Roland Koch als Othello in "This is Venice" im Burgtheater: Die Premiere fand im Februar 2020 statt - drei Wochen vor dem Lockdown

© APA/GEORG HOCHMUTH

Interview
01/31/2021

Burg-Schauspieler Koch: „Wir produzieren ununterbrochen – auf Halde“

Roland Koch über die fatalen Auswirkungen der Pandemie auf das Theater und den unerquicklichen Streaming-Wahnsinn

von Thomas Trenkler

Das Berliner Ensemble stellte nun den Probenbetrieb ein. Denn zumindest bis Ostern wird es keine Aufführungen geben. In Wien hingegen klammert man sich an vage Versprechen. Warum das so ist, erklärt Roland Koch, Ensemblesprecher des Burgtheaters. Weil es um die Daseinsberechtigung geht. Und daher glaubte jeder, streamen zu müssen.

KURIER: Wie geht es Ihnen denn?

Roland Koch: Eigenartig. Wenn ich mich in der Stadt bewege, verspüre ich den Drang, nach Hause zu gehen. Der öffentliche Raum bedeutet für mich nicht mehr Freiheit, sondern Beklemmung. Die Maßnahmen machen etwas mit mir. Ich hab’ mein Raum-Körper-Gefühl verloren, weiß nicht mehr, wo die Rampe, der Abgrund ist. Das Kaffeehaus, der Gesprächsraum schlechthin, ist weg. Wir beide müssen uns konspirativ in einem desinfizierten Raum im Burgtheater treffen. Und wir müssen uns darüber einig werden, ob wir beim Gespräch unsere Masken ablegen. Das ist schon sonderbar.

Fehlt Ihnen der Applaus?

Nein, mir fehlt dieses Hochgefühl nach einer guten Vorstellung. Wenn ich zurückblicke: Im Frühling, nach dem ersten Schock, habe ich den Lockdown als einen Schwebezustand empfunden. Denn der Stress fiel allmählich ab. Ich dachte mir, jetzt wieder ein analoges Leben zu führen, wie es sich gehört. Man holt Holz, man kocht und so weiter. Jede Tätigkeit schien total sinnvoll. Ab und zu kam der Gedanke hoch: Ach Gott, ich krieg Geld – und mach’ eigentlich nichts dafür. Und später dann sagte man sich: Jetzt muss ich auch was streamen, um überhaupt eine Daseinsberechtigung zu haben.

So ging es wohl allen fest engagierten Schauspielern in Kurzarbeit.

Alle hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht beweisen konnten, verfügbar zu sein. Und sie hatten auch keinen handfesten Beweis für ihr Tun. Ein Maler hat eine bearbeitete Leinwand. Aber ein Schauspieler hat nichts in der Hand, kein stichhaltiges Alibi. Das hat er eigentlich nie. Wenn wir am Nachmittag nach der Probe heimgehen, haben wir ja nichts hergestellt. Trotzdem hat man normalerweise kein schlechtes Gewissen. Denn es gibt ja ein Ziel, auf das man hinarbeitet.

Aber alle Premierentermine wurden abgesagt …

Genau. Eine Vollbremsung. Man flog eine kurze Zeit in einem havarierten Gefährt durch die Luft, ohne zu wissen, wie und wo man landen wird. Dieser Moment hatte was Aufregendes. Wie ein Astronaut, der in der Umlaufbahn auf die Erde schaut, hatte man eine andere Perspektive auf sein Leben. Plötzlich war klar, dass wir schon sehr lange versuchen, in völlig überhitzten Systemen das Leben in den Griff zu kriegen. Und die Corona-Kurve brachte uns ins Schleudern.

 

Und dann kam der Sommer: Die Infektionszahlen gingen zurück, auch die Salzburger Festspiele fanden statt – wenngleich mit einem reduzierten Programm.

Alle haben sich in Sicherheit gewiegt, dass alles wieder so sein wird wie immer. Man war besonders empfänglich für diese wiedergewonnene, aber trügerische Freiheit. Und dann kam der Herbst. Es rastete laut etwas Teuflisches ein. Wieder musste der Beweis geführt werden, dass wir relevant sind – unter noch schwierigeren Bedingungen.

Mit Bestemm und Präventionskonzepten sollte der Vorstellungsbetrieb aufrechterhalten werden.

Ein mittelständischer Betrieb mit 600 Angestellten, der unsichtbare, flüchtige Werte herstellt. Trotzdem werden wir so behandelt, als wären wir Produktehersteller. Das Burgtheater ist ja Teil einer Holding. Und seit der Ausgliederung vor zwei Jahrzehnten herrscht eine Sprache der Ökonomie. Der Direktor muss dem Aufsichtsrat nicht berichten, was er inhaltlich plant, er muss Zahlen liefern. Da entstand eine Schieflage. Und die zeigt sich nun extrem. In der Beweisnot sagt man daher, dass Kultur ein Lebensmittel sei. Aber das stimmt so nicht. Ein Lebensmittel hat eine andere Qualität. Ich brauche es, um nicht zu verhungern. Kultur hat jedoch nichts mit Nahrungsaufnahme zu tun.

Aber sie ist geistige Nahrung?

