Bendikt Föger: "Nach dem Lockdown sank der Umsatz um 80 Prozent."

© Kurier/Juerg Christandl

Interview
06/25/2020

Buchhandelspräsident Föger: „Amazon war ein Verlierer der Krise“

Benedikt Föger, Präsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels, über die Corona-Auswirkungen und die Hilfsmaßnahmen

von Thomas Trenkler

Der Buchhandel hatte in den letzten Jahren nicht viel zu jubeln. Und dann kam Corona. Warum man mit einem blauen Auge davongekommen sein könnte, erklärt Benedikt Föger, Leiter des Czernin Verlags und seit 2014 Präsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels.

KURIER: Während der Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Epidemie müsste man eigentlich sehr viel Zeit zum Lesen gehabt haben. Konnte der Buchhandel davon profitieren?

Benedikt Föger: Am Absatz kann man das leider nicht festmachen. Es waren ja auch die Buchhandlungen geschlossen. Die Händler haben sich irrsinnig gut auf die neue Situation eingestellt und das Online-Geschäft forciert. Trotzdem gab es dramatische Rückgänge. Nach dem Lockdown sank der Umsatz um 80 Prozent. Mit dem Wiedereröffnen der Geschäfte ist er wieder gestiegen – auf etwa 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im ersten Halbjahr 2020 haben wir insgesamt ein Minus von etwa 12,5 Prozent.

Im Vergleich mit anderen Branchen ist der Buchhandel aber zumindest glimpflich davongekommen.

Ja, die Situation ist nicht ganz so dramatisch, aber man muss mitbedenken, wie sehr der Buchhandel in den letzten Jahren unter Druck war. Angesichts steigender Mieten und Personalkosten bräuchte er ein Wachstum, um überleben zu können. Aber der Umsatz stagnierte mehr oder weniger. Die Buchhändler mussten ihre Rücklagen aufbrauchen, haben nun keine Reserven mehr. Das Minus im Frühjahr ist daher kaum zu verkraften.

Die Epidemie ist – Glück im Unglück – nicht schon in der Adventszeit ausgebrochen. Denn in den Wochen vor Weihnachten macht der Buchhandel etwa ein Viertel seines Jahresgeschäfts …

Ja, das wäre wahrscheinlich tödlich gewesen. Aber auch das Frühjahr mit dem Ostergeschäft ist wichtig. Was hinzukommt: Es gab keine Veranstaltungen, daher auch keine Buchpräsentationen und keine Lesungen. Das war für die Autorinnen und Autoren tragisch. Die Medien brachten zwar Rezensionen über die Neuerscheinungen, aber diese hatten kaum Auswirkungen auf den Verkauf.

Vielleicht löste Corona eine generelle Kulturmüdigkeit aus? Viele schienen geradezu erleichtert, nicht andauernd ins Theater oder Konzert rennen zu müssen.

Naja, Sie machen das beruflich. Mir tat es sehr leid, dass es keine Veranstaltungen gab. Aber ja: Ich konnte viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Auch deshalb, weil es keine Reisen und keine Treffen des europäischen Verlegerverbandes gab.

Und es gab keine Leipziger Buchmesse.

Das war sehr bitter. Denn wir hatten auf sie hingearbeitet. Und es fielen hohe Kosten an. Weil die AUA damals noch regulär flog, konnten wir die Flüge nicht stornieren. Und wir mussten 90 Prozent der Hotelkosten bezahlen.

Auch wenn die Buchhandlungen das Online-Geschäft forcierten: Amazon blieb dominierend?

Amazon war ein Verlierer der Corona-Krise. Er hat Umsatzanteile an den stationären Buchhandel verloren, weil er schon sehr bald keine Bücher mehr orderte. Die Argumentation war, dass man bevorzugt jene Artikel anbieten wollte, die dringend benötigt werden, also Haushaltswaren und Hygieneartikel. An dieses Gutmenschentum glaube ich allerdings nicht. Meine Vermutung ist, dass man auf Produkte setzte, die einen höheren Ertrag bringen. Denn mit den physischen Büchern verdient Amazon aufgrund des Gratisversands nicht viel Geld. Der Handel mit Büchern hat ja das Hauptziel, Userdaten zu bekommen: Sag mir, was du liest – und ich weiß, wer du bist. Aufgrund dieser Informationen kann Amazon den Kundinnen und Kunden zielgerichtete Angebote machen.

