Ein Split-Screen, der gar keiner war. Plexiglas trennte die beiden bei einigen Lockdown-Folgen

© ORF/Hans Leitner

Interview
04/06/2021

Stermann und Grissemann: "Diese Einladung war eine Dummheit"

Das Satiriker-Duo im Interview über 500 Ausgaben "Willkommen Österreich", die Arbeit in Corona-Zeiten und über die Einladungspolitik.

von Marco Weise, Peter Temel

Vierzehn Jahre, 500 Sendungen, mehr als tausend Gäste. Dass sich ein TV-Experiment mit Dirk Stermann und Christoph Grissemann zu einer Late Night Show dieser Ausmaße auswachsen würde, konnte wohl kaum wer voraussehen. In der Jubiläumssendung am Dienstag (22 Uhr, ORF1) waren die Kabarettisten Michael Niavarani, Klaus Eckel und Omar Sarsam zu Gast. Die drei haben einen neuen KURIER-Podcast "Alles außer Corona" im Gepäck.

In diesem ROMY-Jahr ist „Willkommen Österreich“ in der Spezialkategorie „bestes Lockdown-Format“ nominiert. Dass die beiden das wurmt, dürfte einer der „Gags, Gags, Gags“ sein, die das Duo jeden Dienstag präsentiert. Die Nominierung gilt dem gesamten Team inklusive maschek und Studioband Russkaja, das die Show durch die heftigsten Pandemiezeiten navigierte. Im (schriftlichen) Interview blicken die beiden zurück und ein bisschen nach vorn.

KURIER: Es war ein schönes Signal, dass keine Folge von „WÖ“ der Pandemie zum Opfer gefallen ist. War immer klar, dass man unter allen Umständen produziert?

Christoph Grissemann: Es stand kurz im Raum zu pausieren, aber drei Stunden später standen auch schon Laptops im Raum und die Gewissheit: Solche Wohnzimmersendungen haben einen Reiz, als schönes Signal der Uneitelkeit. Ungewaschen im Bademantel die Fernsehnation begrüßen. Mir und meinem Bankkonto hat es gefallen.

Dirk Stermann: Sicherheitshalber haben wir eine Folge vorproduziert, falls einer von uns ausfällt. Bislang musste diese Folge nicht gesendet werden.

Es gab im letzten Jahr ein Rieseninteresse an Information. Sogar in „WÖ“ kamen Virologen zu Wort. Aber wie wichtig war und ist Unterhaltung in dieser Zeit?

Stermann: Da die Kultur ja schon abgesagt wurde, war es wichtig, wenigstens ein bisserl Unterhaltung zu haben. Außerdem mussten die Virologen ja auch mal kurz schlafen. Diese Schlafpausen wurden mit Sendungen wie unserer überbrückt.

Grissemann: Wichtig ist TV-Unterhaltung im klassischen Sinne wohl nicht. Aber es muss wohl jemanden geben, der auch das Unwichtige macht. „Meister des Unwichtigen“ gefällt mir als Schriftzug am Grabstein.

Stermann sprach von einer angenehmen Pause vom Leben. Grissemann sagte nach den Lockerungen: Schade, eigentlich war’s schön zu Hause. Wie viel Ernsthaftigkeit steckt da drin?

Stermann: Ich finde meinen Satz immer noch richtig. Aber beim Fußball hat es sich als gut erwiesen, die Pause auf 15 Minuten zu beschränken. Unsere geht jetzt schon ein Jahr und es fällt zunehmend schwer, sich noch sinnvolle Gedanken über das eigene Leben zu machen.

Grissemann: Mir ist vollkommen klar, dass die meisten drunter leiden, aber für mich sind Worte wie Lockdown, Abstand und Maske eher positiv besetzt. Ich stand nie gern nah an Menschen, hab bei Menschenansammlungen die Beine in die Hand genommen und die meisten Gasthäuser find ich sowieso grausam. Ganz zu schweigen von den komplett sinnlosen, beruflichen Sitzungen. Ich persönlich hatte mein ausgeglichenstes Jahr.

In der ersten Quarantäne-Folge "WillQuommen Österreich" wart ihr euch nicht einig, ob durch Corona mehr Beziehungen zerbrechen oder ob das mehr an Intimität auch Beziehungen stärkt. Was sind eure Beobachtungen ein Jahr später?

