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Kultur Zugabe
03/29/2019

50 Jahre nach Woodstock schaut die Rockmusik alt aus wie nie

Bestandsaufnahme einer ehemaligen Revolution: Wann genau haben Rock und Pop ihre prägende Macht verloren?

von Georg Leyrer

Man darf sich sicher sein: 1969, Mitte August in Woodstock, begab sich das junge Publikum des legendären Festivals zwischen Sex und Rock’n’Roll auf allerlei wilde außermusikalische Trips.

Aber auch das, was nach Woodstock mit dem gesamten Rockbusiness geschah, lässt sich am Besten als Drogentrip erklären: Damals startete eine der spektakulärsten, eigenartigsten, wildesten gesamtgesellschaftlichen Rauschzustände, die man sich vorstellen kann. Mit der Rockmusik wollten die jungen Menschen den Staub, das Spießertum ihrer Eltern wegblasen.

Zugleich wurde das Aufbegehren der Jugend auch praktischerweise in der Musik kanalisiert und ruhiggestellt. Es gab kaum etwas, für das die Rock- und die bessere Popmusik nicht herhalten mussten: Revolution, Jugendkult, Gesellschaftskritik, Seelenhygiene.

Es gab die wildesten Bilder und Töne. David Bowie! Pink Floyd! Punk! Michael Jackson! Boybands! Generation um Generation erlag der Verlockung, an die befreidende Kraft der Rock- und Populärmusik zu glauben – nur, um selbst brav in der Gesamtvermarktung mitzuspielen. Es war ein langer Trip.

Ein halbes Jahrhundert später aber setzt das Business zur Landung an. Und zwar hart.

Musik in der Geschmacksspirale

Wer heute auf Rockfestivals unterwegs ist, bekommt oft Eigenartiges geboten: Die Headliner sind seit vielen, vielen Jahren die selben – und längst jenseits des Pensionsantrittsalters. Auf den mittleren Rängen drehen ästhetische Konzepte von einst – Gitarrenpop, große Stimmen, harte Töne, Schmerzensmänner – in neuer Ausformung ihre dritte oder vierte Runde. Nur am Festival-Nachmittag ist vereinzelt Neues, Neuartiges zu erleben. Das große Geld machen immer noch die Stars von einst.

 

Es ist ein redundantes Geschäft geworden, das die bekannten Stars belohnt und es neuen schwer macht, das sich, wie Musikwirtschaftsforscher Peter Tschmuck von der Musikuniversität Wien sagt, „in der Geschmacksspirale“ dreht. Rock und Pop haben ihre ästhetische Vorreiterrolle, ihre Befragungswürdigkeit hinsichtlich der Gesellschaft abgetreten. Die Revolution hat ihre Urenkeln gefressen. Was ist da passiert?

Es hat (auch) gesellschaftliche Gründe: Die jungen Menschen von heute wachsen mit Eltern auf, die sich oft selbst schon im Festivalschlamm gewälzt haben, die ihren Zorn gegendie Maschine schon ausgelebt haben. Da scheint derartiges Aufbegehren für die heutige Generation eher lahm.

Es hat aber vor allem wirtschaftliche Gründe. Viele Bands machen Musik wie früher.  Und das aus gutem, sprich finanziellem Grund. Das Verkaufsbusiness hat sich nämlich selbst aufgegessen, und zwar in den 1990ern. Damals stiegen die Einnahmen rasant in ungeahnte Höhen. Ursache war der CD-Effekt: Dank der Silberscheiben kauften viele Menschen erneut das, was sie bereits auf Vinyl einmal gekauft haben, und dazu noch das aktuelle Schaffen. Das Resultat: Mit Musikverkauf wurde so viel eingenommen wie niemals zuvor, sagt Tschmuck.

Und es wurden Weichen gestellt, die bis heute in eine falsche Richtung führen.  Denn wie immer, wenn in einem Business zu viel Geld ist – liebe Grüße ins Silicon Valley! –, löst sich Innovation auf.  Hip-Hop und elektronische Musik waren die letzten genrebildenden Innovationen; beide sind mehr als drei Jahrzehnte alt. Seither? Variationen. Innovation in kleinen Dosen, sagt Tschmuck. Denn die in den CD-Milliarden schwimmenden Major  Labels kauften die kleine, innovative Konkurrenz auf – und der Musikmarkt wurde ein Oligopol: eine Handvoll großer Labels beherrscht den Markt.  Und ja, das ist ein Problem.

