Das Foto ist zwar schon älter, aber Paulus Manker hat es sich quasi als Symbolbild gewünscht: „Kämpferisch, angriffslustig, unbesiegbar“ 

© Serbenhalle/Sebastian Kreuzberger

Interview
05/01/2020

Paulus Manker: "Es bringt ja nichts, hysterisch zu werden"

Der Impresario im E-Mail-Ping-Pong über das Theater in Zeiten von Corona und „Die letzten Tage der Menschheit“ mit Gasmasken.

von Thomas Trenkler

Ende letzten Jahres musste Paulus Manker die „Serbenhalle“ in Wiener Neustadt räumen: Heuer will der Theatermacher „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus in der alte Remise Meidling zeigen. Die Premiere hätte am 5. Juni sein sollen. Doch der Coronavirus machte Manker einen Strich durch die Rechnung. Der KURIER schrieb dem Schauspieler und Regisseur ein E-Mail ...

KURIER: Lieber Herr Manker, können wir darüber reden, wie Sie die Situation einschätzen? Ein E-Mail-Interview ist nicht lustig. Wollen wir uns treffen? Oder telefonieren?

Paulus Manker: Ein E-Mail-Interview ist sogar sehr lustig. Ich gehe nämlich nicht aus. Ich bin Risikogruppe.

Sie sind mit Sack und Pack in die alte Remise der Badner Bahn übersiedelt. Da Sie für Ihre Theaterabende Tonnen an Materialien zusammengetragen haben, war das wohl eine Herkulesaufgabe?

Ja, sie hat viele Wochen gedauert. Es hatte sich dort so maßlos viel Dekoration angesammelt, dass alles gar nicht in der Remise unterzubringen war. Ich habe aber parallel zu Wien ein Gastspiel in Berlin auf die Beine gestellt, in der sogenannten „Belgienhalle“ in Spandau, die der „Serbenhalle“ sehr ähnlich ist, sie ist nur dreimal so groß. Ohne Witz. Und bekanntlich hat der Erste Weltkrieg ja mit einem Überfall Deutschlands auf Belgien begonnen. Ob „Serbien“, ob „Belgien“ – der historische Bezug bleibt.

Es gibt bei Kraus ja etliche Szenen, die in Berlin spielen.

Genau. Die sind bisher etwas zu kurz gekommen. Das holen wir jetzt nach. Wir haben Berlin auch schon komplett aufgebaut. Wir wollten bereits im August spielen, Corona ist uns leider dazwischengekommen. Wir sind am 15. März gerade noch aus Berlin rausgekommen, bevor die Reisebeschränkungen in Kraft traten. Wir haben Berlin also in den Mai 2021 verschoben. Das wird ein Knaller!

Ist Ihnen der Abschied von der „Serbenhalle“ schwer gefallen? Sie waren anfangs ja so euphorisch ...

Schwer? Ich war froh, dieses miese, ignorante Kaff verlassen zu können. Man hat uns dort so schofel behandelt, so feindlich, dass mir das Kotzen kommt, wenn ich den Namen „Wr. Neustadt“ nur höre. Unser Oberfeind war der Bürgermeister, der uns zuletzt noch viel Geld abknöpfen wollte, weil wir in „seiner“ Stadt fünf Jahre lang sehr erfolgreich gespielt haben. Die einzige überregionale Aufmerksamkeit, die Wiener Neustadt in den letzten Jahrzehnten – abgesehen von uns – hatte, war die Liederbuchaffäre: „Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million!“ Gratuliere! Das Wort „Kaff“ wurde ja überhaupt erst für Wr. Neustadt erfunden. Wussten Sie das?

Ich weiß nur: Diese Tirade hätte auch von Thomas Bernhard sein können.

Ehre wem Ehre gebührt! Jetzt haben sie dort endlich auch das, was sie verdienen: einen waschechten ÖVP-Bürgermeister, einen richtigen Apparatschik. Dieser Herr Schneebru… und der Kulturstadtrat, ein besonderer Dolm, waren übrigens in den fünf Jahren kein einziges Mal in unseren Vorstellungen. Das Einzige, was ich von dort mitnehme, sind die Kinder, die die Schulklasse spielen. Die sind auch in Wien mit dabei und freuen sich schon drauf!

