Wissen
22.07.2018

40 Jahre künstliche Befruchtung: Wie alles begann

Was heute Routine ist, war im Jahr 1978 eine Sensation. Kirche und Ethiker verurteilten die Methode, Paare schöpften Hoffnung.

Nur Nachwuchs der Royals erhält sonst die Aufmerksamkeit, die britische Medien am 25. Juli 1978 einem kleinen Mädchen in Oldham nahe Manchester widmeten: „Baby des Jahrhunderts“ titelte der Daily Express, das Magazin Time schrieb von der „am sehnlichsten erwarteten Geburt seit wahrscheinlich 2000 Jahren“ – in Anspielung an Jesus Christus. Es war die Geburt von Louise Brown, dem ersten Kind weltweit, das mittels künstlicher Befruchtung gezeugt wurde.

Dem Wissenschaftler Robert Edwards und dem Gynäkologen Patrick Steptoe war es gelungen, Samen- und Eizelle ihrer Eltern im Labor verschmelzen zu lassen. Das Paar hatte jahrelang erfolglos versucht, ein Kind zu bekommen. Die Geburt ihrer Tochter Louise markiert die Geburtsstunde der In-vitro-Fertilisation (IVF). Und sie gab Millionen kinderlosen Paaren Hoffnung. „Zuvor hatten sogar prominente Professoren gesagt: ,Das geht beim Menschen nie’. Nach der Geburt forschten weltweit mehrere Teams daran“, erinnert sich Reproduktionsmediziner Wilfried Feichtinger, der später das Wiener Team leitete. Vom ersten Retortenbaby erfuhr er aus dem KURIER.

Geheimes Wissen

Die britischen Pioniere wollten ihr Wissen zunächst nicht teilen. Erst, als auch Australien sein Reagenzglasbaby hatte, legten sie alles offen. Feichtinger und sein damaliger Kollege, Gynäkologe Peter Kemeter, bastelten sich die notwendigen Materialien, die heute industriell hergestellt werden, selbst: „Aus Teflonschläuchen haben wir einen Embryotransferschlauch gemacht, für die Kulturmedien habe ich Salze eingewogen und den pH-Wert eingestellt. Es gab damals nichts dafür“, erzählt der spätere Gründer des Wunschbaby Instituts. Erste Versuche des Teams verliefen erfolglos.

Am 5. August 1982 dann der Durchbruch: die Geburt von Zlatan Jovanovic. Österreich war nach Großbritannien, Australien, den USA, Frankreich und Deutschland das weltweit sechste Land, in dem ein mittels künstlicher Befruchtung gezeugtes Kind geboren wurde. Auch hierzulande war das Medieninteresse groß – selbst Jahre später, wie sich der bald 36-jährige Jovanovic heute erinnert: „Seit ich klein war, gab es immer wieder Fototermine. Ich bekam dafür Süßigkeiten und dachte eine Zeit lang, das ist bei jedem so.“ Erst in der Hauptschule bekam der Wiener mit, warum sich andere für ihn interessierten: Eine Lehrerin hatte einen Zeitungsartikel über ihn mitgebracht. „Da habe ich meine Eltern gefragt und selbst ein bisschen nachgeforscht. Es war für mich bald kein Thema mehr“, erzählt Jovanovic dem KURIER. Bis heute hat er Kontakt zu seinem „medizinischen Vater“ Feichtinger.

60 Gesundheitschecks

Auch für Louise Brown ist es ganz normal, dass ihr Name bei Quiz-Shows abgefragt wird und ihre ersten Schreie auf YouTube dokumentiert sind. „Früher hatte ich Albträume, warum ausgerechnet ich das erste Retortenbaby sein musste“, erinnert sich die Krankenschwester. „Aber eines Tages bin ich aufgewacht und dachte: Warum eigentlich nicht?“

Die Befürchtung, dass Louise – sie wurde unmittelbar nach der Geburt mehr als 60 Gesundheitschecks unterzogen – und andere IVF-Babys Fehlbildungen aufweisen, bestätigte sich nicht. Auch dass die Mädchen unfruchtbar wären, wurde widerlegt. Louise ist selbst zweifache Mutter – ganz ohne IVF.

