Kultur
09.10.2017

TV-Tagebuch: Als die Erbsünde den Wahlkampf einholte

TV-Tagebuch: Nicht Adam und Eva, sondern Kern und Strache stritten im Erbsünde-Duell im ORF.

* Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Langsam machen sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Wir Zuschauer, die Moderatoren und die Kandidaten gehen uns und einander langsam, aber sicher auf die Nerven. Fünf Tage müssen wir noch durchhalten – und dann kriegen wir die Pause, die wir dringend voneinander brauchten, erst recht nicht. Es gab auch schon so viele Konfrontationen und Duelle, dass es für die Politiker vermutlich schon schwer ist, zu unterscheiden, wem man gerade gegenübersitzt: Ist das jetzt Kurz? Oder Kern? Oder diskutiere ich heute gegen mich selbst?

Dieses aneinander Ermüdetsein merkte man Christian Kern und Heinz-Christian Strache im Christian-Duell im ORF auch deutlich an. Es schien den beiden erheblich schwer zu fallen, einander (noch dazu so nah) gegenüber zu sitzen (bei Puls4 darf man wenigstens in erträglicher Distanz stehen).

Oder anders gesagt: Nach dem ersten Aufeinandertreffen von Kern und Strache vor einigen Tagen auf Puls4 war allgemein der höfliche Umgang der beiden miteinander gelobt worden. So etwas wollten sie sich diesmal ganz offensichtlich nicht vorwerfen lassen. „Zwei ideologische Gegenpole“, sagte Diskussionsleiterin Claudia Reiterer. Das war ein schöner Euphemismus für: Da gingen zwei einander gewaltig auf den Zeiger. Kaum zu glauben, dass sie nach dem Puls4-Duell noch gemeinsam mit ihren Partnerinnen essen gehen wollten.

Schwarzarbeit in Euratsfeld

Es beginnt mit dem Thema „Antisemitismus“, also Facebook-Fake-Seiten vs braune Flecken, oder, mit anderen Worten, es begann damit, womit derzeit jede Diskussion im Fernsehen beginnt: mit Tal Silberstein. „Ich bin Träger der Torberg-Medaille der jüdischen Kultusgemeinde“, sagt der eine Christian (ohne Heinz), und das ist zwar noch kein Ausweis für immerwährende moralische Kompetenz und Unantastbarkeit – aber doch etwas, was er mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Leben lang dem anderen Christian (mit Heinz) voraus haben wird.

Strache antwortet logischerweise und ohne nachzudenken mit einem Satz, der mit „Tal Silberstein“ beginnt (und mit „war Ihr Berater, er wird sich nicht selber finanziert haben“ endet). Dann sagt Strache „Dirty Campaigning“ und fügt in naher Umgebung dieses Begriffs das Wort „ÖVP-Mitarbeiter“ hinzu. Und versucht noch einen Witz mit „Schwarzarbeiter“. (Wie schon unlängst erwähnt: Entweder schwächelt Kickl, oder die Strache-Pointen schreibt jetzt der EU-Bauer).

Kern antwortet darauf ebenfalls mit einem Witz-Versuch: „Wir haben eine Verantwortungskultur.“ (Moment, das war ja noch gar nicht der Witz!). So, jetzt: „Wenn es die in Ihrer Partei gäbe, würde ich heute mit einer Mitarbeiterin der FPÖ Euratsfeld reden, weil Ihnen die Leute ausgehen.“

Schublade, unterst

Kern spricht von „Anbiederung“ der FPÖ an die ÖVP und vom „schwarzblauen Block“. (Klingt nach Leuten, die auf Demonstrationen das Vermummungsverbot nicht einhalten, aber nicht genau wissen, ob sie links- oder rechtsradikal sein wollen.) „Herr Strache macht den Steigbügelhalter für die Großspender der ÖVP.“ Strache antwortet mit dem einzigen derzeit unschlagbaren Argument: Silberstein, Silberstein, Silberstein …

Dann erinnert sich Strache daran, was er am besten kann, und er spricht über „dubiose Firmenstrukturen in Israel, wo Sie beteiligt sind“. Kern reagiert erstaunlich gelassen und bezichtigt Strache nur, in der „untersten Schublade“ wohnhaft zu sein (sowie eine Gratiszeitung einer „beispiellosen Hetzkampagne“).

