© Rita Newman

Kultur Zugabe
12/13/2019

Starpianist Buchbinder: Beethoven ist "Visionär und Revolutionär"

Kaum ein Künstler hat sich sein Leben lang so sehr mit Ludwig van Beethoven beschäftigt wie der Ausnahmepianist.

von Peter Jarolin

Wenn Rudolf Buchbinder am Klavier sitzt und Ludwig van Beethoven spielt, wird das Unerhörte hörbar. Da geht es nicht um Technik, um Virtuosität – die sind für diesen Ausnahmekünstler ohnedies eine Selbstverständlichkeit. Nein, wenn Buchbinder Beethoven spielt, wird der Mensch Beethoven spürbar, werden die Ideen dieses einzigartigen Komponisten auf einer metaphysischen Ebene erfahrbar. Denn der 1770 in Bonn geborene Wahlwiener Beethoven (hier starb er auch 1827) war für Buchbinder mehr als ein gefeierter Pianist und Tonsetzer. „Beethoven war und ist ein Visionär und Revolutionär, an dem ich immer wieder neue Seiten entdecke“, betont Buchbinder auch im KURIER-Gespräch. Und: „Ich habe vor dem Beethoven-Jahr 2020 Beethoven gespielt und ich werde ihn auch nach dem Beethoven-Jahr spielen“, so der Künstler. Denn: „Ich halte es mit dem Beethoven-Jahr so wie mit dem Mozart-Jahr 2006: Mozart hat das Jubel-Jahr überlebt, und auch Beethoven wird das Jubel-Jahr überleben.“ Dies bedeutet jedoch nicht, dass Buchbinder 2020 auf „diesen einzigartigen musikalischen und menschlichen Pionier“ verzichten wird. Ganz im Gegenteil.

„Es ist ein guter Anlass für zwei große Projekte. So spiele ich alle fünf Klavierkonzerte nochmals auf Tonträger ein. Das Schöne dabei ist: Mit fünf verschiedenen Orchestern und fünf verschiedenen Dirigenten. “ Bei diesem Zyklus sind das Gewandhausorchester Leipzig mit Andris Nelsons, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (mit dem inzwischen verstorbenen Mariss Jansons), die Münchner Philharmoniker mit Valery Gergiev, die Wiener Philharmoniker mit Riccardo Muti sowie die Sächsische Staatskapelle Dresden mit Christian Thielemann im Einsatz. Buchbinder: „Allein die unterschiedlichen Klangfarben der jeweiligen Orchester und die Sichtweisen der Dirigenten machen diese musikalische Reise für mich zu etwas ganz Besonderem.“

Zeitgenössische Zugänge

Nicht minder spektakulär ist Buchbinders zweites Beethoven-Projekt. So hat die Wiener Gesellschaft der Musikfreunde auf Buchbinders Anregung Kompositionsaufträge vergeben. Ziel: Ein heutiges Echo auf die berühmten „Diabelli-Variationen“. Und so werden am 3. März im Goldenen Saal des Musikvereins Uraufführungen von Lera Auerbach, Brett Dean, Toshio Hosokawa, Brad Lubman, Philippe Manoury, Krzysztof Penderecki, Max Richter , Rodion Schtschedrin, Johannes Maria Staud, Tan Dun und Jörg Widmann zu hören sein. Buchbinder lachend: „Da habe ich mir etwas angetan. Denn jeder versucht hier den anderen in technischer Virtuosität zu übertrumpfen. Alle Stücke sind extrem anspruchsvoll und großartig. Ich freue mich schon darauf, diese Werke den ,Diabelli-Variationen’ gegenüber zu stellen.“ Ein Ereignis, das ebenfalls auf Tonträger dokumentiert wird.

Erste Begegnungen

Doch kann sich Buchbinder, der etwa die 32 Klaviersonaten Beethovens weltweit mehr als 60 Mal zyklisch aufgeführt hat, noch an sein erstes Beethoven-Konzert erinnern? „Ja, da war ich sieben oder acht Jahre alt und habe bei einem Klassenabend die sechs Variationen in G-Dur gespielt. Im Alter von elf Jahren habe ich dann im Musikverein Beethovens erstes Klavierkonzert interpretiert“, so der im Alter von fünf Jahren als jüngster Student aller Zeiten am Wiener Konservatorium aufgenommene Beethoven-Experte. Nachsatz: „Beethoven begleitet mich also schon mein ganzes Leben und er wird mich immer begleiten.“ „Mein Beethoven – Leben mit dem Meister“ heißt den auch folgerichtig ein sehr lesenswertes Buch des Pianisten.