Ich weiß natürlich, dass ich mit meinem Spiel nicht die Welt verbessere, oder doch? Aber löse ich etwas beim einzelnen Zuschauer aus, was ihn bestenfalls aus seinem gewohnten Rhythmus bringt. Weil er etwas erlebt. Das ist der Deal, die Verabredung jenseits von Rentabilität. Wenn es aber diese Übereinkunft nicht gibt, dass Theater, Kultur im weitesten Sinn, Kosten verursacht und nicht Gewinne lukriert, kommen wir immer wieder in Beweisnot. Fühlen wir uns dann gezwungen, etwas unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten herzustellen. Und so kam es zu diesem Streaming-Wahnsinn. Um zu zeigen: Wir arbeiten! Die Wohnräume der Schauspieler wurden für die Kameras geöffnet. Man hat damit ein Geheimnis gelüftet. Wenn Schauspieler wieder auftreten, wird man immer auch über ihre Sitzecken und Küchenzeilen nachdenken. Das hat sich dann zum Glück wieder beruhigt. Aber trotzdem stieg der Druck, sich über das Streaming als Videobeweis an die Öffentlichkeit zu wenden.

Und die Ergebnisse waren künstlerisch zumeist enttäuschend.

Wenn man das will, müsste man eine neue Sparte gründen, die Sparte „Streamen von Inszenierungen“: Man müsste zehn Kameraleute verpflichten – und einen Regisseur, der darauf spezialisiert ist. Aber das kostet ordentlich Geld. Abfotografiertes Theater hingegen ist meist langweilig, weil Theater eine Verabredung außer Haus ist: Möglichst viele Leute treffen sich in einem Raum, auf der Bühne tritt jemand auf – und die Zeit steht still. Es wird nichts hergestellt und es ist manchmal langweilig. Und das, was stattfindet, ist außerhalb jeder ökonomischen Vernunft. Und das war schon immer so.

Sie meinen?

Zumindest, seit der Mensch Jäger und Sammler ist. Denn um zwei Uhr hatte er alles gesammelt oder gejagt, was er für den nächsten Tag braucht. Und dann hat er sich gelangweilt. Er fing an, an Felswänden all die Herden aufzumalen, die er nicht erlegen konnte. Das ist Kultur! Da hat man sich auch nicht gefragt: Was bringt es? Das Aufmalen war eben das Spiegeln von all dem, was man lebt, sich wünscht. Es ist ein Versuch, das Leben zu verstehen.

Was ist für Sie der Sinn des Lebens?

Der Sinn des Lebens ist nicht, etwas herzustellen und dann zu sterben. Sondern: Das eigene Leben ist eine Staffelübergabe – von den letzten tausenden Jahren zu den nächsten tausenden Jahren. Das hat Sinn, das ist tröstlich. All diese Fragen – nach Wahrheit, nach Liebe, nach Glück, nach Krise, nach Unterwerfung, nach Dominanz, nach Freiheit – können im Theater diskutiert werden. Denn da reißen wir drei Stunden aus der Wirklichkeit raus. Und es wird, wenn man der Legende glaubt, kein Schaden sein. Denn all die Stunden, die man im Theater verbringt, werden einem am Ende gutgeschrieben und man lebt um diese Zeit länger. Wir sollten uns daher für diese coronabedingte Auszeit nicht entschuldigen müssen. Und wir sollten diese Zeit nutzen.

Für was? Den meisten Direktoren ist unglaublich wichtig, dass der Probenbetrieb weitergehen kann …

Das ist genau das, was mich gegenwärtig bedrängt: Man ist nicht mehr in einem Schwebezustand, denn das schlechte Gewissen ist bereits so groß, dass wir ununterbrochen produzieren – auf Halde. Es gibt einen ungeheuren Output, aber niemand hat die Inszenierungen gesehen. Wir sollten vielleicht mal innehalten, warten und horchen.

Weil dann etwas Neues entsteht?

Ja! Unser Götze ist das Wachstum. Wir reden auch von Minuswachstum und Nullwachstum, also von Paradoxien. Aber wir glauben, dass Wachstum der einzig glücklich machende Faktor ist. Das Glück ergibt sich dann quasi von allein. So wächst auch die Zahl der nichterlösten Inszenierungen. Natürlich wollen wir nicht, dass Betriebe Pleite gehen, weil der Konsum ausfällt. Aber vielleicht kann man über diese Erhitzung nachdenken? Über Qualität, nicht über Quantität. Denn man wirft derzeit irgendwelche Konsumgüter auf den Markt und weiß: Irgendwer wird sie schon kaufen – und zwar jenseits der Bedürfnisse. Ja, wir sollten über Qualität nachdenken – nicht nur im Konsum, sondern auch im Theater. Es besteht die Gefahr, dass die Politik und wir als Gesellschaft nicht begreifen, dass nur die unsichtbaren Werte uns auf Dauer am Leben erhalten werden.

Auf dem Umweg zum Theater: Roland Koch, 1959 in Muri (Schweiz) geboren, studierte zunächst Ethnologie, Psychologie und Philosophie in Zürich. Nach der Schauspielschule ging es über Celle und Konstanz nach Hannover. 1999 kam er ans Burgtheater. Er  lehrt Rollengestaltung am Reinhardt-Seminar.

Täter, Opfer und Ermittler: Ab 2012 trat Koch fünf Jahre lang im „Tatort“ auf – als Kommissar Matteo Lüthi, der am Bodensee ermittelt. Danach spielte er im Luzerner „Tatort“ einen Industriellen (Bild), der erschossen wird. Zuletzt, Ende 2020, verkörperte er in der Folge „Züri brännt“ den Leiter der Zürcher Kriminalpolizei. Pech für Koch: Auch die Figur Peter Herzog überlebte den „Tatort“ nicht. 

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