Jetzt kommt das Thema Jobs. Strache will bestimmte Bereiche des heimischen Arbeitsmarktes für nichtösterreichische EU-Bürger sperren („sektorale Schließung des Arbeitsmarkts“). Kern antwortet: „Das können Sie nur einhalten, wenn Sie aus der EU austreten.“ Strache: „Ist doch ein Unsinn! Ich verstehe, dass Sie mit verzweifelten Argumenten um sich werfen!“ (Interessant, dass Strache ausgerechnet das versteht.)

Faymann. Werner Faymann.

Jetzt kommt ein ganz interessanter Augenblick: Kern lobt „meinen Vorgänger Werner Faymann“ (für dessen Steuerreform) – etwas, was sich vermutlich weder Faymann, noch Kern in ihren kühnsten Träumen erwartet hätten. Kern wirkt zu Recht verblüfft über sich selbst.

Dann sagt er das, was derzeit jeder SPÖ-Politiker sagt, wenn sein Gegenüber zu oft „Silberstein“ sagt, nämlich: „Kärntner Hypo“. Und dann schießt er nach: „Sie wollen Banken die Lizenz fürs Kasino zurückgeben.“ (Kasino? Lizenz? Jetzt noch Tauchen gehen und danach ein Wodka-Martini, dann sind wir bei James Bond.)

Strache antwortet: „Das ist doch ein absoluter Unsinn“, und das passt fast immer in diesen Tagen, wenn es um Politik geht.

Moderatorin Claudia Reiterer möchte jetzt von Strache Details zu den geplanten Steuerentlastungen der FPÖ wissen – wieviel gibt es für Arbeitnehmer, wieviel für Unternehmer? Strache wirkt verblüfft (zu Recht – nicht allzu oft hat er bisher erlebt, dass man FPÖ-Steuer-Vorschläge ernst nimmt): „Das habe ich jetzt nicht im Kopf … das ist doch keine Zahlendiskussion!“ Er beginnt, geräuschvoll in seinen Unterlagen zu kramen und entschließt sich dann, sicherheitshalber „rotschwarze Raubritter“ und „rotschwarzer Verwaltungsspeck“ zu sagen.

Bestausgebildetst, aber klein

Kern lobt im Gegenzug die Wirtschaftspolitik seiner Regierungszeit und sagt: „Wir haben die bestausgebildetsten Leute“ (wobei es in Deutsch noch Bildungspotenzial gibt).

Es folgt das Thema Kammern und Pflichtmitgliedschaft. Kern spricht von einer „kleinen Friseurin“, die „wo rausfliegt“ (wieso sind Friseurinnen/Billa-Kassierinnen/Männer auf der Straße in der Politik eigentlich immer kleinwüchsig?). Dann greift er zu einer politischen Wunderwaffe früherer Zeiten: Der 13. und 14. Monatsgehalt seien bedroht (wenn die Kammer-Pflichtmitgliedschaft fällt). Danach kommt wieder einmal der SC Simmering zu Ehren, allerdings muss er diesmal nicht gegen Kapfenberg spielen, sondern darf die Champions-League gewinnen, wenn Strache „der Vertreter des kleinen Mannes sein soll“. Strache wirft nun seinerseits die Begriffe „Immobilienspekulation, Luxusgagen, Luxuspensionen“ in die Schlacht.