Stermann: Im Lockdown Beziehungen zu beenden wäre sehr kurzsichtig gewesen. Dann hätte man ja niemanden mehr gehabt, wenn man allein im Haushalt ist. Inzwischen hab ich das Gefühl, dass die Frustration der Menschen zu absurden Reaktionen führt. In meiner Gasse wurden die Seitenspiegel aller Autos abgebrochen. Vielleicht als Ersatzhandlung für Beziehungen, die nicht abgebrochen werden.

Grissemann: Jede Beziehung ist so hochgradig eigenartig, dass es hier wohl nix Allgemeingültiges geben kann. Ich halte Distanz aber für ein funktionierendes Aphrodisiakum.

Man hatte den Eindruck, dass ihr mit der Zeit eine gewisse Lust am kreativen Spiel mit den verschieden strengen Corona-Maßnahmen entwickelt habt. Wie sehr fehlt dennoch das Publikum?

Stermann: Publikum? Da muss ich überlegen. Das war das mit Menschen, die dabei sind, ohne zum Arbeitsteam zu gehören, richtig? Ich glaub, das war sehr gut, vielleicht verklär ich das aber auch.

Grissemann: Publikum hält einen wacher. Ohne Auditorium ist es wie früher im Radio. Man schießt ins Nichts. Gut und schlecht zugleich.

Wird irgendetwas aus den Corona-Ausgaben bleiben? Zum Beispiel die Greifzange, kein Händeschütteln, kein Umarmen. Oder wird alles wieder wie davor sein?

Stermann: Nach der Spanischen Grippe gab es Orgien allüberall. Gut, damals gab es weder ORF noch "Willkommen Österreich". Aber vielleicht wird in der Sendung nicht nur umarmt, sondern ans Eingemachte gegangen, aus Fatalismus nach dem Erlebten. Und die Greifzange bekommt eine ganz andere Funktion, die ich mir heute noch gar nicht ausmalen möchte.

Grissemann: Nichts wird bleiben, außer vielleicht noch mehr Misstrauen.

Als gebürtiger Tiroler hat man es seit Ischgl nicht einfach. Wie kommt man da imagemäßig wieder raus? Und was sagt der Deutsche dazu?

Grissemann: Es gibt nicht „den Tiroler“. Aber es gibt „den Deutschen“.

Stermann: Ich fürchte, der Klimawandel wird schlimmer werden für die Tiroler Touristik als der Imageschaden. Dann werden Zehntausende Tiroler Schützen aufmarschieren, aber nicht wissen, auf wen sie schießen sollen.

Was war das schlimmste an Corona-Humor, das ihr die letzten 365 Tage wahrgenommen habt?

Stermann: Da wäre ich nicht so streng. Über die Schwächsten macht man keine Witze. Und wir alle gehören zu den Schwächsten in einer Pandemie. Sollen die Leute lachen, über was sie wollen. Besser als depressiv gegen die Wand zu starren.

Grissemann: Eine Art Ereignis-Humor ist immer öd. Diese unzähligen Corona-Witzchen die dann millionenfach in den Büros hin und hergemailt werden, danke nein.

Eine Entdeckung des letzten Jahres war das Kanzlerdouble in eurer Sendung. Werden wir noch mehr von Johannes Häfele in „Willkommen Österreich“ sehen?

Stermann: Das hängt stark vom Häfele-Double Kurz ab, aber vieles spricht dafür.

Grissemann: Herr Häfele ist außerordentlich talentiert. Ich schau ihm gern bei allem zu, nicht nur als Kanzler-Klon. Seine Leben darf er immer noch selbst planen, aber wie heißt's so blöd: Alle Türen stehen offen.

Ihr hab ja von Seiten des ORF ja so gut wie freie Hand. Wie oft kam es vor, dass was rausgeschnitten werden musste. Musstet ihr auch einmal zum Rapport?

Stermann: Rausgeschnitten wird immer mal etwas, weil wir sonst den ORF anzeigen würden.

Grissemann: Man kann dem ORF nicht genug danken. Nie gab es Probleme. Wenn ich Kollegen von Zensur schreien höre, dann muss ich sehr schmunzeln.

