Beeindruckende Bilder treffen auf harte Fakten: Die Terra Mater Factual Studios sind innerhalb weniger Jahre zum internationalen Player geworden

© Terra Mater / Dawson Dunning

Kultur Medien
04/07/2021

Terra Mater-Chef Köhler: "Den Oscar hätte ich noch gern“

ServusTV feiert mit „Wilde Zeit“ (20.15) das Jubiläum der Reihe „Terra Mater“ und das Produktionsimperium im Hintergrund

von Christoph Silber

Man kann sich als Zuschauer ganz einfach ohne Ton von den faszinierenden Tier- und Natur-Bildern wegtragen lassen. Dann aber würde man spannende Geschichten und auch schräge Gedanken verpassen. Denn ServusTV feiert heute, Mittwoch, 20.15 Uhr, mit „Wilde Zeiten“ und einem Blick hinter die Kulissen des Naturfilms das 10-Jahres-Jubiläum der Sendereihe „Terra Mater“ - und vor allem die Macher dahinter.

Im Jänner 2011 gründete ein Gutteil der damaligen „Universum“-Crew um Walter Köhler die Terra Mater Factual Studios (TMFS) in Wien. Mit ihnen wechselten namhafte Naturfilmer weg vom ORF. Das kam einem Erdbeben in der Branche gleich. Köhler: „Das Ziel war, der Welt zu beweisen, dass man nicht bei der BBC oder bei National Geographic sein muss, um gute Filme zu produzieren.“ Man wollte nicht bloß weltberühmt in Österreich sein, sondern tatsächlich „eine Weltmarke aufbauen.“ Und: „Naturfilm kann man ganz schwer innerhalb der Mauern eines traditionellen Senders machen."

Internationalität

Inzwischen hat die Produktionsfirma von zunächst 13 auf 40 Angestellte aufgestockt, 200 Naturfilme, die man „von der Wiege bis zum Grab“ betreut, international co-produziert und mehr als 350 Preise gewonnen.

Nur „den Oscar hätte ich noch gern“, sagt Walter Köhler mit einem Augenzwinkern. Klingt unbescheiden, ist es aber nicht. Mit dem Netflix-Original „The Ivory Game“ über den internationalen Elfenbeinhandel war man bereits auf der Shortlist der Academy Awards. Mit „Sea of Shadows“ über die drohende Ausrottung der kleinsten Walart der Welt im Golf von Mexiko hat man beim Sundance Festival gewonnen.

Beim Einen wie dem Anderen gefiel die Arbeit von TMFS allerdings Kriminellen gar nicht, wie man nun in „Wilde Zeiten“ sehen kann. „Bei ,Sea of Shadows‘ mussten wir binnen zwei Stunden die ganze Mannschaft zurückzuholen, weil die Morddrohungen von den Drogenkartellen so groß waren.“ Das ist spektakulär, was Köhler dabei noch wichtiger ist: „Dass man mit den Mitteln des Films auch tatsächlich politischen Wandel erzeugen kann.“ China hat, nachdem der Film beim Festival in Peking gelaufen ist, den legalen Elfenbeinhandel gestoppt. Und in Mexiko sah sich die Regierung genötigt, die Armee gegen Kartelle und Mafia loszuschicken. Aktuell ist eine Produktion über den illegalen Handel mit Orcas und Belugas im Entstehen.

 

Anspruch

Das ist aber nicht der Stoff, mit dem man eine wöchentliche Sendeleiste bei einem TV-Sender bespielt. Wobei auch hier gilt: „Die Wahrheit ist immer zumutbar“, sagt Sabine Holzer, die das Specialist Factual Department leitet. Es ist alles eine Frage des Zugangs. „Wenn ich dem Hauptabend-Publikum nur zeige, wie schlecht es um die Welt bestellt ist, dann wird das Programm wahrscheinlich nicht funktionieren. Walter und ich machen das aber seit dreißig Jahren und wir haben schon sehr, sehr viel Anspruchsvolles im Hauptabend gezeigt, ohne dass die Zuseher gemerkt haben, wie viel sie dabei gelernt haben.“

Einen Schub bringen hier auch die Streamer, allen voran Netflix. „Streamingplattformen haben unser Spektrum erweitert“, so Holzer – inhaltlich, wie auch vom Produktionsaufwand und, in Zeiten wie diesen, als Abspiel-Plattform. „Die Nachfrage nach Naturfilmen ist enorm gestiegen, vor allem an hochpreisigen“, erzählt Köhler. Das gelte auch für die großen linearen Sender. „Weil sie wissen, dass dieses Genre seine Seher findet.“ Nur der ORF kann sich weiter nicht überwinden, Terra Mater-Produktionen zu zeigen. Wobei hier Ausnahmen die Regel bestätigten. Eine solche war der Adler-Film „Wie Brüder im Wind“ mit Tobias Moretti und Jean Reno, der mit 250.000 verkauften Tickets erfolgreich in den Kinos lief.

Reale Fiktion

Im fiktionalen sowie semi-fiktionalen Bereich sieht Köhler denn auch noch Möglichkeiten für die TMFS - aber auch für die Botschaften des Naturschutzes. „The Bastard King“, das nach einer publikumsstarken Premiere in Frankreich nun international vermarktet wird, erzählt etwa einem Drehbuch folgend die Geschichte eines Löwen als Allegorie auf den Zustand der Welt. Das fiktionale Serien-Projekt „Rogue“ setzt dort an, wo die preisgekrönten Dokus über Wildlife-Crime und die mafiösen Strukturen dahinter wegen der Gefahr für die Beteiligten enden mussten. Aber auch Heiteres hat Platz: TMFS arbeitet an der Umsetzung des Bestsellers ,Hummeldumm„ von Comedy-Autor Tommy Jaud als Spielfilm-Projekt.

„Das wäre ganz schön blöd, wenn man kurz vor dem Erschossenwerden das Gefühl hätt’, man hat nichts zusammengebracht“, meint Harald Pokieser. Der Doku-Filmer war während eines Drehs im Sudan  in eine plötzliche politische Krise geraten. Auch für Otmar Penker wurde es bei der Arbeit happig – dort stand allerdings eine Bärenmutter vor der Tür.

Geschichten und Meilensteine aus mehr als 500 Stunden Naturdokus stellt „Terra Mater“-Naturfilmerin Birgit Peters in „Wilde Zeiten“ am Mittwoch, um 20.15 bei ServusTV, vor. Mit dabei ist eine prominente Riege aus der heimischen Doku-Szene, die ihren Anteil an der erfolgreichen Entwicklung von TV-Reihe und Produktionsfirma hat. Denn zehn Jahre Terra Mater – das sind fast 500 Sendungen oder 30.000 Sendeminuten von zum Teil vielfach ausgezeichneten Dokus, die im Hauptabend bei ServusTV ausgestrahlt wurden.  

Die nächste Premiere wird allerdings eine „klassische“. Im September soll die erste TMFS-Produktion für die IMAX-Leinwände über die Naturschönheiten in Alaska starten – was auch die Aktivitäten unterstützt, die von Ex-US-Präsident Donald Trump freigegebenen Öl- und Erdgas-Bohrungen doch noch zu stoppen. Denn was sich Köhler, Holzer und Co gern einmal nachsagen lassen ist, „dass wir unser Scherflein dazu beigetragen haben, dass die nächste Generation noch einen lebenswerten Planeten vorfinden wird. Denn darum geht es in den nächsten 20 Jahren. Wenn wir das nicht in den nächsten 20 Jahren schaffen, schaffen wir es gar nicht mehr“, betont Köhler.

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