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Chronik Wien
01/25/2019

Wien mistet aus: Second-Hand-Geschäfte gehen über

Grund dafür ist Netflix-Ausmisterin Marie Kondo. Der Hype um sie hat nun die Bundeshauptstadt erreicht.

von Julia Schrenk, Jeff Mangione

Jenny Reuter steht vor einem Haufen Säcke und Taschen. Zu den hintersten dringt sie gar nicht durch. Der kleine Raum, der eigentlich das Büro im Second-Hand-Laden New Chance des Wiener Hilfswerks ist, ist voll mit Kleidung und Hausrat. Alles, das dort steht, sind die Spenden von zwei Tagen. „Wir kriegen grad extrem viel rein“, sagt die 34-Jährige.

Das Spendenaufkommen bei New Chance ist enorm - obwohl den kleinen Shop, den es erst seit Juni des Vorjahres gibt, noch kaum jemand kennt. „Wir sind ja nicht die Carla“, sagt Reuter. Die Carla  – das ist der Second-Hand-Shop der Wiener Caritas am Mittersteig.

Und auch in der Carla ist gerade viel los. „Ungewöhnlich viel“, wie Elisabeth Mimra sagt. Sie leitet das Geschäft am Mittersteig in Wien-Margareten. Im Jänner sei normalerweise nicht sehr viel los. „Von November bis in die Weihnachtsferien ist die intensivste Zeit für uns. Am 6. Jänner, also nach den Ferien, hört es meist abrupt auf."

Nur heuer sei das anders. Am Wochenende stünden die Menschen sogar Schlange, um Entrümpeltes abzugeben. Elisabeth Mimra hat auch eine Vermutung, was dahinter stecken könnte. Oder besser gesagt, wer: Marie Kondo. Um die Japanerin ist eine große Begeisterung ausgebrochen. Grund dafür ist ihre Serie „Aufräumen mit Marie Kondo (Originaltitel „Tidying up with Marie Kondo, Anm.), die aktuell auf dem US-Streamingdienst  Netflix läuft.

Kondo besucht (unordentliche) Menschen zu Hause, hilft ihnen beim Ausmisten und zeigt, wie man einen Haushalt langfristig ordentlich führen kann. Das funktioniert nach ihrer "KonMari-Methode": Jedes Teil wird begutachtet. Die Entscheidung, ob es ausgemistet oder aufgehoben wird, fällt nach der Beantwortung einer Frage. Nämlich: "Löst dieses Teil Freude in mir aus?" (Original: "Does ist spark joy?").  Wenn ja, darf es bleiben, wenn nein, muss es weg.

"Das passt ganz gut zum aktuellen Trend, minimalistischer zu leben und sich sein Zuhause schön und gemütlich zu machen", sagt Mimra. Die Menschen würden jedenfalls derzeit alles in die Carla bringen: Bücher, Geschirr, Krims-Krams, aber vor allem Kleidung.

Zirka eine Tonne Sachspenden erhält die Caritas täglich, bei den Kleiderspenden sind aber nur zirka 50 Prozent der gebrachten Ware auch tragbar - und damit weiterverkaufbar. "Wenn eine Weste keine Knöpfe mehr hat, dann ist die für uns nicht brauchbar", sagt Mimra.

Die anderen 50 Prozent sind so beschädigt, zerrissen, oder so stark verschmutzt, dass sie noch als Rohstoff für Dämmmaterial verwendet werden können oder aber als Textil- bzw. Restmüll aussortiert werden müssen.

Problem "Fast Fashion"

Die sogenannte "Fast Fashion" ist ein Problem. Weil Kleidung mittlerweile so billig zu kaufen ist, wechseln viele Menschen mehrmals im Jahr ihre Garderobe aus. Vieles, das an Qualität nachlässt oder einfach nicht mehr gefällt, landet im Müll. Insgesamt werden in Österreich jährlich etwa 80.000 Tonnen Kleidung im Müll entsorgt.

Der Rest, der noch tragbar erscheint, wird gespendet. Die Sammelcontainer, die etwa Kolping oder das Rote Kreuz aufstellen, sind so gut wie immer voll. Und Second-Hand-Shops boomen - auch weil vor allem Junge wieder mehr auf  möglichst nachhaltigen Kleidungskauf setzen.

In der Carla können Sachspenden täglich bis 30 Minuten vor Ladenschluss abgegeben werden. Zuerst prüfen die Mitarbeiter, ob die Ware grundsätzlich geeignet ist, also wiederverkauft werden kann. Wenn ja, wandert sie zu den Kolleginnen, die die Spenden je nach Preiskategorie sortieren. Dort hat sich aktuell ein massiver Rückstau gebildet. "Wir kommen grad nicht nach mit dem Sortieren", erzählt eine der Kolleginnen. 

Das ist auch bei Jenny Reuter im Second-Hand-Shop des Wiener Hilfswerks so. Die Spenden, die vergangenen Freitag und Montag gebracht wurden, stellen das ganze Büro voll. Teilweise sind die Gegenstände noch orginalverpackt, an den Kleidungsstücken hängen oft noch Preisschilder.

"Wir kriegen wahnsinnig viel Spenden", sagt Reuter. Was noch gebraucht wird? "Kunden", sagt sie.

Wohin mit dem Zeug?

Second-Hand-Shops

Carla Nord: 21., Steinheilgasse 3; Mo-Fr 9-18 Uhr, Sa 9 bis 13 Uhr

Carla Mittersteig: 5., Mittersteig 10; Mo-Fr 9-18 Uhr, Sa 9 bis 13 Uhr.

Aus jeder Sachspende wird eine Geldspende  für ein anderes Caritas-Projekt.

New Chance
3., Barichgasse 8/3; Mo, Di, Mi 13 bis 18 Uhr, Do-Fr 10 bis 18 Uhr. Wer dort einkauft, unterstützt zum Beispiel Lernprojekte des Hilfswerks.

48er Tandler
5., Siebenbrunnenfeldgasse 3
Mi-Sa 10 bis 18 Uhr

Polyklamott
6., Mollardgasse 13. Mo-Fr 12 bis 19.30 Uhr, Sa 11 bis 18  Uhr.

Sylvi’s Tauschecke
16., Wilhelminenstraße 53
Mo-Do 9 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr, Fr-Sa 9 bis 12 Uhr; ab 4. Februar Mo-Do 9 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr.

Spendencontainer

Mit den Spenden, die in den Altkleidercontainern von Rotem Kreuz und Kolping-Gemeinschaft landen,  werden soziale Projekte gefördert. Kleidung sollte in Plastiksäcken, Schuhe  zusammengebunden, abgegeben werden.  Eine Liste der Adressen der Rot-Kreuz-Sammelstellen findet sich hier, eine der Kolping-Container hier.