten, benötigten im Schnitt einen Monat länger, bis es zu einer Schwangerschaft kam.

 - Stress: „Dauerstress reduziert die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft um 20 bis 25 Prozent, betont Obruca. „Bei Männern, die uns vor der Untersuchung sagten, sie seien gestresst, waren die Spermienzahl und deren Qualität deutlich geringer als bei Männern mit weniger Stressbelastung im Alltag.“ Schwere körperliche Arbeit und Schichtarbeit haben ebenfalls einen negativen Einfluss auf die Qualität und Zahl der Eizellen.

 - Pestizide, Weichmacher: Frauen, die im Rahmen ihres Jobs Kontakte zu Pestiziden und Plastikweichmachern hatten, brauchten auffällig länger bis zur Schwangerschaft, ergab eine niederländische Untersuchung. Auch das Gewicht der Kinder war geringer. Männer mit höheren Pestizidrückständen im Blut haben weniger Spermien, diese sind auch weniger häufig normal geformt.

 - Über- und Untergewicht: Ein Teil der männlichen Hormone (Androgene), die auch bei Frauen vorkommen, wird im Fettgewebe produziert. Übergewicht kann den Androgenspiegel erhöhen – dieser stört dann die Reifung der Eizellen.

 - Rauchen: Das Risiko für einen Misserfolg einer Kinderwunschbehandlung ist bei rauchenden Männern doppelt so hoch wie bei Paaren, bei denen der Mann nicht raucht. Bei Frauen reduziert sich die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis in einem Zyklus um 10 bis 40 Prozent.

 - Hitze: Dauerhaft hohe Temperaturen verringern die Samenqualität. Wie stark der Einfluss von heißen Bädern oder Saunabesuchen ist, ist aber umstritten. „Ich halte das für Mythen, ebenso wie die zu engen Hosen.“

 - Handy in der Hose: „Die Studiendaten sind nicht eindeutig“, sagt Obruca: „Ich rate aber davon ab, das Mobiltelefon dauerhaft im Hosensack zu tragen.“

"Viele Paare überschätzen leider unsere Möglichkeiten"

Univ.-Prof. Andreas Obruca, Kinderwunschzentrum Goldenes Kreuz, hat mehr als ein Vierteljahrhundert Erfahrung.

KURIER: Was hat sich in diesem Vierteljahrhundert verändert?
Andreas Obruca: Anfang der 90er-Jahre war ein Verschluss der Eileiter als Folge von Entzündungen und Infektionen der Hauptgrund für  nicht erfüllten Kinderwunsch.  Durch eine raschere Therapie solcher Entzündungen ist das  aber stark zurückgegangen. Andere Probleme – etwa verschiedene Störungen des Hormonhaushaltes  – nehmen hingegen deutlich zu. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Frauen, die zu uns kommen,  heute im Schnitt vier bis fünf Jahre älter sind als noch vor 20 Jahren.

Zwischen 1973 und 2011 ist die Spermienzahl pro Milliliter Ejakulat bei Männern aus Industrieländen um rund 50  Prozent gesunken. Ist dadurch die Zeugungsfähigkeit bedroht?
Nicht generell. Zwar nimmt eindeutig seit den 50er-Jahren  die Gesamtzahl der Spermien, ihre Konzentration pro Milliliter Ejakulat und ihre Beweglichkeit ab. Natürlich ist es statistisch relevant, ob im Ejakulat  60 oder 39 Millionen Spermien – der derzeitige Normwert der WHO – enthalten sind, aber auf die Fruchtbarkeit hat der Rückgang bei den meisten Männern noch keinen Einfluss.

Allerdings: Bei den meisten Männern, die zu uns kommen, ist zumindest ein Wert bei der Spermienuntersuchung – etwa deren Gesamtzahl, die Konzentration, die Beweglichkeit oder der Anteil mit einer gesunden Form – unterhalb der WHO-Norm. Das liegt  sicher auch an Umwelt- und Lebensstilfaktoren sowie auch am höheren Alter der Männer. Und das wiederum senkt die Chance auf einen erfüllten Kinderwunsch.

Wo sehen Sie das größte Problem beim Thema Fruchtbarkeit?
Darin, dass viele Paare sich zu lange Zeit lassen, bis sie eine Spezialklinik aufsuchen. Bei allen Erfolgen, die wir heute bei der Verwirklichung eines Kinderwunsches haben: Viele Paare überschätzen leider unsere Möglichkeiten. Das hängt auch damit zusammen, dass in Hochglanzmagazinen immer wieder Frauen mit 50, 55 Jahren gezeigt werden, die noch schwanger wurden. Aber das geht nur mit einer Eizellspende – und  ist etwas ganz anderes als eine herkömmliche Schwangerschaft. Aber im Hinterkopf vieler Frauen bleibt die Botschaft hängen, eine Schwangerschaft so spät sei kein Problem.

Ab einem Alter der Frau von 42 Jahren geben wir – auf Basis der Hormonwerte, der Eierstockreserve, der Vorgeschichte – eine individuelle Prognose über die Erfolgsaussicht einer IVF-Behandlung ab. Manchmal sprechen wir dann aber auch die Empfehlung aus, wegen mangelnder Erfolgsaussicht auf eine Behandlung zu verzichten.