Besteht aus 152 Betonblöcken  – und Glasscheiben dazwischen: die Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit am Georgenberg in Mauer

© Kurier/Gerhard Deutsch

Serie
03/10/2021

Wotrubakirche in Mauer: Die Skulptur von einem Bollwerk

Serie: "Kunst in der Kirche": Die tiefgläubige Managerin Margarethe Ottillinger initiierte eine einzigartige Kirche aus Betonblöcken

von Thomas Trenkler, Gerhard Deutsch

Margarethe Ottillinger, 1919 geboren und 1941 zur Doktorin der Handelswissenschaften promoviert, arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg als Konsulentin für Peter Krauland, den Bundesminister für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung.

Am 5. November 1948 wurde sie aus Kraulands Auto heraus von den Sowjets verhaftet und wegen „Spionage“ zu 25 Jahren Haft in der UdSSR verurteilt. Erst 1955, im Jahr des Staatsvertrags, ließ man Ottillinger frei, sie kehrte schwer krank nach Österreich zurück. Wenig später wurde sie als einzige Frau in den Vorstand der ÖMV berufen – und von der sowjetischen Justiz rehabilitiert. 1982 ging die tiefgläubige Managerin in Pension, ein Jahrzehnt später starb sie.

Kirche statt Kaserne

„Nach ihrer Freilassung wollte Ottillinger eigentlich ein Karmeliterinnen-Kloster errichten“, erzählt die bestens gelaunte Fremdenführerin Sandra Blum. Es sollte vom Bildhauer Fritz Wotruba, der in der NS-Zeit emigriert war, entworfen werden. Doch das Vorhaben scheiterte. Danach gab es die Idee einer Kirche. Verschiedene Bauplätze seien, so Blum, angedacht worden. „Doch überall gab es Widerstände – von Seite der Kirche wie auch von der Bevölkerung. Letztendlich hat der Bund das Areal auf dem Georgenberg zur Verfügung gestellt.“ Dort hatte sich zuvor eine Luftnachrichtentruppen-Kaserne befunden.

Widerstand gab es auch hier, in Mauer: „Die Anrainer haben verhindert, dass Glocken montiert werden“, erklärt Sandra Blum. Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt, und die Wotrubakirche ist in Nicht-Corona-Zeiten mitunter sogar zu klein.

Von der Ferne sieht die Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit, so der offizielle Titel, wie eine Festung aus. „Ottillinger formulierte drei Wünsche: Die Kirche sollte schockieren, man sollte innehalten. Sie sollte ein Bollwerk sein. Und sie sollte innen hell sein“, sagt Blum, während wir den geschwungenen und getreppten Weg hinaufgehen.

Das gelang Wotruba überzeugend: Seine Kirche besteht aus 152 unterschiedlichen Betonblöcken, asymmetrisch übereinandergeschichtet. Der kleinste Quader wiegt 1.840 Kilo, der größte 141 Tonnen. In die unregelmäßigen „Löcher“ zwischen den Blöcken wurde simples Industrieglas eingesetzt. Man sieht also in allen Richtungen (es gibt keine Apsis) hinaus in die Natur.

Betonplatte als Dach

Die römisch-katholische Kirche wurde ab August 1974 in Zusammenarbeit mit dem Architekten Fritz Gerhard Mayr erbaut; die Fertigstellung im Oktober 1976 konnte Wotruba nicht mehr miterleben: Er starb am 28. August 1975. Erst danach wurde als Abschluss eine Betonplatte auf die riesige Skulptur gelegt.

In der leicht länglichen Kirche mit dem Volksaltar in der Mitte gibt es nahezu keinen Schmuck, es herrscht quasi Bilderverbot. „Hier findet man also nicht so sehr die Kunst in der Kirche, wie die KURIER-Serie heißt“, meint Sandra Blum augenzwinkernd. „Denn die Kirche selbst ist das Kunstwerk.“ Von Wotruba stammen das drei Meter hohe Bronze-Kreuz (ein Nachguss), der Tabernakel in der „Seitenkapelle“ und die massiven Kerzenständer.

Man kann annehmen, dass Wotruba den Volksaltar aus glattem Marmor wie auch das Taufbecken anders gestaltet hätte. Und er wäre wohl auch nicht besonders glücklich mit dem vorgelagerten Zubau von den Architekten Formann und Puschmann aus 2018/19. Das Bundesdenkmalamt hatte Bedenken geäußert. Aber zumindest erlaubt der frei stehende Aufzug einen barrierefreien Zugang. Und das Schlimmste wurde ja verhindert. „Es gab Überlegungen, die Kirche bunt anzumalen. Wotruba wollte das natürlich nicht. Er wollte diese verwaschenen Grautöne“, erklärt Blum. „Aber es kam ohnedies nicht dazu – aufgrund der Kosten.“

 

Die Wotrubakirche (Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit) befindet sich am Georgenberg in Mauer (Ecke Rysergasse/Georgsgasse) im 23. Wiener Gemeindebezirk Liesing.

Zur Person: Sandra Blum, geboren in Wr. Neustadt, studierte in Wien Spanisch und Japanisch. 
Sie arbeitete zuerst in der Erwachsenenbildung, dann als Reiseleiterin – und seit 2015
 ist sie Fremdenführerin 

Programm: Sandra Blum führt gerne durch Friedhöfe (z. B. St. Marx oder Hietzing) und durch das mittelalterliche Wien. Sie bietet auch Grätzeltouren an. Und ganz neu, aufgrund des Lockdowns, virtuelle Touren. Der Vorteil: Man kann weit auseinanderliegende Sehenswürdigkeiten miteinander verbinden.

Info: Mail: tours@safu.at, Website: tourguideaustria.at

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