Manche Menschen putzen nicht nur für eine saubere Wohnung.

© Getty Images/iStockphoto/Milkos/iStockphoto

Leben
02/06/2019

Aufräum-Hype: Wie die Putzteufel das Netz erobern

Warum der Kondo-Hype heimische Profi-Ausmister beflügelt und das Saubermachen der Seele guttun kann.

von Elisabeth Mittendorfer

Es dauert nicht mehr lang, bis sich zum Frühlingsbeginn auch die größten Putzmuffel wieder in der Pflicht sehen. Aufräumen, Entrümpeln und Putzen ist aber jetzt schon angesagt wie selten zuvor. Denn am Hype um die japanische Profi-Ausmisterin Marie Kondo und ihre Netflix-Serie kommt kaum jemand vorbei.

Indirekt profitieren vom Kondo-Effekt auch Aufräumcoaches hierzulande. So wie Katrin Miseré, die seit 2012 als Ordnungsberaterin in Wien und Umgebung tätig ist. „Es gibt eine steigende Nachfrage – dass das nur an Marie Kondo liegt, glaube ich nicht“, sagt sie. Viel eher gebe es immer mehr Menschen, die sich eingestehen, ein Ordnungsproblem zu haben. Miseré unterstützt sie vorrangig dabei, sich von Dingen zu trennen.

Putz-Tipps auf Instagram

Doch nicht nur Kondo, die weltweit über sieben Millionen Bücher verkauft hat, versteht es, Menschen fürs Aufräumen zu begeistern. In jüngster Zeit fluten Bilder von glänzenden Küchenarbeitsplatten, funkelnden Böden und makellos aufgeräumten Wohnungen die Fotoplattform Instagram – und finden großen Anklang.

Der Britin Sophie Hinchliffe sehen über 1,7 Millionen Follower zu, wie sie Hausrat desinfiziert und ihre Abwasch auf Hochglanz poliert. In einem Artikel des britischen Guardian wurde die 28-Jährige kürzlich als eine der einflussreichsten Vertreterinnen der Gattung „Cleanfluencer“ bezeichnet. Eine Wortkreation aus „clean“ (sauber) und „Influencer“ – ein Begriff für Menschen, die durch ihre Aktivitäten und ihre hohe Reichweite in den sozialen Medien für die Wirtschaft interessant werden.

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„Man kann diese Entwicklung als eine Facette des Trends zur Selbstoptimierung sehen“, sagt Anja Röcke vom Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Bisher zielte die Selbstverbesserung vor allem auf die physische Erscheinung ab – es ging also darum, sportlicher oder attraktiver auszusehen. Nun werden auch alltäglichen Handlungen, wie eben das Putzen oder Aufräumen, diesem Credo unterworfen.

Rückzug

Der Reinlichkeits-Trend könne auch als Ausdruck für den Umgang mit gesellschaftlichem Stress gesehen werden. „Ein Zeichen dafür, dass sich die Menschen aus Angst ins Private zurückziehen, beziehungsweise, dass das Private auch im Sinne einer bestmöglichen Präsentation nach außen gestaltet wird“, sagt Röcke. Das Putzen ist dann nicht länger nur ein Mittel zum Zweck – also eine saubere Wohnung – sondern bekommt als Tätigkeit einen eigenen Wert.

Zu einem ähnlichen Fazit kam eine Studie des deutschen Marktforschungsinstituts rheingold salon. Dieser zufolge hilft Putzen Menschen dabei, einem Gefühl von Ohnmacht und Überforderung gegenüberzutreten und den Alltag besser zu bewältigen.

Selbstoptimierung und Zurschaustellung von Ordnung sei Miseré zufolge kein Anreiz für ihre Kunden. Ähnlich wie Kondo will sie diese zum Nachdenken anregen, welches Gefühl sie mit ihrem Besitz verbinden; welche Gegenstände sie mit Freude erfüllen. „Vielen geht es nicht darum, Dinge zu gebrauchen, sondern nur noch darum, sie zu besitzen“, erzählt Miseré. Durch das immer billiger und größer werdende Warenangebot entstehen laut der Ordnungsberaterin Unsicherheiten, was man wirklich braucht. „Das kann dazu führen, dass sich jemand plötzlich einbildet, nicht mehr ohne einen Ananas-Schneider auskommen zu können.“

"Wenn es ums Ausmisten geht, sehe ich oft die blanke Panik in den Augen der Leute."

Katrin Miseré

Besitz als Bürde

Die Belastung, die durch die Anhäufung von zu viel Hausrat bei einigen Menschen entsteht, sieht sie als relativ neues Phänomen. Auch die eigene Lösungskompetenz würde vielen angesichts des Überflusses immer stärker abhanden kommen.

80 Prozent von Miserés Kunden hätte zu Hause eines der Bücher von Kondo im Regal stehen – und rufen trotzdem die Ordnungsberaterin zu Hilfe. Denn vielen bliebe der Zugang zum eigenen Bauchgefühl im ersten Anlauf verwehrt. „Wenn es darum geht, Gegenstände auszumisten, sehe ich oft die blanke Panik in den Augen der Leute.“ Dieser Prozess bedeute meist harte Arbeit und das Überwinden innerer Widerstände. Dann ist auch der Frühjahrsputz keine leidige Pflichtübung mehr.

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