Die Festivalwelt - oder auch: Bassist Flea von den Red Hot Chili Peppers - steht derzeit Kopf

© John Shearer/Invision/AP

Rockfestivals
05/04/2016

Rockfestivals: "Da wird es bald einen Knall geben"

Rockfestivals ohne Ende: Das Angebot wächst rapide. Wie lange das gut geht?

von Georg Leyrer, Marco Weise, Mathias Morscher

  • Anfang Juni wird es wieder eng für Rockfans (und leer im Geldbörsel): Innerhalb von nur neun Tagen rittern Rock in Vienna (3. bis 5. Juni ) und Nova Rock (9. bis 12. Juni) um die Festivalbesucher. Die knappe Programmierung des neuen Festivals vor dem bisherigen Platzhirschen sorgte im Vorjahr für hochgezogene Augenbrauen.
  • Auch am klassischen Sommerfestival-Gelände in Wiesen hat sich ein neuer Betreiber (Arcadia live) etabliert; der bisherige (Ewald Tatars Barracuda Music) weicht nach Eisenstadt und Wien aus.
  • Die Folge: Es gibt in Österreich mehr Festivals als jemals zuvor.
  • Es rumort in der Szene: Hält der Markt das aus? Kommt jetzt das große Festivalsterben?

Der KURIER hat vier der wichtigsten Player zum Gespräch gebeten.

  • Ewald Tatar (Barracuda Music) veranstaltet das Nova Rock und zahlreiche Festivals in Wien und Eisenstadt, die bisher in Wiesen beheimatet waren
  • Werner Stockinger vom direkten Konkurrenten Rock in Vienna auf der Donauinsel, das dank deutschen Partnern ein starkes Line-up bringt.
  • Filip Potocki von Arcadia live, das nun Wiesen mit zahlreichen Festivals bespielt, nachdem Tatar dort trotz aufrechtem Vertrag ausgeladen wurde
  • Frank Hopperdizel von der Konzertagentur LSK, die u.a. AC/DC ins Happel-Stadion bringt

KURIER: Hier sitzen vier Kapazunder an einem Tisch, die einen kleinen Kuchen unter sich aufteilen müssen. Gibt der Markt das auf Dauer überhaupt her?

Ewald Tatar: In dieser Aufstellung kann sich das auf Dauer nicht für alle ausgehen. Formate überschneiden sich bereits mehrfach – zusätzlich haben wir heuer und im kommenden Jahr starke Konzertsaisonen. Diese Fülle zieht einiges an Kaufkraft ab, die uns bei den Festivals abgeht. Und darum glaube ich, dass sich der Markt bereinigen wird.

Werner Stockinger: Da Künstler immer weniger Tonträger verkaufen, gehen sie verstärkt auf Tour, um Geld zu verdienen. Ergo wird die Anzahl der Konzerte in den kommenden Jahren nicht weniger werden. Und da wird es auch bald einmal einen Knall geben müssen, denn wenn ich im Oktober in Wien rund 400 Konzerte habe, dann wird sich das nicht ausgehen. Auch deshalb nicht, weil so ein Konzertabend nicht billig ist. Wenn ich als Pärchen auf ein Konzert gehe, sind schnell einmal 100 Euro weg. Und wie oft im Monat kann man sich so einen Abend leisten?

Filip Potocki: Aber durch das gestiegene Angebot ist auch Bewegung in den Markt gekommen. Ein frischer Wind, der sich positiv auf die Qualität der Festivals auswirken wird.

Der Wettbewerb führt nicht zu günstigeren Tickets. Könnte man da etwas machen, oder wird man vom globalen Markt gesteuert?

Werner Stockinger: Wir sind in Österreich schon durch die Mehrwertsteuer von 13 Prozent – in Deutschland sind es nur 7 Prozent – benachteiligt. Dann bestimmen ja nicht wir den Preis, sondern der Künstler, der sagt, welche Gage er möchte.

Ewald Tatar: Wir haben noch andere Nachteile: In Österreich muss ich für die Polizeiüberwachung auf meinen Festivals im Gegensatz zu Deutschland zahlen.

Frank Hopperdizel: Auch die Vergnügungssteuer ist Thema.

