Michael Jackson: Speerspitze des Superstar-Pops.

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Interview
10/02/2016

Aufstieg und Fall der Industrie

Welchen Einfluss Technik und Marketing auf die Musik-Industrie hatten, erklärt Prof. Peter Tschmuck.

KURIER: Sie sagen, die Basis für den Erfolg der Rock-Pioniere wurde in den 40er-Jahren gelegt.

Peter Tschmuck: Damals waren Swing und Big-Band-Jazz die dominierenden Musikstile in den USA. In Europa kam der Schlager auf, brave, verstaubte Wohlfühl-Musik. Wer es rebellischer wollte, war unterversorgt. Aus der afro-amerikanischen Subkultur entstand damals der R&B, der sich mit Folk und Country mischte und zum Rock ’n’ Roll wurde. Der wurde aber erst nur von Indie-Labels aufgegriffen.

Warum das?

Die großen Rundfunk-Networks in den USA waren damals geschützt, weil pro Bundesstaat maximal fünf Radio-Lizenzen erlaubt waren. Die teilten diese Networks untereinander auf. 1947 aber kam die Technologie der Kurzwellen-Radio-Sender auf und es gab mehr Lizenzen. Diese neuen kleinen Sender konnten zwar nur örtlich senden. Aber sie brauchten auch Musik. Von den Major-Labels bekamen sie die aber nicht, weil die damals im Eigentum der großen Networks waren. Deshalb entstanden in der Zeit viele Indie-Labels, geleitet – im Gegensatz zu den an neuer Musik uninteressierten 60-plus-Chefs der Majors – von jungen, musikbegeisterten Leuten.

Wie Sun Records, die Elvis unter Vertrag nahmen?

Genau. Diese Indies veröffentlichten Rock ’n’ Roll, die Musik, die die Jungen hören wollten. Die schwappte mit den Besatzungssoldaten nach Europa. Und weil Anfang der 50er-Jahre dem englischen Label EMI das Austausch-Programm mit den US-Majors gekündigt wurde. Die EMI brauchte also neues Repertoire und holte es sich von den US-Indies.

Und in England nahmen sich die Beatles und die Rolling Stones den Rock ’n’ Roll zum Vorbild.

Sie entwickelten ihn zum Rock weiter und machten ihn so groß, dass die Major-Labels noch heute davon leben. Für diesen Erfolg gab es zwei wichtige Faktoren. Erstens kam die Babyboomer-Generation ins Teenager-Alter. Zweitens kam das kleine, portable Transistorradio auf. Dadurch wurden die Jungen in ihrem Musikkonsum unabhängig. Sie konnten die Radios mitnehmen, wenn sie ausgingen, oder in ihrem Zimmer ihre Musik hören, während die Eltern im Wohnzimmer auf ihren großen Kästen Connie Francis und Paul Anka, den konservativen "Schlock-Rock", hörten.

Wann kam diese Musik wieder in die USA zurück?

Spätestens mit der Tour der Beatles 1964. Da haben sich die amerikanischen Musiker die Sounds der "British Invasion" zum Vorbild genommen und alles hat sich verändert. Diese Gegenkultur wurde aber mit dem Monterey-Pop-Festival wieder kommerzialisiert. Denn dort hatten die Major-Labels Stände und nahmen Acts wie Janis Joplin und Jimi Hendrix unter Vertrag. So haben sie das Geschäft wieder in die Hand genommen. Und dann das Konzept der Alben erfunden, weil man damit mehr Geld machen konnte als mit Singles.

Was die Künstler kreativ genützt haben, um Rock-Opern und Konzept-Alben zu schreiben ...

Auch daran war die Industrie beteiligt. Konsumenten-Forschung und Marketing sind eine Erfindung der 60er-Jahre. Darüber erkannten Plattenfirmen, dass man bei den Jugendlichen mit unterschiedlichen Musikstilen unterschiedliche Märkte bearbeiten kann. Mit viel Marketinggeld wurden Genres wie Art-Rock, Folk-Rock, Psychedelic und Anfang der 70er-Jahre mit Black Sabbath Heavy Metal aufgebaut. Diese Segmentierung funktionierte aber nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Wann flaute das ab?

Ende der 70er-Jahre. Durch die Genre-Differenzierung gab es immer höhere Marketingkosten für kleinere Publikums-Segmente. Um dem entgegenzuwirken, haben sie den Superstar-Pop mit Acts wie Michael Jackson, Prince, Bruce Springsteen und Madonna etabliert. Sie hatten für unterschiedliche Stile je einen Vertreter, in den sie richtig viel investierten, anstatt das Budget auf mehrere Acts zu verteilen. Auch, weil man damals mit MTV einen zusätzlichen Kanal bespielen musste, der mit hohen Kosten verbunden war. Durch diesen Superstar-Pop und die Einführung der CD, womit man sich alle Klassiker noch einmal kaufen musste, erholte sich das Business und schoss in den 90ern in die Höhe.

Sie sagten, die Major Labels leben heute noch von dieser Zeit und ihren Größen. Wieso das?

Mit der digitalen Revolution und Filesharing-Systemen um 2000 gingen die Plattenverkäufe rasant zurück. Da haben die Majors versucht, das Bekannte immer wieder neu zu vermarkten. Deshalb bekamen diese Pionier-Künstler noch einmal so einen Auftrieb, nachdem das Interesse in der Zwischenzeit schon abgeflaut war. Dazu kam, dass sie wieder auf Tour gehen mussten, um den gewohnten Lebensstandard halten zu können. Aus Plattenverkäufen war ja nicht mehr viel zu verdienen. So sind die Major-Labels zu Rechte-Verwaltern ihres Back-Katalogs geworden.

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