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Kultur
03/21/2020

Radek Knapps Corona-Tagebuch, Teil 1: Das Toilettenpapier-Massaker

Der Schriftsteller begleitet Sie jeden Samstag durch die Krise.

Bevor ich diesen Coronaeintrag verfasse, ziehe ich mir Latexhandschuhe an und messe den Blutdruck. 150 zu 100. Kein Wunder. Wir leben in interessanten Zeiten. Jemand hustet in China, und schon macht man in Europa die Intensivstationen auf. Was unsere Kultur, Politik und Wirtschaft seit Jahren probiert, schafft Corona in zwei Wochen. Europa ist plötzlich das Zentrum der Welt. Nach dem Eiffelturm, Roms Kathedralen oder dem Prater gibt es brandneue Attraktionen: Straßensperren, Quarantänedörfer, entsetzte Hoteliers und Bürger, die auf einmal ohne zehn Kilo Mehl nicht mehr leben wollen. Was in die Geschichte eingehen wird, ist das um sich greifende Toilettenpapiermassaker.

Ab heute ist das Toilettenpapier kein Hygienemittel mehr, sondern ein Gesellschaft-Barometer. Anders ausgedrückt: Jeder muss für sich herausfinden, wie viel Toilettenpapier er in diesen Krisenzeiten braucht. Ähnliches gilt für alle Staatsregierungen Europas. Wie sie die Ängste ihrer Bürger verwalten, lässt sich an der Menge der Klopapierrollen ablesen.

„Leben und Tod“

Man nehme nur Deutschland: Die Kanzlerin Angela Merkel lässt im Fernsehen den Satz fallen: „Das Coronavirus ist eine Sache auf Leben und Tod“. Resultat: Am nächsten Tag geht in der Heimat des Mercedes das Klopapier aus. Vier Packungen pro Kopf sind plötzlich für den Deutschen ein Muss. Fragt sich wie lange. Wenn die wackere Kanzlerin weiter solche Schreckensnachrichten verbreitet, werden die vier Packungen nicht lange reichen.

Österreich hält zur Zeit bei zwei Packungen pro Kopf. Das ist dem umsichtigen Bundeskanzler Sebastian Kurz und der Regierung zu verdanken. Der junge Kanzler will das Virus „aushungern“ und lässt gerne immer wieder das Wort Kurz-Arbeit fallen. In Polen ist alles noch im Rahmen, aber dafür hat sich die ganze Regierung testen lassen, weil der Umweltminister sich das Virus einfing. Nur Donald Trump ist guter Toilettenpapierlaune. Nachdem sein Plan, ein eventuell vielversprechendes deutsches Gegenmittel einzuheimsen, fehlschlug, wartet er jetzt auf den passenden Augenblick, seine Marines auf das Virus schießen zu lassen.

Aber mitten im europäischen Toilettenpapiermassaker gibt es auch gute Nachrichten. IS-Kämpfern wurde dringend aufgetragen, Europa zu meiden und sich Hände zu waschen. Immer mehr professionelle Wohnungseinbrecher melden sich als arbeitslos beim AMS. Hunde und Katzen sind resistent gegen Corona, was ein medizinisches Wunder ist, wenn man betrachtet, wie verhätschelt sie sind. Und das wichtigste: Die Coronen Zeitung, einst Kronenzeitung, macht dem eigenen Volk das Kompliment, auf das jedes Land sehnlichst wartet: „Österreicher sind super“.

Was wirklich super ist: Wie viel man in nur einer Woche über seine Mitmenschen lernen kann. Ganz zu schweigen über den wichtigsten Menschen auf der Welt – sich selbst. Ich habe Angst, wo ich locker bleiben sollte. Und bin locker, wo Angst gesünder wäre. Daher verzichte ich heute auf Netflix und versuche mal ein Buch. Vielleicht nicht gleich die „Pest“ von Albert Camus, sondern etwas Verdaulicheres.

Erleichtert lege ich die Feder weg und messe wieder den Blutdruck: 130 zu 80. Das kann sich sehen lassen. Tagebücher sind gut fürs Immunsystem.

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