Sex, Drugs und Rolling Stone: Kultmagazin ist 50

Jann Wenner
Foto: AP/Mark Duncan Jann Wenner, Gründer des Rolling Stone

Eine Biografie des Gründers Jann Wenner macht erlebbar, welche Revolution die Rockmusik war. Und wie sich die Zeiten geändert haben.

Das Erfolgsgeheimnis ist leicht erklärt: Die größte Stärke des Rolling Stone, schreibt Joe Hagan in seiner Biografie des Magazingründers Jann Wenner, war die "radikale Gewöhnlichkeit". Wenner ließ keine amateurhafte Fan-Broschüre über die gerade entstehende neue Jugendmusik drucken. Sondern ein Magazin, das genauso seriös aussah wie ein Nachrichtenmagazin – und in dem ernsthaft über Rockmusik geschrieben wurde, mit dem Selbstbewusstsein, dass dieses Thema eine ganze Generation prägen werde.

Revolution!

Vor 50 Jahren, am 9. November 1967, erschien in San Francisco das heutige Kultmagazin erstmals. Es ging darin um Musik – und alles, was damit zusammenhängt. Denn man hoffte damals auf eine gesellschaftliche Revolution im Geiste der Musik: Freier, aufgeklärter, wilder.

Das Magazin wurde rasch die Stimme des progressiven Amerika; auch die Verknüpfung von Rock und Politik und neuartigem Journalismus war taufrisch. Wenner holte radikale neue Autoren wie Hunter S. Thompson und Tom Wolfe. Annie Leibovitz prägte die Bildsprache des Rolling Stone – und soll laut Hagans bisher nur auf Englisch erschienenem Buch "Sticky Fingers" Affären sowohl mit Wenner (der sich erst spät, in den 1990ern, als schwul outete) als auch mit dessen Frau gehabt haben.

Wenner, damals jobhoppender, Drogen konsumierender Emporkömmling, war süchtig nach Anerkennung durch wichtige Menschen. Er war selbst Fanboy – eine Triebfeder, die ihn über Jahrzehnte zu einem Zentrum des gesamten Business machte. Beim ersten Interview führte er John Lennon und Yoko Ono durch die Redaktion, um die Mitarbeiter ja wissen zu lassen, mit wem er verkehrte.

A propos "verkehren": Das Magazin coverte den Rock’n’Roll, die Macher rund um Wenner lebten mit den anderen zwei sprichwörtlichen Fixpunkten der Gegenkultur, Sex und Drugs. Es verdichtet sich bei der Lektüre des Buches zusehends der "Mad Men"-Effekt: Man glaubt, wie beim Anschauen der TV-Serie über sexistische Werber der 60er Jahre, bei "Sticky Fingers" gar nicht, was einst alles möglich war. Vor allem angesichts der Aufregung um den Sexismus-Skandal aus Hollywood lesen sich Passagen über Sex von Vorgesetzten mit Mitarbeitern und den zugleich freizügigen und extrarauen Ton zwischen Männern und Frauen wie Nachrichten aus einer anderen Welt.

Manchmal schüttete Wenner seinen Mitarbeitern ihren Bonus in Form von Kokain aus.

Der gewaltige kulturelle Einfluss des Rolling Stone in den 70ern ist heute kaum mehr abschätzbar: Das fast schon antiquarisch und selbstverständlich wirkende Bild des Rock’n’Roll als Protest gegen Miefigkeit wurde von dem Magazin wesentlich miterschaffen.

Aber die Revolutionäre von einst sind die Konservativen von später.

Als in den 1980ern das Musikbusiness zum Megageschäft mit brutal vermarkteten Superstars wurde, verlor das Magazin den Weg. Wenner ließ die Superstars (und deren Manager) mitbestimmen, wie sie vorkamen.

Den Hip-Hop, die digitale Revolution des Musikbusiness – beides verschlief der Rolling Stone überhaupt.

Und die Welt ist überhaupt mehrfach anders abgebogen: Berühmtheit funktioniert heute über andere Faktoren als die Musik; was Rockstars so zu sagen haben, hat weit weniger Gewicht als einst. Dazu noch eine Generation, für die die Musik keine Lebenseinstellung, sondern ein permanenter Internetstream ist; und die von Texten nicht über ein gedrucktes Magazin, sondern am Handyschirm erreicht werden.

Heute stehen Wenners Anteile zum Verkauf, die Zukunft des Magazins ist offen.

Es ist – Rock’n’Roll zielte immer auf die Mächtigen – auf eigenartige Weise passend, dass sich Wenner mit seinem Biografen zerstritten hat. Der Aufdeckerjournalist zeichnet ein aufwendig recherchiertes (u.a. durch Gespräche mit Yoko Ono, Mick Jagger und Bob Dylan) Bild: Eines zugleich macht- und herrschsüchtigen als auch sich den Stars andienenden und sich in ihrem Glanz suchenden rücksichtslosen Medienmachers aus einer anderen Zeit. Für den Geschmack seines Auftraggebers war das ein allzu kantiges Bild.

Rock im Rückblick

German electronic group Kraftwerk play on the firs Foto: REUTERS/VINCENT WEST Die Rockmusik ist, das wird nicht nur bei "Sticky Fingers" klar, da angekommen, wo neue (Auto-)Biografien spannender sind als die neu erscheinende Musik. Karl Bartos hat im lesenswerten Buch "Der Klang der Maschine" sein Zeit als Schlagzeuger bei der weltweit stilprägenden deutschen Band Kraftwerk zu Papier gebracht. Und zeigt, welch anderes Erleben die Geburt der elektronischen Musik in Düsseldorf war als die Rockexplosion in Kalifornien. Dass auch Hamburg ein eigenes Pflaster war, zeigt Philip Normans Biografie von Paul McCartney: Der "brave" Beatle konnte ganz schön kantig sein.

(kurier) Erstellt am
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