Amazon hatte die Frühjahrsproduktion nicht auf Lager?

Zumindest wurde der Nachbezug komplett eingestellt. Das kam den Buchhändlern bei ihren Online-Angeboten zugute. Auch deshalb, weil sie tatsächlich alle lieferbaren Bücher zustellen konnten.

Die Regierung hat bereits auf Einnahmeausfälle reagiert. Die Verlagsförderung etwa wurde um 800.000 Euro angehoben.

Diese Maßnahme, noch unter Staatssekretärin Ulrike Lunacek gesetzt, entspricht einer Erhöhung um über ein Drittel – für das heurige Jahr – und hilft den Verlagen sehr beim Cashflow.

Vielfach wird geklagt, dass zugesicherte Gelder nicht fließen. Wie ist das bei der Verlagsförderung?

Die Beiratssitzung fand bereits statt, die Entscheidungen wurden gefällt, die Verlage informiert. Es gibt also keinen Grund zur Klage.

Zudem wird die Mehrwertsteuer von zehn auf fünf Prozent gesenkt. Sie haben diesen Schritt begrüßt. Warum?

Weil Österreich mit Deutschland gleichgezogen hat. Es gab schon bisher eine Differenz von drei Prozent. Denn in Deutschland lag der Mehrwertsteuersatz bei sieben Prozent. Daher waren die Bücher in Österreich teurer. Und diese Differenz wäre jetzt noch größer geworden. Hinzu kommt etwas Entscheidendes: Die Senkung der Mehrwertsteuer soll den Kulturbetrieben – und damit den Verlagen und Buchhandlungen – helfen. Für den Konsumenten werden die Bücher voraussichtlich nicht billiger. Ich vermute, dass die Verleger die Nettopreise anheben. Und 80 Prozent der Bücher, die hierzulande verkauft werden, stammen aus Deutschland. Der Buchhändler hätte daher automatisch um zwei Prozent höhere Kosten beim Einkauf gehabt. Diese Maßnahme hilft auch den Autorinnen und Autoren, da die Honorare nach dem Nettopreis berechnet werden. Und wenn der steigt, dann steigen auch die Honorare.

Die bis Jahresende befristete Maßnahme wirkt sich daher besonders positiv im Weihnachtsgeschäft aus?

Genau. Es ist die richtige Maßnahme zur richtigen Zeit.

Thomas Drozda, Kultursprecher der SPÖ, übte jedoch Kritik: Die Mehrwertsteuersenkung helfe Amazon …

Ich kann diese Argumentation nicht nachvollziehen. Es ist eher umgekehrt: Ohne diese Maßnahme würde man den stationären Buchhandel schwächen – zugunsten von Amazon.

Die Leipziger Buchmesse wurde abgesagt. Aber die Frankfurter findet statt?

Ja, es ist geplant, Mitte Oktober eine echte Messe abzuhalten. Wenn jemand das unter Corona-Bedingungen schafft, dann die Frankfurter Buchmesse. Man hatte immer ein hohes Sicherheitsgefühl dort – auch wenn es zum Beispiel Terrordrohungen gab. Heuer soll der Abstand zwischen den Reihen verdoppelt werden, die Stände sollen kostenfrei größer sein.

Was ist mit der Buch Wien?

Auch sie wird stattfinden. Es ist ja „nur“ eine österreichische Leistungsschau – mit internationaler Beteiligung. Und es kommen nicht 300.000 Besucher, wie in Frankfurt, sondern 50.000 in vier Tagen, von 11. bis 15. November. Das kann man viel leichter handeln. Natürlich werden auch hier die Abstandsregeln eingehalten werden. Man denkt zum Beispiel daran, dass sich die Buch Wien nicht nur über einen Teil der Messehalle erstreckt, sondern über die ganze.

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