Ewald Tatar: Ich möchte aber betonen, dass wir uns – international gesehen – trotz gewisser Benachteiligungen bei den Preisen von Festival-Tickets nicht in der Oberliga, sondern im unteren Mittelfeld bewegen – bei gleicher Qualität, was das Line-up, die Rahmenbedingungen und das Service betrifft. Da wäre in puncto Preisgestaltung sogar Luft nach oben.

Aber es geht bei euch derzeit nicht nur ums Geld. Das Rock in Vienna hat sich 2015 genau in die Woche vor dem Platzhirschen Nova Rock gesetzt, was für Unstimmigkeiten gesorgt hat. Können zwei derart ähnliche Festivals langfristig überleben?

Ewald Tatar: Nein, das glaube ich nicht. Das habe ich den Verantwortlichen der DEAG, die für das Rock in Vienna zuständig ist, auch mitgeteilt. Man wollte mit mir eine Partnerschaft eingehen, aber das war für mich nicht interessant, weil ich ja das Nova Rock habe.

Wird es das Rock in Vienna auch 2017 geben?

Werner Stockinger: Ich habe zu diesem Zeitpunkt noch keinen Urlaub gebucht (lacht). Bei der Überschneidung der Zielgruppen muss ich Ewald widersprechen. Rockmusik wird älter – und mit ihr auch der Besucher. Genau da wollen wir beim Rock in Vienna auch ansetzen. Man kann in einem Bett schlafen, hat saubere Toiletten, kann duschen und so weiter. Das ist dann auch der Unterschied zum Nova Rock. Wenn ich drei Tage lange zelten, ununterbrochen Party haben möchte, dann bin ich beim Nova Rock besser aufgehoben als beim Rock in Vienna.

Gibt es Überlegungen, das Nova Rock terminlich nach hinten zu verlegen?

Ewald Tatar: Warum soll ich ausweichen?! Der Termin des Nova Rock steht seit Jahren fix im Festivalkalender. Den Zeitpunkt für so ein Festival stimmt man ja auch mit anderen Festivals in Österreich oder im benachbarten Ausland ab. Natürlich kann man sich überlegen, zwei Wochenenden weiter nach hinten zu rücken, aber das ist alles nicht so einfach, denn es gibt ja nur begrenzt viele Möglichkeiten an Headlinern, die einem zur Verfügung stehen. Man muss dieses Konzert bzw. das Festival-Business global betrachten. Wir haben zum Beispiel am Nova-Rock-Wochenende mit dem Download-Festival in England, das heuer zeitgleich auch in Frankreich ausgetragen wird, große Konkurrenz. Nicht was das Publikum betrifft, sondern das Booking. Dort werden Gagen gezahlt, da können wir nicht mithalten.

Werner Stockinger: Wir haben das Rock im Park und das Rock am Ring am gleichen Wochenende. Und in puncto Terminverschiebung: Drei Wochen später ist das Donauinselfest und im August sind die Afrika-Tage. Und davor geht leider auch nichts, weil da sind Matura-Termine auf den Schulschiffen.

Trotz des bereits vorhandenen Angebots, der Dichte an Festivals, kommen neue hinzu – auch in Österreich. Wann platzt die Blase?

Werner Stockinger: Als vor ein paar Jahren der erste Höhepunkt der Wirtschaftskrise kam, stiegen die Verkaufszahlen bei den Kinokarten, weil die Leute der Realität entfliehen wollten. So lange es sich die Leute leisten können, auf ein Konzert oder Festival zu gehen, werden sie das machen, es ist eine Auszeit vom Alltag.

Ewald Tatar: Eines muss man auch erwähnen: Es jammern zwar alle über die Ticketpreise, aber welche Karten verkaufen sich dann am schnellsten? Die teuersten. Und ich würde nicht bestätigen, dass wir uns in einer Blase befinden und uns anlügen. Ja, es ist derzeit eine Situation, die man bereinigen könnte. An den Wochenenden haben wir keine Konflikte. Wir hatten letztes Jahr einen – das Frequency war gleichzeitig mit dem Lake, was ein völliger Unsinn war. Solche Dinge muss man verhindern.