Live is Lebensunterhalt

Vor allem, weil am zweiten Standbein der Branche, dem Live-Markt, das selbe passierte: Live Nation und einige wenige andere Großveranstalter haben den Markt zugemacht. Mit für kleine Veranstalter unfinanzierbaren Lockangeboten und Garantien, erklärt Tschmuck: Stars können sich, wenn sie bei einem der großen Veranstalter unter Vertrag sind,  sicher sein, ihr Geld bei jedem Konzert garantiert zu verdienen; und im Gegensatz zu kleinen,  lokalen Veranstaltern riskieren die Großen nicht mehr den Bankrott, wenn ein Konzert nicht wie erwartet zieht. Live Nation vermarktet ganze Tourneen und nicht einzelne Konzerte, streut das Risiko – und verdient das Geld nicht wegen der Tickets, sondern mit dem Essensverkauf (und Werbung und Merchandising). 

Dafür aber braucht man Acts, die verlässlich ihr Publikum anlocken. „Es ist ein Markt, der vor allem für die Superstars funktioniert“, sagt Tschmuck.  Das Resultat? Die Headliner des Jahres 2019 schauen denen aus den Jahren 2009, 1999, 1989, ja zum Teil 1979 verdammt ähnlich. Wer aus der großen Generation des Rock noch stehen kann, ist auf endloser Tournee. Und dieses Überangebot an alten Großstars macht das Leben für die neuen schwieriger (sprich: die Live-Gagen kleiner).

 

Diese  Belohnungsstrukturen für das Bekannte und das Große haben sich zuletzt durch das Streaming einzementiert: Die Musik auf Abruf hat insbesondere beim jungen Publikum den Kauf ersetzt.  „In den 60ern wollten die Jugendlichen etwas anderes hören – und haben zugleich den Markt getragen. Das hat sich mit der Digitalisierung aufgehört. Sie hören sich vielleicht etwas anderes an, aber sie kaufen es nicht mehr“, sagt Tschmuck.

Die Babyboomer aber zahlen weiter für Musik – und erzeugen so ein Ungleichgewicht in den  Einnahmen, das den Acts von einst übermäßiges Gewicht gibt.  Im Streaming ist Glätte und Kürze der Weg zum Erfolg:  „Es gibt durchaus ernstzunehmende Untersuchungen, die zeigen, dass die  Vielfalt im Laufe der Digitalisierung noch stärker abgenommen hat, als das mit der CD der Fall war“, sagt Tschmuck.  Egal, wie man sich im Musikbusiness dreht und wendet: Mut, Innovation, Widerborstigkeit ist nicht gefragt. 

Und jetzt?

Aber es gibt natürlich viel Spannenderes zu erzählen als das spießerelternhafte „Früher war alles besser“. Innovation, das weiß man, kommt immer unerwartet. Und dann kann ganz schnell alles anders sein. Tschmuck bringt etwa ins Spiel, dass die Streamingplattformen auf finanziell durchaus wackeligen Beinen stehen. Wenn sich der Markt nicht rentiert, große Anbieter vielleicht so von der Bildfläche verschwinden wie einst Myspace  – wird dann wieder mehr zeitgemäße Musik von jungen Menschen gekauft?

Auch tut sich einiges auf der Business-Seite: Nach langen Jahren der finanziellen Sorgen (durch illegales Kopieren) sind Major Labels derzeit dank fetter Streamingeinnahmen wieder gefragt. Eines der größten – Universal  – sucht einen Käufer. Auch hier könnten neue Eigentümer rasch den Markt neu drehen – etwa, wenn Google oder Facebook sich diesen Content, der mit Universal mitkommt, kaufen würde.

Und ja, es gibt neue Stars: DJs wie Calvin Harris oder Tiësto  sind Schwerverdiener, Rapper leben in der auch in Österreich schon  großen Nische hervorragend, die Stars werden insgesamt lokaler – was die Einzelszenen stärkt. Und nicht zuletzt standen musikalische Innovationen oft in der Schuld von technologischen: Ohne E-Gitarre und  Synthesizer gäbe es die Musik in der Form nicht. Ein neues Tool (künstliche Intelligenz, etwa) könnte alles auf den Kopf stellen.

Vorerst aber gilt es das 50-Jahr-Jubiläum von Woodstock halbwegs ehrenvoll rumzubringen. Es gibt übrigens wieder ein Festival. Im Line-up? Miley Cyrus, Imagine Dragons und Jay-Z

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