© Theater an der Wien/Felix Broede

Kultur Zugabe
12/13/2019

Dirigent Manfred Honeck: Warum er sich eine "Beethovenkugel" wünscht

Ab 16. März 2020 dirigiert Honeck im Theater an der Wien den „Fidelio“. Im Interview spricht er über die „Freiheitsoper“ und den Wert Beethovens für die heutige Welt

von Georg Leyrer

Filmstar Christoph Waltz inszeniert 2020 am Ort der Uraufführung den Fidelio. Am Pult: Manfred Honeck.

KURIER: Zu hören sein wird die zweite, nach dem Uraufführungsmisserfolg überarbeitete Fassung von 1806. Wie zeichnet sich diese aus?

Manfred Honeck: Die allererste Fassung war tatsächlich ein Misserfolg aus verschiedenen Gründen. Das politische Umfeld passte nicht. Aus musikalischer Sicht muss man sich vor Augen halten, dass Beethoven noch nie eine Oper komponiert hatte. Er erlebt, wie im Gegensatz zur rein symphonischen Musik, Dinge in der Oper anderen – oft auch außermusikalischen - Gesetzen unterworfen sind. Dass er sich die Mühe machte, die Oper nochmals zu überarbeiten, zeugt davon, dass er selbst trotz der vielen großartigen Einfälle einige Schwächen erkannte, zum Beispiel, dass einige – zweifellos schöne – Abschnitte den dramaturgischen Ablauf stocken ließen. Er hat viele Vorspiele, Nachspiele, Überleitungen sowie Wiederholungen gestrichen und ist damit zu einer dramaturgisch stringenteren Fassung gekommen. Dank dieser Kürzungen haben wir nun statt den ursprünglichen drei Akten eine zweiaktige Oper. Übrigens ist die berühmte Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 für diese zweite Fassung komponiert worden.

Wie begegnet man als Dirigent alledem?

Das ist sicherlich eine Herausforderung für jeden Dirigenten. Es hängt davon ab, mit welcher Erwartungshaltung ich dieser Oper, oder besser, diesem Singspiel begegne. Der symphonische Ansatz schließt grundsätzlich ein dramaturgisch hochwertiges Spiel nicht aus. Interessant für mich ist, dass Beethoven gerade diese Fassung noch aus dem Geist Mozarts geschrieben hat. Es ist eben noch mehr ein Singspiel als eine Oper. Ich finde es aber durchaus spannend, den erwähnten dramaturgischen Schwächen mit einer gewissen Schärfung im musikalischen Material zu begegnen. Dieses musikalische Material ist ja reichlich vorhanden.

Es ist jedenfalls die große „Freiheitsoper“.In den letzten Jahren hat sich ja die Diskussion um Freiheit zugespitzt, aber auch durchaus verändert: Sie ist zunehmend mit Technologie verbunden, im Positiven wie im Negativen. Die grenzenlose Meinungsfreiheit im Internet hat der Demokratie nicht nur geholfen, andererseits nützen Staaten wie China Technologie dazu, die Bevölkerung zu unterdrücken. Wie kann sich denn der „Fidelio“ hier einfügen?

Ich hatte gerade vor ein paar Tagen in San Francisco die Gelegenheit mit einem interessanten Menschen zu sprechen, der als ehemaliger Mitarbeiter von Facebook die allerersten Anfänge dieses Unternehmens miterlebt hat. Dabei kam dieses Thema zur Sprache. Er meinte, dass mit Facebook, Twitter, Instagram eine für die Menschheit noch nie dagewesene individuelle Freiheit erlangt worden sei, auch wenn es noch viel zu verbessern gäbe. Aber leider hat die Geschichte der Menschheit bewiesen, dass diese Freiheit von einigen Menschen missbraucht wird. Und darum geht es auch bei Fidelio. Pizarro missbraucht seine Macht. Er lässt seinen Widersacher Florestan einsperren und will ihn letztlich ermorden. Es hat sich seitdem leider nichts geändert.

Und welche Freiheit fordert denn der „Fidelio“ für Sie persönlich ein?

Freiheit läuft Gefahr, in zunächst kleinen Schritten eingeschränkt zu werden, vielleicht betrifft es zuerst nur einen Einzelnen, dann eine kleine Gruppe, schließlich weitet es sich ins Allgemeine aus. Florestan hat offensichtlich zu viel gewusst, hat geredet. Die Konsequenzen musste er erleiden. Es ist die Meinungsfreiheit und Redefreiheit, die ich letzten Endes gefährdet sehe. Das trifft auch heute noch zu.

Regie führt Christoph Waltz. Können Sie schon etwas über die Inszenierung verraten?

Wir stecken mitten im Arbeitsprozess. Ich habe Christoph Waltz mehrmals getroffen und bin sehr begeistert. Ein sehr musikalischer Künstler.

Glauben Sie, man kann 2020 Beethoven als Menschen näher rücken? Und was an dessen Persönlichkeit gilt es vielleicht neu zu entdecken?

