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Interview
01/23/2021

Bogdan Roščić: „Die Welt in ihrem ganzen Wahnsinn spürbar machen“

Der Opernchef über fehlende Besucher, Distanz und Nähe, politische Unterstützung, Verschwörungstheorien und die Aufgabe der Kunst

von Gert Korentschnig

Seit der Wiedereröffnung der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Staatsoper 1955 gab es keine Intendanz, die unter schwierigeren Bedingungen beginnen musste. Trotz Schließung schafft es der neue Operndirektor aber, das Theater präsent zu halten. Manche sagen sogar, selbst der eingeschränkte Betrieb sei lebendiger als vieles davor.

KURIER: Seit Sie im September die Leitung der Wiener Staatsoper übernommen haben, gab es nur zwei Monate lang einen regulären Spielplan – und auch den nur für eine beschränkte Besucherzahl. Nun ist das Haus seit 3. November für das Publikum überhaupt gesperrt. Wie existenzbedrohend ist eine solche Situation für ein Opernhaus? Bogdan Roščić: Das ist letztlich keine ökonomische, sondern eine politische Frage. Aber rein wirtschaftlich betrachtet verdient die Staatsoper eben knapp unter 50 Prozent ihres Budgets selbst – das ist relativ einzigartig für so ein Haus, üblich sind eher unter 20. Wenn man monatelang keine Karten verkaufen kann, gibt es also ein sehr reelles Problem. Gleichzeitig haben wir das Privileg, dass die Republik unser Eigentümer ist und, wie die letzten Monate gezeigt haben, auf uns schaut. Wir können für über 800 Mitarbeiter Kurzarbeit-Mittel in Anspruch nehmen. Das ist essenziell, weil das Budget eines Opernhauses entgegen anders lautenden Gerüchten ja fast nur aus Personalkosten besteht. Die Investitionen in Neuproduktionen machen irgendwas um sechs Prozent aus.

Grundsätzlich hört man aber aus der Szene ständig Kritik am Umgang der Regierung mit Kultur.

Manches davon scheint mir weniger Kritik als eher eine etwas untertänige oder vielleicht sogar narzisstische Kränkung. Wenn man wieder einmal feststellen muss, dass die Politik die gute Meinung, die man von ihren Prioritäten hat, nicht bestätigen möchte. Ich persönlich habe dieses Bedürfnis nicht. Auf die Staatsoper reduziert muss man konstatieren, dass sie bisher geschützt wird und ihre Bedürfnisse bei den kulturpolitisch Verantwortlichen ordentlich anmelden kann. Mir schmeckt Vieles am Lockdown nicht, aber wo in Europa ist denn die bessere Alternative? Vergleichen Sie das mal mit anderen Ländern wie Großbritannien. Man muss jetzt in Gedanken in die Zeit nach der Durchimpfung springen. Was, wenn die viel größere Bedrohung das ist, was gerade mit uns allen passiert, mit unseren Vorstellungen von Nähe und Distanz zum Beispiel?

Haben Sie eine mögliche Antwort darauf?

Ich glaube, dass es längerfristige Auswirkungen geben wird, dass ein Lebensgefühl verlorengehen kann. Ich frage mich bei meinen Kindern ständig, welche unkalkulierbaren Spätfolgen das haben könnte, wenn Unterricht und Kontakt mit anderen Kindern ein Jahr lang nur über irgendwelche Screens stattfindet. Und bei Erwachsenen? Ist unsere Vorstellung von zulässiger persönlicher Nähe schon so verändert, dass man sozusagen ratlos vor der Bestuhlung eines im 19. Jahrhundert erbauten Theaters steht? Vielleicht werden viele in Zukunft ganz gut leben mit einer neuen Distanz, physisch wie mental. Für das Theater ist das tödlich.

Nach der spanischen Grippe gab es in den 1920er Jahren eine stark erwachte Lebenslust. Hoffen Sie, dass die auch jetzt wiederkommt?

Die zweite Auflage der „Roaring Twenties“, eine schöne Vorstellung. Aber schon die erste war ja kein ungetrübtes Vergnügen und ist eher finster ausgegangen.

Wenn wir schon bei Veränderung sind: Was wird sich Ihrer Meinung nach im Opernfach generell ändern? Das Virus hat Regionalität, mancherorts Provinzialität gebracht, Reisen unmöglich gemacht. Oper hingegen steht für Internationalität. Möglicherweise sperren kleine Bühnen, an denen Sänger ihre Karriere beginnen konnten, zu. Gleichzeitig haben sogar die ganz großen Häuser Probleme. Wie kann das weitergehen?

