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Kultur
06/25/2020

Pianist Rudolf Buchbinder: "Das Publikum ist ausgehungert"

Der Ausnahmepianist und Intendant über Grafenegg und Musik in Zeiten von Corona.

Kalt erwischt! Auf diesen gemeinsamen Nenner lässt sich wohl die Situation der Kulturbranche in Zeiten der Corona-Pandemie bringen. Seit Ausbruch der Krise ist nichts mehr so, wie es (geplant) war. Das weiß auch Ausnahmepianist Rudolf Buchbinder, der momentan Konzerte vor nur 100 Besuchern spielen darf, der auf internationale Auftritte weitgehend verzichten muss und der als Intendant des Musikfestivals Grafenegg im Eiltempo ein „Notfallprogramm“ quasi aus dem Hut gezaubert hat. Denn das Musikfestival Grafenegg findet statt – und zwar vom 14. August bis 6. September.

„Wir haben nie geglaubt, dass wir Grafenegg absagen müssen“, betont Buchbinder im KURIER-Gespräch. Denn, so der Künstler: „Wir haben in Grafenegg drei Vorteile. Wir machen keine szenischen Aufführungen, wir spielen erst im August, und alle Veranstaltungen finden Open-Air am Wolkenturm statt. Dadurch ist es möglich, alle behördlichen Auflagen einzuhalten, für genügend Abstand zu sorgen und im Rahmen eines mit Fachleuten erstellten und behördlich genehmigten Sicherheitskonzepts dennoch Musik zu den Menschen zu bringen.“

Soll heißen: Gespielt wird ausschließlich am Wolkenturm für maximal 1.250 Personen (die Kapazität wäre 2.100), es gibt keine Indoor-Veranstaltungen, kein Rahmenprogramm (Einführungen, Late Night Sessions, etc.) und keine Pausen.

Wenn Weltstars wollen

Buchbinder: „Das Publikum ist ja ausgehungert und lechzt förmlich nach Kunst und Kultur. Auch die Musikerinnen und Musikern können es kaum erwarten, wieder aufzutreten. Und wir werden in Grafenegg da ein starkes Zeichen setzen.“ Innerhalb von nur zwei Wochen hat Buchbinder daher ein Programm konzipiert, das den neuen Bedingungen Rechnung trägt, aber dennoch unzählige Weltstars nach Grafenegg führt.

Konkret bedeutet das: Aufgrund ungewisser Reisebeschränkungen werden ausschließlich heimische Orchester zu erleben sein. Immerhin sind das die Wiener Philharmoniker, die Wiener Symphoniker, das ORF Radio-Symphonieorchester sowie das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich. Wobei jeder dieser Klangkörper an einem der vier Festival-Wochenenden den sprichwörtlichen Ton angibt. Und das immer mit hochkarätigen Solisten.

Bespiele gefällig? Superstars wie Anna Netrebko (mit Ehemann Yusif Eyvazov), Piotr Beczala, Jonas Kaufmann, Camilla Nylund, Dirigenten wie Franz Welser-Möst, Gustavo Dudamel, Philipp Jordan, Manfred Honeck oder Nachwuchstalente wie der Geiger Emmanuel Tjeknavorian oder die Cellistin Harriet Krijgh werden zu hören sein. Und Buchbinder selbst spielt an fünf Abenden Werke von Beethoven und Gershwin.

Wirkliche Wunder

„Ich habe zwei Wochen lang viel telefoniert, und die spontane Bereitschaft aller Künstlerinnen und Künstler war fantastisch. Sicher: Viele Programme mussten geändert werden. Um Beethovens ,Missa solemnis’, die ursprünglich zur Eröffnung des Festivals geplant, tut es mir sehr leid. Auch, dass wir die Sommerkonzerte und die Sommernachtsgala nicht durchführen können, ist traurig. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und die Ersatzprogramme sind wirkliche Wunder.“

Wie aber erlebt Buchbinder die Auswirkungen der Corona-Pandemie persönlich? „In Wien habe ich vor den erlaubten 100 Menschen gespielt. In München in einem leeren Haus mit 2.300 Sitzplätzen. Dieses Konzert wurde nur gestreamt. Und beim Klavier-Festival Ruhr konnte ich auftreten. Da hat mir zum Finale ein Roboter Blumen überreicht. Und ich habe dem Roboter als Dank auch ein Bussi gegeben, denn es war ein weiblicher Roboter“, so Buchbinder lachend.

Doch ist es nicht deprimierend vor „nur“ 100 Menschen spielen zu dürfen? „Das irritiert mich in keiner Weise. Das würde mich nur bei einem normalen Konzert irritieren. Denn ich bin froh, dass überhaupt etwas stattfinden darf. Künstler waren ja wochenlang nicht in Kurzarbeit, sondern in Nichtarbeit. Dass dennoch viele Konzert abgesagt werden, ist leider auch eine Realität. Bei mir waren es bis jetzt an die 50. Vor allem im asiatischen und amerikanischen Raum geht wenig. Dabei hätte ich für ein Konzert in Korea sogar eine Ausnahmegenehmigung bekommen. Aber mit der Bedingung, zwei Wochen in Quarantäne zu gehen. Aber zwei Wochen Quarantäne verbringe ich dann doch lieber zu Hause mit meiner Frau.“

Wahre Werte

Doch wie wird es nach Corona in der Klassik weitergehen? „Wir müssen wohl lernen, mit dem Virus zu leben und wir werden viel improvisieren müssen. Für viele Veranstalter und auch für die Agenturen wird es schmerzhaft, weil sicher nicht alle diese Krise überstehen werden. Die freischaffenden Künstler haben es im Moment leider ohnehin extrem schwer. Auch das Publikum wird wohl bewusster auswählen, was oder wen es hören oder sehen will. Vielleicht kommen dann aber manche Kollegen drauf, dass Showeffekte allein nicht ausreichen. Das war das einzig Positive in der Phase de Lockdowns. Wir hatten die Zeit, uns auf die wahren Werte zu besinnen. Ich persönlich habe menschlich sehr viel gelernt.“

Stichwort gelernt: Welche Lehren sollte man aus der Corona–Krise ziehen? „Ich kann da nur an die Eigenverantwortung des Menschen appellieren. Idioten wird es leider immer geben, das lässt sich nicht vermeiden. Aber wenn wir Verantwortung für uns selbst und für unsere Mitmenschen übernehmen, haben wir die Chance, wieder in die Normalität zurückzukehren. Ich etwa plane in Grafenegg 2021 ein ganz normales Festival, auch mit internationalen Orchestern. Die Besten der Besten werden kommen.“

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