Großer Favorit: "La La Land" mit Ryan Gosling und Emma Stone.

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Kultur | Oscar
02/26/2017

Oscars 2017: Veteranen oder Newcomer, wer macht das Rennen?

Wer wird sich durchsetzen? Neue Gesichter oder alte Granden? Können neue Mitglieder in der Academy Akzente setzen? Ein Ausblick auf die heutige Oscar-Gala.

Wer wird heuer den Oscar in der Kategorie Beste Schauspielerin gewinnen? Die Französin Isabelle Huppert für ihr radikales Spiel in dem Schocker "Elle"? Oder doch die niedliche, waschechte Amerikanerin Emma Stone für Gesang und Tanz in "La La Land"? Nachdem im letzten Jahr darüber diskutiert wurde, warum es kein einziger schwarzer Künstler auf die Liste der Oscar-Nominierungen geschafft hatte, wurde laut Kritik geübt. Um mehr Vielfalt in die Auswahlkommission für den Oscar zu bringen, wurden mehr als 600 neue Menschen in die Academy eingeladen – darunter vermehrt Frauen, nicht-weiße Künstler und Nicht-Amerikaner, wie die deutsche Regisseurin Maren Ade (ihr Film "Toni Erdmann" ist für den Auslands-Oscar nominiert).

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Die Internationalisierung der Academy hat nun womöglich auch Auswirkungen auf die Wahl der Nominierten. Vielleicht erhöht sie die Chance einer europäischen Schauspielerin wie Isabelle Huppert? Oder einer deutschen Tragikomödie wie "Toni Erdmann", in der der österreichische Schauspieler Peter Simonischek seine (falschen) Zähne zeigt?

In jedem Fall weist die Liste der Nominierungen nicht nur Hollywood-Routiniers wie Meryl Streep auf, die zum 20. Mal für einen Oscar nominiert wurde (drei hat sie schon); sondern bringt auch Menschen ins Rampenlicht, die bisher im kleinen Kreis bekannt waren.

Oscars 2017: Die Nominierten und ihre Chancen

Mahershala Ali, 43, zählt dazu. Wer ihn nicht aus dem Fernsehen kannte, entdeckte ihn spätestens in dem NASA-Drama "Hidden Figures" und in "Moonlight" – beides Oscar-nominierte Filme. Für Letzteren erhielt er auch eine Nominierung als Bester Nebendarsteller – neben Männern der alten Garde wie Jeff Bridges (für "Hell or High Water") oder dem Briten mit indischen Wurzeln, Dev Patel (für "Lion").

In der Kategorie für die Beste Nebendarstellerin tummeln sich auch bei den Frauen Newcomerinnen neben Hollywood-Royals. Oscarpreisträgerin Nicole Kidman ist als Beste Nebendarstellerin für das Drama "Lion" nominiert, doch die Konkurrenz ist groß: Michelle Williams aus "Manchester by the Sea" steht auf der Liste; und verdiente afro-amerikanische Darstellerinnen wie Favoritin Viola Davis (für "Fences"), Naomie Harris (für "Moonlight") und Octavia Spencer (für "Hidden Figurs").

Bei den Männer wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der Kategorie Bester Hauptdarsteller geben: Zwischen Casey Affleck ("Manchester by the Sea") und Hollywood-Granden und dem zweifachen Oscarpreisträger Denzel Washington ("Fences").

Der Oscar für den billigsten Film

Es wird ja doch nicht alles immer nur teurer.

Billiger wurden zuletzt etwa Strom, Gas, Handy- und Internetverträge. Und der Oscar für den Besten Film.

Denn anspruchsvolle Filme, jene also, die Chancen auf den höchsten Filmpreis haben, werden mit immer kleineren Budgets gedreht. So kostete keiner der Kandidaten für den Besten Film heuer mehr als jene 47 Millionen Dollar, die für "Arrival" ausgegeben wurden.

Der große Favorit "La La Land" wurde überhaupt nur um 30 Millionen Dollar gedreht und kostete damit ein Zehntel des einst ebenfalls 14-fach nominierten Hits "Titanic"; viele Konkurrenten um den Haupt-Oscar waren sogar noch billiger: "Hidden Figures" kostete 25 Millionen Dollar, "Moonlight" überhaupt nur fünf Millionen Dollar. Für Hollywood-Verhältnisse sind das Peanuts (solche Budgets findet man auch im vergleichsweise finanzschwachen europäischen Film).

Und mehr wollen die Studios in derartigen Content auch nicht investieren. Denn die kalifornische Traumfabrik ist schon seit Jahren in einer Zwickmühle: Die Aufmerksamkeit der Kinobesucher konzentriert sich auf wenige Spitzenfilme, und die sind zumeist Superhelden-, Science-Fiction- oder Animationsfilme. Also nicht Hauptpreis-würdig. Auf diese Filme werden die gewaltigen Produktionsbudgets geworfen.

Neue Gesichter

Die einstige besuchermäßige Mittelklasse aber, jener Bereich, in dem sich Hollywood etwas traute, verliert rasant beim Massenpublikum, in den jungen Besucherschichten überhaupt radikal. Stars, die echte Menschen spielen: Das zieht in Zeiten des hochklassigen Streamingfernsehens immer weniger (junge) Menschen ins Kino. Daher müssen diese Filme billiger produziert werden. Und das hat auch sein Gutes. Denn dadurch tauchen plötzlich in Hollywood viele neue Gesichter auf, die wichtige Rollen spielen – oder Filme drehen.