Wenn Sie derart viel Material nach Berlin verbracht haben: Ist auch die Remise Meidling eingerichtet für „Die letzten Tage der Menschheit“?

Ja, die Remise ist spielfertig, die Arbeit aber unterbrochen. Wir halten uns an die Vorschriften der Regierung. Ob eine neuerliche Verschiebung notwendig sein wird, wird sich erst zeigen. Im Moment ist die Premiere für 21. August angesetzt.

Sie bleiben gelassen?

Es bringt ja nichts, hysterisch zu werden. Das Publikum hält uns jedenfalls die Treue und hat bisher kaum Karten storniert. Wir bereiten uns auf alle Eventualitäten vor. Verkleinerung der Zuschaueranzahl, Pufferzonen zwischen den Schauspielern bis hin zum Spielen mit Gasmasken. Das ist ja bei einem Stück über den Ersten Weltkrieg ohnehin naheliegend. Ich hoffe nur, dass wir das Publikum nicht auch damit ausstatten müssen …

Die Theaterdirektoren wollen einfach weitermachen wie bisher. Was meinen Sie? Muss man nicht umdenken?

Ich kann Ihnen genau sagen, wie man mit den strikten Auflagen leben und arbeiten kann. Meiner Meinung nach gehören alle Schauspieler, bevor sie zu proben anfangen, getestet, ob sie infiziert sind oder nicht. Ich weiß nicht, ob das realistisch ist, weil dem Vernehmen nach zu wenig Tests zur Verfügung stehen. Die Gesundheit aller Beteiligten müsste aber gewährleistet sein, bevor man die Leute aufeinander loslässt. Während der Proben aber müssten dann alle im Theater wohnen – ähnlich den ORF-Moderatoren – und sich in „künstlerische Quarantäne“ begeben. Jedes Theater hat Garderoben, dort kann man schlafen. Es gibt Duschen und Klos, es gibt eine Kantine, die die Verpflegung bereitstellen kann.

Sie verlangen viel!

Entbehren sollst Du, sollst entbehren! Laut Peter Brook genügt ein Mann, der durch den Raum geht, und ein anderer, der ihm dabei zuschaut, um eine theatralische Situation zu erzeugen. Also: Reduktion! Fokussierung! Und Brook meint: „Man kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen.“ Wenn man kein Bühnenbild hat, spielt man eben ohne Bühnenbild, wenn man keine Kostüme hat, spielt man eben ohne Kostüme. Das Notwendige. Und wenn man kein erstklassiges zeitgenössisches Stück zur Verfügung hat, dann spielt man eben ein zweitklassiges. Diesen Satz hat mir vor Jahren der große Regisseur Peter Zadek gesagt. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Theater sehr bald wieder aufgesperrt, das Publikum hat sogar geholfen, den Bombenschutt wegzuräumen. Die Leute brauchen das Theater; ich glaube, es ist fast lebensnotwendig. Also muss man es ihnen liefern. Unter allen Umständen. Auch mit Einschränkungen, mit Erschwerungen, unter äußerem Zwang. Es gibt Beispiele, wie man mit Abstand zueinander Theater spielen kann: Bob Wilson macht das seit Jahrzehnten erfolgreich. Also die Gunst der Stunde nutzen und aus der Not eine Tugend machen!

Wie stemmen Sie die Verschiebung rein finanziell? Und was sagt Ihr Ensemble dazu, das scheinbar Gewehr bei Fuß zu stehen hat?

Mir wäre auch lieber, ich könnte die Schauspieler durchbezahlen und ihnen damit eine Sicherheit geben, aber das schaffen ja nicht mal die großen Häuser. Und „Gewehr bei Fuß“ stehen wir ja wohl alle. Bis es wieder losgehen kann. Ob das aber schon im Herbst sein wird können, wird sich erst weisen. Ich hab’ da so meine Zweifel. Sorgen macht mir nur unser Vermieter, die Soravia-Immobiliengruppe, denen die Remise gehört. Die wollen nämlich Miete von uns kassieren, egal, ob wir nun spielen können oder nicht. Das ist nicht sehr freundlich in der jetzigen Situation, wo wir alle mit dem Rücken zur Wand stehen.