Dass sich Buchbinders Liebe zu Beethoven programmatisch auch bei dem von ihm geleiteten Musikfestival Grafenegg niederschlägt, ist da nur allzu logisch.

„In Grafenegg spiele ich im Sommer 2020 am Wolkenturm etwa das Triplekonzert – ein für alle Beteiligten extrem herausforderndes Werk, das aber vom Publikum zurecht immer wieder eingefordert wird.“ Gibt es ein Werk Beethovens, das unterschätzt wird? Vielleicht das dritte Klavierkonzert, weil es ein sehr eigenwilliges Stück ist, das ich im Sommer 2020 in Grafenegg aber auch interpretieren werde. Da sind sehr schwierige Parts drinnen. Wenn man jedoch genauer hinhört, wird ganz deutlich, welch neue und kühne Wege Beethoven auch hier gegangen ist.

Neue Ideen

Buchbinder weiter: „Ich lehne auch den Begriff ,Wiener Klassik‘ vehement ab. Das ist so ein Unfug, den sich erst die Nachwelt für Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven hat einfallen lassen. Keiner dieser drei Komponisten ist ein ,Klassiker‘. Alle drei haben nicht nur die Musikwelt revolutioniert. Bei Beethoven ist das ja auch politisch deutlich. Warum hat er denn in der neunten Symphonie Friedrich Schillers ,Ode an die Freude’ vertont? Darin heißt es ja explizit: ,Alle Menschen werden Brüder‘. Das hat Beethoven auch so gemeint! Er war ein Verfechter der Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und vergessen wir bitte nicht, wem er ursprünglich seine dritte Symphonie, die ,Eroica‘, gewidmet hat. Das war Napoleon Bonaparte. In ihn hat er viele Hoffnungen gesetzt. Doch als Napoleon sich zum Kaiser krönen ließ, war Beethoven maßlos enttäuscht und hat die Widmung getilgt. Sein humanistisches Ideal der Gleichheit aller Menschen, einer Welt des besseren Miteinanders sah er dadurch verraten. Darüber gibt es übrigens auch einen historisch nicht ganz korrekten, aber sehr sehenswerten Film aus dem Jahr 1949 mit dem Titel ,Eroica‘. Ewald Baser ist als Beethoven zu sehen, und Oskar Werner als sein Neffe“, so der deklarierte Filmfanatiker und Oskar-Werner-Verehrer.

Zarte Annäherungen

Doch hat Buchbinder nach all den Jahrzehnten seiner Beschäftigung mit Beethoven den ultimativen Zugang zu diesem Komponisten gefunden? „Nein, den gibt es nicht. Beethoven überrascht mich jedes Mal aufs Neue. Man lernt bei ihm nie aus. Egal, welches Werk ich wie oft interpretiert habe – ich finde stets neue Nuancen und entdecke Dinge, die ich so vorher noch nicht gesehen haben. Das ist ja das Geniale an den großen Komponisten: Man kann sie nie ganz erfassen, kann immer nur ein Teilaspekt offenlegen. Das ist für uns Interpreten schön, das ist auch für das Publikum großartig. Kein einziger Abend gleicht dem anderen, es gibt keine ultimativen Interpretationen. Immer nur Annäherungen, die im Idealfall glücken.“ Die Einzigartigkeit jedes Konzerts ist übrigens auch der Grund, weshalb Buchbinder seit Jahren nur noch Live-Einspielungen macht und für Aufnahmen nicht mehr ins Tonstudio geht. Denn: „Ich möchte die Magie dieser Augenblicke festhalten, dieses gemeinsame Erleben der Musik, nicht nur bei Beethoven.“

Neue Liebschaften

Doch was wünscht sich der Ausnahmekönner für das Beethoven-Jahr? „Dass das Publikum weiter in die Konzerte, in die Aufführungen geht und zuhört, sich auf Abenteuer, auf Entdeckungsreisen einlässt. Gerade bei Beethoven ist es ja so, dass man immer neue Liebschaften entdecken kann. Ich merke das bei mir selbst. Es gibt in Beethovens Musik so viele wunderschöne Dinge, auch in der Kammermusik, die ja immer ein bisschen vernachlässigt wird. Man kann also gar nicht hungrig genug auf das Beethoven-Jahr sein. Und ich hoffe auch, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer nicht nur Verständnis für die Musik Beethovens aufbringen, sondern auch für seine Gedanken. Dieses kompromisslose Einstehen für Freiheit und Humanität ist gerade in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Beethoven kann uns da nicht nur in musikalischer Hinsicht ein echtes Vorbild sein.“ Und: „Man hört doch nicht nur mit den Ohren zu. Sondern im Idealfall auch mit dem Herzen, mit der Seele. Diese Art des Zuhörens ist doch eigentlich die schönste.“