Sie haben recht, viele Faktoren müssen zusammenspielen, Oper als Industrie ist die totale Antithese zu der Art, wie wir jetzt leben müssen. Aber das kommt wieder. Nur – wie wird sich in der Zwischenzeit unsere Mentalität verändert haben? Unser Zeitalter ist ja das einer falschen, verlogenen, digital vorgespiegelten Nähe. Man kann vor den Komplikationen jeglicher realen Beschäftigung mit einem anderen Menschen jederzeit ins Handy flüchten. Theater brauchen das genaue Gegenteil.

Sie haben, um die Besucher nicht ganz zu entwöhnen, auf Aufführungen für das Fernsehen oder für Streamingportale gesetzt. Die Staatsoper war diesbezüglich sehr aktiv. Wie erfolgreich waren diese Initiativen?

Das ist schon erstaunlich. Wir wollten die Bühne eben keinesfalls einfach stilllegen, allein im Dezember gab es zwei Premieren – eine Balletturaufführung und eine Henze-Premiere. Dazu für Wien wichtige Rollendebüts von Anna Netrebko, Piotr Beczala, Günther Groissböck und anderen. Wir haben das zusammengerechnet, es sind bisher 2,3 Millionen Kontakte – über das Fernsehen und über weltweites Streaming. Allein die „Fledermaus“ zu Silvester hatte nur bei der einen Ausstrahlung 410.000 Seher im ORF. Man könnte sagen: ironischerweise viel mehr Publikum als bei regulärem Spielbetrieb. Und das Feedback ist enthusiastisch.

Klingt nach einem großen Aber.

Ja, man könnte sagen: Alles richtig gemacht, wo liegt das Problem. Aber daran glaube ich keine Sekunde. Man thront da alleine in einer Loge, schaut auf den leeren Saal, freut sich über die Vorstellung, und gleichzeitig liegt eine große Traurigkeit über dem Ganzen. Das Bedürfnis zu teilen ist unglaublich mächtig. Auch wenn man sonst in einem vollen Saal mit seiner Umwelt manchmal durchaus im Clinch liegt, wenn jemand laut ist, unkonzentriert. Aber wenn niemand da ist, wenn man so isoliert ist – da sehnt man sich nur danach, in dieser Energie einer gemeinsamen Begeisterung aufzugehen.

Wie wichtig ist es für das Theater selbst, also künstlerisch, dass es Aufführungen gibt?

Sehr wichtig. Die künstlerischen Kollektive sind nichts, was man ins Gefrierfach schieben und dann wieder auftauen kann, wenn es so weit ist. Aus all diesen Gründen ist es also unser oberstes Ziel, so rasch wie möglich unter vernünftigen Bedingungen wieder vor Publikum zu spielen.

Was sind vernünftige Bedingungen? Und wann rechnen Sie wieder mit einem Spielbetrieb?

Im Moment müssen wir mangels anders lautender Information mit einem Spielbetrieb ab Anfang März rechnen. Bis dahin gibt es noch die Aufzeichnung von „Nabucco“ mit Plácido Domingo, die Premiere von „Carmen“ in der Regie von Calixto Bieito und eine Wiederaufnahme der „Figaro“-Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle, alles in ORF III. Aber diese Fernseh-Abende lassen sich nicht beliebig vermehren und sind auch kein Ruhekissen. Wenn wir dann wieder aufsperren, war die Hoffnung, dass FFP2-Masken für Besucher reichen, weil wir die Sorge haben, dass das Publikum die Zutrittsschwelle irgendwann als zu hoch empfindet. Was mit welchen Tests passieren soll und wie genau, weiß niemand von uns. Die Diskussionen bleiben vielfach unterinformiert, nicht nachvollziehbar, ohne jeglichen wissenschaftlich befestigten und allgemein verständlich kommunizierten Konsens. Das birgt die Gefahr, dass letztlich nur frustrierter Grant übrig bleibt. Aber ich will nach wie vor nicht, dass Theaterdirektoren sich virologisch in die Brust werfen, als hätten sie schon vor dem Frühstück schnell die neueste Corona-Mutation erfolgreich sequenziert.

Sie haben, als Sie zum Wiener Staatsoperndirektor bestellt wurden, viel von der enormen Konkurrenz zu Netflix und von Oper im digitalen Zeitalter gesprochen. Erkennt man jetzt, dass Oper da gescheitert ist?