Jetzt möchte Claudia Reiterer allen Ernstes das Thema Katalonien bzw. dessen Unabhängigkeits-Bestrebungen diskutieren (wir wussten gar nicht, dass der österreichische Bundeskanzler und der Chef einer österreichischen Oppositionspartei da entscheidend mitreden – hört man in Madrid und Barcelona auf den Rat von Kern und Strache?).

Strache kritisiert die spanische Polizei (da wird sie sich aber kränken), Kern will kein „Öl in einen Konflikt gießen, der schon brodelt“ (damit ist der erste Schritt zur Entbrodelung schon gemacht, ein Aufatmen geht durch Spanien). Kern nennt die Lage in Katalonien „eine ernste Situation“, und wirkt erleichtert, endlich einmal über ernste Situationen reden zu können, die definitiv nichts mit dem Wort zu tun haben, das mit „S“ anfängt und mit „Ilberstein“ aufhört.

Adam, Eva und ein Bahnchef

Jetzt geht es noch um das Thema Orban. Kern betont, er war nur ein „bescheidener Bahnchef“, als sich Orban mit der Flüchtlingsfrage beschäftigte, was Strache eine Anspielung auf Kerns ÖBB-Gage ermöglicht. Kern antwortet: „Wer mich beleidigen kann, das entscheide ich immer noch selber.“ Strache wirkt verblüfft, dass Kern nicht beleidigt sein will, und murmelt: „Das ist schon klar.“

Strache möchte allen Ernstes der Gruppe der Visegrad-Staaten beitreten (also nicht er als Person, sondern der Staat Österreich, sollte Strache Kanzler sein).

Kern sagt: „Österreich hat viele Flüchtlinge aufgenommen.“ Strache: „Das war ja der Fehler, dass man viele Wirtschaftsflüchtlinge reingelassen hat!“ Kern: „Machen Sie mich nicht für die Erbsünde verantwortlich, das war ein bisschen vor meiner Zeit!“ (An dieser Stelle erwägen Adam, Eva und die Schlange die Gründung einer „Liste Apfel“ bzw. einer „Paradies-Bewegung“.)

Strache wirft Kern vor, für „Lohn-Dumping“ verantwortlich zu sein, Kern antwortet „phantasieren Sie doch nicht“ und sagt: „Wenn Sie mich zum Regierungschef von Irland und Holland machen, stelle ich das ab“ (am Sonntag wird man in Dublin und Den Haag ängstlich nach Wien blicken).

Am Ende kommt das Erwartbare: Kern warnt vor Schwarzblau, Strache warnt vor Schwarzrot (komischerweise warnt niemand vor Rotblau). Noch einmal werden Höflichkeiten ausgetauscht. Kern: „Heute haben wir bewiesen, uns trennen Welten.“ Strache: „Sie sind als Kanzler und Parteivorsitzender bereits Geschichte, Sie wissen es nur noch nicht.“

Strache kritisiert noch schnell die „Dreiklassenmedizin, wo man erlebt, wenn man vor einer Geburt steht, dass man nach Tulln geschickt wird“ (Strache weiß offenbar, wie es ist, vor einer Geburt zu stehen, und findet es in Tulln nicht schön). Kern: „Was uns unterscheidet, Sie gehen immer auf Leut‘ los.“ Strache: „Ich geh nicht auf Leut‘ los, ich geh auf Sie los!“

Zum Abschluss sagt Strache noch einmal „Dirty Campaigning“, und Kern antwortet: „Sie haben’s erfunden.“

Schnalzer

Fazit: „Das Spiel hat Schnalzer-Charakter.“ Sagt der Kommentator Thomas König. Beim parallel laufenden Match Moldawien-Österreich. „Einfach mal abziehen, vielleicht bleibt was hängen. Ein kleines Foul zur rechten Zeit, so macht man das.“

Guido Tartarottis Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 24. Oktober und am 2. Dezember im Theater am Alsergrund, am 20. November in der Kulisse Wien und am 9. Jänner 2018 im Orpheum Wien zu sehen.