Ich denke, dass es gar nicht so wichtig ist, die Person Beethoven bis in das kleinste Detail näherzubringen. Viel wichtiger scheint mir, seine Musik noch besser kennenzulernen. Durch seine Musik lernen wir seine Persönlichkeit vielleicht sogar noch besser kennen, als durch die Biographie. Im Übrigen lässt sich ein Bild wie das eines Mozart mit genial süßlichem Gesicht besser verkaufen, als das grimmige, wilde eines Beethoven. Dennoch wünsche ich mir eine Beethovenkugel. Ob sie auch so gut schmecken würde wie die Mozartkugel?

Eine große Frage auch für das Beethovenjahr ist ja das junge und das neue Publikum. Für dieses machen Sie in Pittsburgh eine Vielzahl an Angeboten. Wo kann man denn Beethoven in die Lebenswelt von Heute einfügen?

Beethoven passt nahezu in jede Lebenswelt. Er hat überall etwas zu sagen, wenn es um Freiheit geht, Heldentum, persönliche Beziehungen, Liebe, Wut, Enttäuschung, Tod, Freude. Er spricht uns heute noch sehr an. Gerade junge Menschen haben große Sympathie für jene Direktheit, mit der Beethoven diese Themen musikalisch angeht. Er macht keinen Bogen darum. Junge Menschen spüren das. Vielleicht aber haben manche dieser Themen für junge Menschen eine etwas andere Gewichtung. Wenn Fidelio von Freiheit handelt, könnte so mancher den Zustand der Freiheit als gegeben annehmen, da er das Gegenteil, Gott sei Dank, nicht kennenlernen musste. Gerade, weil Beethoven diese Ideale vermittelt, müssen wir heute alles daran setzen, seine Musik den jungen Menschen nahezubringen. Das ist sogar eine Verpflichtung!

Aber was, wenn das eine vergebliche Hoffnung ist – und Beethoven mit dem Heute eigentlich nichts zu tun hat?

Beethoven geht uns alle an! Er ist zeitlos, da er unsere Ideale verkörpert. Diese Ideale laufen in jeder Zeitepoche Gefahr, ausgesetzt zu werden. Beethoven hatte den Mut, dagegen zu kämpfen. Seine dritte Symphonie war Napoleon gewidmet. Als dieser sich zum Kaiser krönen ließ und damit die Hoffnung auf Freiheit zerstört hat, soll er wutentbrannt die Widmungsseite zerrissen haben. Oder wenn er im Agnus Dei der Missa Solemnis eine innige Bitte für Frieden an Gott richtet, und kurze Zeit später den Lärm des Krieges in die Trompeten und Pauken setzt, macht er spürbar, wie groß die Sehnsucht ist, diese Errungenschaften zu erlangen oder zu verteidigen.

Nochmal zurück zu China – dort ist klassische Musik ja sehr beliebt, gleichzeitig steht es um die Freiheiten nicht allzu berauschend. Hätte „Fidelio“ dort noch revolutionäre Kraft?

Überall wo Fidelio aufgeführt wird, regt diese Oper an, über den allgemein gegenwärtigen als auch über den persönlichen Zustand nachzudenken. Hier wird sicherlich eine innere Kraft erzeugt, die die Unterscheidung zwischen Gut und Böse schärft.

 

Und wie sieht es in den USA aus? Die finanzielle Lage vieler Orchester ist ja weniger gut, hat sich die Lage verändert und wie steht es mit der Zukunft? Spielt das Beethovenjahr in den USA eine Rolle?

Obwohl das Fundraising gegenwärtig mit Sicherheit gewaltigen Herausforderungen ausgesetzt ist, bin ich persönlich optimistisch. Es gibt noch viele herausragende Philanthropen, die die Kunst unterstützen, wenngleich es die jüngere Generation manchmal vorzieht, eher sozialen Projekten oder Bildungsinitiativen zu helfen, die zweifellos sehr wichtig sind. Unsere Aufgabe ist es, unaufhörlich darauf aufmerksam zu machen, dass eine Investition in Kultur eine Investition in die Gesellschaft ist. Und hier ist das Beethovenjahr ein willkommener Anlass, dies zu beweisen. Wir haben zum Beispiel in Pittsburgh beschlossen, die Symphonien Beethovens an verschiedenen Orten der Stadt aufzuführen. So spielen wir in einer Universität oder in einem historischen Gebäude, oder auch in einem eher ärmeren, unterentwickelten Stadtteil. Wir wollen damit Beethoven sozusagen unmittelbar in die Welt stellen.

Die Handlung des „Fidelio“ wird ja angetrieben von der Liebe der Leonore – sie muss sich als Mann verkleiden, um ihren Geliebten zu retten. Das erinnert an die Diskussion um die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau, die in der #MeToo-Debatte mitschwingt. Wie sehen Sie deren Auswirkungen auf die Klassikbranche?

Es ist wichtig, dass Übergriffe, wenn sie denn auch tatsächlich stattgefunden haben, geahndet werden. Die Klassikbranche galt lange als heile Welt, nahezu unantastbar. Missbrauch in all seinen furchtbaren Facetten findet in den meisten Teilen unserer Gesellschaft statt. Es ist wichtig, dass sich unsere Branche dieser Problematik stellt. Auch hier ist Fidelio wichtig: Mit der erfolgreichen Suche nach ihrem Gatten Florestan, der Opfer eines Amtsmissbrauches geworden ist, hat Leonore auch Gerechtigkeit wiederhergestellt. Es war eben eine Frau, die dies bewirkt hat…