Natürlich gibt es eine Konkurrenz um die Zeit und Aufmerksamkeit von Menschen. Das Publikum, das in Unschuld glücklich hinter den Mauern des Opernklosters lebt und nicht links oder rechts schaut, das gibt es nicht. Wir werden alle bestürmt mit sogenanntem Content, das ist teilweise infernalisch gut und anspruchsvoll gemacht, man hüte sich vor falscher Arroganz. Simon Stone hat mal gesagt, wenn Theater halb so gut wäre wie die besten Netflix-Angebote, würden wir in einem goldenen Zeitalter des Theaters leben. Man kann sich nicht darauf ausruhen, dass gut gesungen wird und das Orchester so schön spielt. Aber unser Spielfeld bleibt immer die Bühne, der Saal, die Euphorie des gemeinsamen Erlebens. Wir nützen die digitalen Möglichkeiten immer intensiver, aber das sind alles nur Beilagen.

Sie waren nicht nur kreativ im Umgang mit dem Spielplan, sondern auch mit der Öffnung: Das Haus sperrt ab 8. Februar als Museum auf. Wie geht das?

Wir wollen immer, wenn es in Sicherheit möglich ist, Zutritt zum Haus geben statt einfach zusperren. Und so werden wir uns an dem orientieren, was die Museen demnächst machen dürfen, und dieses Gebäude ausstellen, das ja ein einziges gigantisches Exponat ist und auch voll mit bildender Kunst bis hin zu Carrie Mae Weems’ großartiger Arbeit am Eisernen Vorhang. Führungen können wir wegen der Corona-Auflagen natürlich nicht anbieten, aber wir können einen Rundgang ermöglichen mit den nötigen Informationen an gewissen Stellen, zum Beispiel mit QR-Codes. Es ist einfach eine Einladung, es ist kostenlos, es wird sicher sein. Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen vorbeischauen, die noch nie in der Staatsoper waren.

Wie sehen Sie die Neiddebatte in der Kunst – warum dürfen die einen oder die anderen nicht öffnen?

Mich interessiert sie wenig, und je länger diese Misere dauert, desto weniger. Jetzt ist ja der Impfneid der heißeste Trend.

Sie haben bisher trotz Schließung an Ihrem Spielplan mit zehn Premieren festgehalten. Warum?

Wir müssen diese Premieren schützen, sonst sind das erstens verlorene Investitionen, die Bühnenbilder und Kostüme sind ja fertig. Zweitens fehlen uns sonst die attraktiven Produktionen für kommende Spielzeiten, und drittens wäre der weitere Spielplan gar nicht realisierbar. Wir handeln da also nicht nur künstlerisch, sondern vor allem kaufmännisch richtig.

Was halten Sie von Künstlern, die einen radikalen Weg gehen und die aktuellen Entwicklungen anzweifeln?

Verschwörungstheorien sind intellektuell immer erbärmlich und unkünstlerisch noch dazu. Es gibt den Masterplan nicht, es gibt nur Chaos, Zufall, Kräftemessen. Aufgabe der Kunst ist es nicht, die Welt auf Karikaturen zu verkürzen, sondern sie in ihrem ganzen Wahnsinn auszubreiten und spürbar zu machen.

Wird die Kultur generell ein Verlierer der Pandemie sein, weil sie als verzichtbar erachtet wird?

Nicht wenn der Zugang zu ihr erhalten bleibt. Nachdem man zu lange darauf verzichten musste, ist das Kunsterlebnis noch stärker, fast ein Schock. Man fühlt sich wie aus dem Urschlamm gezogen und reingewaschen. Man spürt, wie ungeheuer das ist, dass Menschen überhaupt zu so etwas fähig sind, im Schöpfen wie im Ausführen. Aber wie immer, wenn es wirklich ernst wird, überwiegen die sozusagen biologischen Bedürfnisse. Und wie immer, wenn die Lage dann besser wird, erkennen alle, wie unerträglich ein Leben ist, das nur aus der Befriedigung solcher Bedürfnisse besteht.

Und wie sehen Sie als jemand, der sich auch lange mit Pop- und Rockmusik beschäftigt hat, die diesbezügliche Lage?

Im Live-Bereich gibt es weltweit Verwüstungen, von denen sich die subventionierte Kultur wenig Vorstellung macht. Das Musik-Streaming boomt dagegen, aber der dominierende Soundtrack gerade liegt irgendwie immer artifizieller und maschinenhafter in den Ohren. Passend zu diesem etwas „Matrix“-artigen Vegetieren zuhause, nur dass man nicht Strom produzieren muss, sondern als digitaler Endverbraucher-Wappler alle jederzeit ablesbaren Zähler schön am Ticken hält, damit Jeff Bezos sich endlich einen Zweit-Planeten kaufen kann.

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