KURIER: Aber hat man dafür genügend Einfluss auf die internationalen Tourplanungen?

Ewald Tatar: Manchmal macht man sich sogar selber Konkurrenz! Ich hatte vor Kurzem diesen "lucky Tuesday" mit Florence and the Machine, Noel Gallagher und Chris Cornell. Da bin ich in Wien im Kreis gefahren.

Frank Hopperdizel: Man kriegt einen oder zwei Termine angeboten – und du nimmst es oder nicht.

Ewald Tatar: Da hat man höchstens die Möglichkeit: Nein, mache ich nicht.

Werner Stockinger: Und dann macht es meistens wer anderer.

KURIER: Die Festivals haben zuletzt ihr Angebot ordentlich aufgewertet. Jetzt hat man ein Rundum-Spaßservice von der Massage-Station bis zum Bungee-Jumping. Was kommt als Nächstes?

Ewald Tatar: Ich bin Mitte der ’80er noch mit Doppler, Zelt und einer Rolle Klopapier nach Wiesen gefahren. Das war’s. Da hat’s keine Dusche gegeben, nichts. Davon sind wir mittlerweile sehr weit entfernt. Der Anspruch des Besuchers steigt jedes Jahr. Und jeder von uns versucht, jedes Jahr etwas Neues zu bieten, innovativer zu sein. Das ist ein Kreislauf, den man nicht mehr aufhalten kann.

Werner Stockinger: Man muss sich schon fragen, warum man auf ein Festival geht – wegen der Bands oder weil Nebenschauplätze interessanter sind als die Musik.

Es heißt, es wird immer schwieriger, für Österreich große Acts zu finanzieren, weil diese teurer werden. Stimmt das?

Frank Hopperdizel: Die Gagen sind gestiegen – aber die Ticketpreise sind mitgestiegen. AC/DC in Spielberg: Da ist es den Menschen vergleichsweise egal, was das kostet. Die will man noch einmal sehen.

Ewald Tatar: Man muss auch vorsichtig sein. Als ich noch Konzertbesucher war, ist der Großteil der Tourneen an Österreich vorbeigelaufen. Österreich war klein, es gab den Grenzzaun, bei uns war Stopp. Man hat nicht Unsummen verdienen können. Österreich ist erst in den letzten 15 Jahren in den Genuss gekommen, wesentlich mehr Stadionshows zu bekommen als zwischen 1980 und 1995. Früher hat man froh sein können, wenn Michael Jackson da war. Endlich einer, der im Stadion gespielt hat.

Werner Stockinger: Die Problematik ist jetzt, dass die Stadionacts aussterben. Oder zumindest sehr dezimiert sind. Die Acts, die garantiert ein Stadion anfüllen, gehen in Pension. Und alles, was rar ist, ist teuer. Wenn alle die Stones machen wollen oder AC/DC, dann setzen deren Agenten natürlich einen dreckigen Grinser auf und sagen: Wer bietet mehr?

Es hat sich auch das Verhältnis der Hörer zu den jüngeren Acts radikal geändert.

Werner Stockinger: Früher hat man sich eine Platte gekauft und sich jeden Song angehört, bis man ihn auswendig konnte. Das war ein Anreiz, zum Konzert zu gehen. Jetzt höre ich mir einen Song einer Band per Stream an, und dann geh ich weiter. Das ist nicht verwerflich, so ist die Zeit. Es gibt nicht mehr wenige Bands wie die Stones, die sich alle anhören.

Stichwort Green Event: Wie wichtig ist der Umweltgedanke?

Ewald Tatar: Früher hattest du nach dem Festival ein weißes Bechermeer, das gibt’s jetzt nicht mehr.

Werner Stockinger: Dafür haben wir Registrierkassenpflicht, und ich muss jedem Kunden einen Bon geben. Dabei hab ich auf der Donauinsel eigentlich Flyerverteilverbot. Das Wiener Müllvermeidungsgesetz verbietet mir, Zettel herzugeben, das Finanzgesetz sagt mir, ich muss einen Zettel hergeben. Wer hat jetzt recht?

Ewald Tatar: Da haben sich sehr viele Leute sehr vieles überlegt. Hut ab!