Haben Sie Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler in Kenntnis gesetzt? Sie dürfte ein offenes Ohr haben.

Ich habe von der Stadt Wien eine Förderung in der erhofften Höhe bekommen, ja. Der Bund subventioniert uns – aber leider nur mit einem Drittel dessen, was wir brauchen. Und der Bezirk Meidling gibt uns überhaupt nichts. Die haben zwar ein Kulturbudget, fördern aber lieber die Weihnachtsbeleuchtung am Meidlinger Christkindlmarkt. So hat man mir das am Telefon erklärt.

Sollen heuer wieder neue Szenen hinzukommen? Und wird der Abend noch einmal länger?

In Wien wird’s ein bisschen länger, in Berlin dann sehr viel länger. Die Hälfte des Stückes haben wir ja bisher schon gezeigt. Und es kommt jedes Jahr ein bisschen mehr dazu. 

Also neun Stunden? Oder zehn?

Zehn wäre schon schön. Man soll doch immer nach den Sternen greifen.

Und: Wollen Sie schon die Besetzung verraten?

Never change a winning Team!

Sie spielen daher wieder den Nörgler, also das Alter ego von Karl Kraus?

Ich bin privat schon so ein Nörgler. Was bleibt mir denn da übrig? Viele von der alten Besetzung sind wieder dabei, aber auch schon einige Schauspieler aus Berlin. Deutsche Rollen müssen dort natürlich von echten Deutschen gespielt werden. Ich kann denen in Berlin doch als Kaiser Wilhelm II. keinen Österreicher vorsetzen! Die hauen uns ja die Bude ein! Die deutschen Schauspieler machen daher bei der Wiener Produktion mit.

 

Sie wollten möglicherweise auch wieder „Alma“ spielen. Immerhin feiert das Simultandrama heuer sein 25-Jahr-Jubiläum. Daraus wird wohl nichts?

Das 25-Jahr-Jubiläum wird nächstes Jahr ganz groß gefeiert. Mit einem „Alma-Album“, in dem Almas gesamtes Leben und ihre Lieben in Fotografien dargestellt wird. Alles kommt darin vor, ihre sexuellen Erfahrungen, ihre Praktiken, ihre Träume: Sex mit einem Priester, Sex mit Kriegskrüppeln, Sex neben einem Toten, Sex während der Schwangerschaft (inklusive Blutbad und Frühgeburt), zu Grunde richtende Onanie, erlösende Masturbation, Durst nach Vergewaltigung, unterdrückter Inzest, sexuelle Hörigkeit, ungestilltes Verlangen, passioniertes Schwanzlutschen, Fetischismus, Sex mit einer Puppe, die kranke Sexualität bedeutender Männer und selbstverständlich der unvergleichliche Geschmack „vom Sperma eines Genies“. 

Und was machen Sie so in der Selbstisolation?

Ich schreibe zwei Bücher, eben den großen Bildband über Alma Mahlers Libido, der schon seit Jahren in Arbeit ist und jetzt endlich abgeschlossen werden kann, und eine dreibändige Ikonografie der „Letzten Tage der Menschheit“. Da sind alle Szenen drinnen – mit historischem Bildmaterial, mit allen Figuren, allen Schauplätzen, allen Zeitungsartikeln. Komplett. Der ganze Erste Weltkrieg als dramatische Chronik. Und das Stück hat ja immerhin 220 Szenen und über 1000 Figuren. Ein „Opus Magnum“ würde ich sagen. Mein Vermächtnis?

Sie wollen das Interview so beenden?

Why not?  

Infos

Paulus Manker, Jahrgang 1958, war u. a. Ensemble-Mitglied der Burg. Seit 1996 führt er das Simultandrama „Alma“ auf. Er riskiert immer alles – auch finanziell. Alle Infos über den Szenenreigen "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus und die Produktion auf www.letztetage.com

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