Jemand wie Barry Jenkins: Der 1979 geborene Afro-Amerikaner, dessen Low-Budget-Erstling "Medicine for Melancholy" den Geist des Independent Films atmete, konnte mit seinem (zweiten) Film, dem Schwulen-Drama "Moonlight", acht Oscar-Nominierungen einfahren. Oder der Franko-Kanadier Denis Villeneuve, Regisseur von "Arrival": Er kombiniert in seiner Karriere erfolgreich Arthouse-Sensibilität mit Hollywood-Genrekino und darf jetzt die Big-Budget-Fortsetzung "Blade Runner 2049" drehen. Selbst Damien Chazelle, Harvard-Abgänger und Regisseur von "La La Land", ist mit erst 32 Jahren eine Art Newcomer.

Und es tauchen auch neue Produktions-Player auf, die in Hollywood mitmischen. Amazon wurde zum ersten Oscar-nominierten Buchhändler; was natürlich nicht mehr stimmt: Der Online-Gigant ist nicht nur weltweit führender Technologie-Dienstleister, sondern auch Medienproduzent für den eigenen Streamingdienst. Und hat jetzt mit "Manchester by the Sea" und dem iranischen Film "The Salesman" (Bester fremdsprachiger Film) prominente Film-Nominierungen einstreifen können. Denn die derzeit für wichtige Oscars ausreichenden Budgets hat der milliardenschwere Konzern in der Portokassa.

Alle Nominierten auf einen Blick

Vor Oscars: Hollywood macht gegen Trump mobil

Es ist schon bezeichnend. Als größter Favorit in der Reihe einer ansonsten mit durchaus politischen Filmen durchsetzten Nominiertenliste für den besten Film gilt den Kritikern und Buchmachern ausgerechnet „La La Land“. Ein Musical, in dem Emma Stone und Ryan Gosling tanzend und schwärmend an den Glanz des alten Hollywood erinnern. Nichts deutet darauf hin, dass die Gegenwart nicht ganz so wundervoll ist. Das mag in einem Jahr wie dem vergangenen Leistung genug sein – es zeigt aber auch die grundsätzliche Haltung der "Traumfabrik": Politik und Hollywood – diese zwei Sphären wurden bisher immer tunlichst getrennt. Jedenfalls in der Oscarnacht.

Und wenn doch einmal einer der Filmstars eine politische Äußerung wagte, war es ein Skandal. Als Michael Moore 2003 seine Brandrede gegen George W. Bush hielt, wurde er vom Live-Orchester von der Bühne gespielt. Als Marlon Brando 1973 seinen Oscar für der Pate verweigerte und stattdessen eine junge Aktivistin der American Indian Movement auf die Bühne schickte, war das Unverständnis auch unter seinen Kollegen im Saal groß (Mehr dazu lesen und sehen Sie hier: "Oscars: Die fünf legendärsten Dankesreden").

Bei der Verleihung am Sonntag werden politische Statements aber zum Teil der Inszenierung gehören. Und zwar ganz bewusst. Erstmals ermuntert die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die den Filmpreis verleiht, die Sieger aktiv, auf der Bühne politisch Stellung zu nehmen. Ein absolutes Novum. "Trump habe aus allen Künstlern Aktivisten gemacht", sagte Academy-Präsidentin Cheryl Boone Isaacs.

"Es ist Zeit, sich zu zeigen!"

Meryl Streep hat ihre Verwunderung über den neuen US-Präsidenten schon bei den Golden Globes vor bald sieben Wochen geäußert (siehe Video unten). Bei der Verleihung am Sonntag wurde sie nun als eine der 15 finalen Laudatoren ausgewählt. Auch Matt Damon, wie Streep bekannt für sein politisches Engagement, soll einen Filmpreis übergeben dürfen. Der Schock über Trump sitzt im traditionell eher linken Hollywood eben noch immer tief.

Bereits am Freitag protestierten rund 2.000 Menschen vor der United Talent Agency (UTA), eine der größten Agenturen Hollywoods, die Stars wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie vertritt, berichtet Spiegel Online. Die Party, die die UTA normalerweise um diese Zeit im Jahr feiert, wurde abgesagt. Agenten, Schauspieler, Autoren und Regisseure - darunter Michael J. Fox, Kristen Wiig und Jodie Foster- versammelten sich lieber zum Anti-Trump-Protest. "Ich gehöre nicht zu denen, die sich wohl fühlen, ihr Gesicht für politische Zwecke einzusetzen", sagte Jodie Foster bei ihrer Rede. "Aber es ist jetzt alles anders. Es ist Zeit, sich zu zeigen!"

Protestbewegung aus Kalifornien

Überhaupt wird Kalifornien aktuell zum Zentrum des Widerstands gegen Trump. Im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat entschieden sich nur 31,5 Prozent der Wähler für den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Kalifornien steht beispielhaft für den demografischen Wandel Amerikas: 40 Prozent der fast 40 Millionen Einwohner sind Latinos, jeder Vierte ist außerhalb der USA geboren. Viele Arbeitsmarktsektoren sind von Einwanderern abhängig - auch die Filmindustrie.

Da scheint es nur folgerichtig, dass Trumps radikale Pläne für die Abschiebung undokumentierter Einwanderer in Kalifornien auf besonders heftigen Widerstand stoßen. Auch auf anderen Gebieten erscheint das wirtschaftsstarke Kalifornien als Antithese zu Trumps Politik. Der US-Bundesstaat ist führend im Klimaschutz und im Bereich der erneuerbaren Energien.

In den Filmen des Jahres 2016 hat sich der lauter werdende Widerstand freilich noch nicht niedergeschlagen. Dafür zeigten die Diskussionen aus der Vergangenheit Wirkung. Nachdem im Vorjahr kritisiert worden war, dass sich kein einziger schwarzer Künstler unter den Nominierten befand, wurde nun die Oscar-Akademie diversifiziert. Mehr als 600 Menschen wurden neu nominiert, darunter mehr Frauen und nicht-weiße Künstler.