Immer wieder war sie Hänseleien ausgesetzt. In der Schule hätten Kinder gefragt, „wie ich denn in ein Reagenzglas gepasst habe“. Ihre Eltern, die Forscher und auch Familie Jovanovic in Österreich erlebten immer wieder Anfeindungen. Manche sprachen von „Frankenbabies“, einem „Teufelswerk“ und „Gott spielen“. Ethiker befürchteten, dass der Schritt zum Mensch-Klon nur noch ein kleiner sei. Die katholische Kirche sah einen Angriff auf die Schöpfung. IVF-Pionier Robert Edwards kommentierte: „Katholiken wird gesagt, sie sollen es (Anm.: IVF) nicht tun, und sie tun es doch überall. Was all die Päpste damit lediglich erreicht haben ist, dass die Leute ihnen den Gehorsam verweigern.“ Er erhielt 2010 den Medizin-Nobelpreis. Bis heute gibt es religiöse und ethische Kritiker – künstliche Befruchtung ist aber Routine geworden.

Anders als in den Anfängen sind die Paare heute älter. „All unsere Patientinnen waren unter 30. Trotz technischer Schwierigkeiten sind sie viel leichter schwanger geworden. Durch das heute höhere Alter ist die Qualität der Samen- und Eizellen deutlich schlechter“, sagt Feichtinger. Vielen Paaren ist nicht bewusst, dass es nur bei jedem dritten Embryotransfer zu einer Schwangerschaft kommt. Trotz zahlreicher Verbesserungen ist die IVF eine komplizierte, emotional und körperlich herausfordernde Prozedur.

Dennoch: Seit Louise Brown sind laut Schätzungen weltweit acht Millionen Babys mithilfe künstlicher Befruchtung gezeugt worden, jedes Jahr kommt eine halbe Million dazu. Zlatan Jovanovic ist froh, dass es bei seinen Eltern geklappt hat. Er ist stolz, von sich selbst sagen zu können, 100 prozentig ein Wunschkind zu sein.

Methoden & Kosten

Nach einer hormonellen Stimulationsbehandlung werden der Frau Eizellen entnommen und – je nach Methode – mit Samenzellen des Mannes oder einer Samenspende zusammengebracht.

In-vitro-Fertilisation (IVF): Ei- und Samenzellen werden in ein Kulturmedium eingebracht. Die befruchtete Eizelle wird in die Gebärmutter eingesetzt.

Intracytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Die Befruchtung erfolgt durch direkte Injektion einer Samenzelle in eine Eizelle. Diese Methode ist  die häufigste Form der künstlichen Befruchtung.

Single Embryo Transfer: Überwiegend wird ein Embryo in die Gebärmutter der Frau eingesetzt. Je nach Alter und medizinischen Faktoren kann manchmal mehr als ein Embryo eingebracht werden. Werden mehrere Eizellen befruchtet, können diese für spätere Versuche tiefgefroren werden (Kryokonservierung).

Kosten: Ein IVF-Versuch kostet rund 3000 Euro. In Österreich werden 70 Prozent der Kosten für bis zu vier IVF-Versuche vom IVF-Fonds des Gesundheitsministeriums übernommen. Beispiele für Voraussetzungen: Mann und Frau oder zwei Frauen müssen in einer Partnerschaft sein (IVF für lesbische Paare ist seit 2015 möglich). Es muss bei einem oder beiden Partnern eine medizinische Indikation vorliegen, etwa verschlossene Eileiter. Die Frau darf nicht älter als 40 Jahre sein, ihr Partner oder ihre Partnerin nicht älter als 50.