Jetzt mal zu den Gästen: Wen würde ihr gerne seit Jahren als Gast haben? Wen lehnt ihr immer wieder ab, obwohl er sich immer wieder selbst einlädt?

Stermann: Gäste kommen und gehen, so wie wir. Oft hab ich schon am nächsten Tag vergessen, wer da war. Samstags ruft mich meine Mutter dann an und erzählt wie sie Gäste fand, weil sie sich Freitagnachts die Sendung auf 3Sat ansieht. Dann weiß ich wieder, wer da war.

Gibt es von Seiten der ORF-Verantwortlichen Vorschläge, was die Gäste betrifft? Wie war das zum Beispiel mit Stefan Petzner, dem einstigen Wegbegleiter Jörg Haiders?

Stermann: Grissemann wollte Petzner von Anfang an nicht. Ich schon, weil ich es interessant gefunden hatte, hinter die Kulissen zu blicken. Ich dachte, das sei möglich. War es aber nicht, also hat Grissemann recht behalten.

Grissemann: Ich habe mich lange gegen Petzners Einladung gewehrt. Die Redaktion war geschlossen dafür. Auch wenn er Backstage ein etwas seltsamer, aber freundlicher Mensch ist - im Kern ist er ein unangenehmer Rassist. Und warum sollte ich so jemanden in mein Wohnzimmer einladen und ihm auch noch teuren Wein einschenken? Ich halte diese Einladung immer noch für eine schwere Dummheit.

Werdet ihr auf der Straße auf die Sendung angesprochen? Gibt es Beschimpfungen, Hass-Emails oder dergleichen?

Stermann: Mich lächeln sehr viele Menschen auf der Straße an. Und ich lächle zurück. Mein kleiner Sohn verhindert Selfies und Gespräche. Er ist mein Polizeischutz.

Grissemann: Die allermeisten sind freundlich und nicken lächelnd beim Vorübergehen. Ein paar wenige meinen, es sei doch eine Frechheit für diese TV-Schande auch noch richtig "abzucashen". Beide Reaktionen haben was für sich. Am besten gefiel mir ein übergewichtiger Mittsechziger, der mir die ganze Meidlinger Hauptstraße mit den Worten: „Du ORF-Arschloch“ nachlief. Respekt.

Wie geht man mit solchen Anfeindungen um?

Stermann: Ich freue mich für die, die mich anfeinden. Da haben sie kurz etwas, das sie aktiv erscheinen lässt. Es gibt ja oft so wenig im Leben.

In welchem Abschnitt befindet sich eure künstlerische "Lebensgemeinschaft"? 

Stermann: Über diese Fragen sind wir schon lange hinaus.

Grissemann: Die wenigsten schaffen es, dreißig Jahre lang zusammen zu bleiben. Respekt und Zuneigung sind nach wie vor da, aber wenn ich Stermann, sagen wir, fünf Jahre nicht sehen würde, dann geht die Welt auch nicht unter.

Eine Beziehung ist immer auch ein Kompromiss. Welchen gehen Sie beide ein?  

Stermann: Ich nehme seine Launen in Kauf, er meinen Optimismus.

An welche Eigenheiten des Partners können Sie sich auch nach so vielen Jahren einfach nicht gewöhnen?

Stermann: An seine Launen.

Grissemann: Stermann lässt sich seit 14 Jahren seine billige Brille von einer Ausstatterin putzen. Er putzt nicht selbst, er lässt putzen. Das halte ich für unerträglich herablassend. Reicht aber nicht für eine Anzeige.

Teile von euch scheinen ja gar nicht zufrieden zu sein mit der ROMY-Nominierung. Was ist das Problem mit der Kategorie "Lockdown-Format"? Würdet ihr die ROMY annehmen?

Stermann: Ich nehm sie. Man sollte mich und das WÖ-Team wählen, weil das Team es sich verdient hätte.

500 Sendungen, das klingt fast surreal. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Oder doch?

Stermann: Es sei denn, jemand schaut sich unsere Laptops mal genauer an. Deshalb nehmen wir unsere Laptops auch bei jedem Spaziergang und beim Duschen mit.

Grissemann: Ein Ende ist definitiv in Sicht. Ich würde sagen bei Sendung 800 is the Show endgültig over. Ich muss ja noch ans Meer.

Ist eine wöchentliche TV-Sendung im Gegensatz zum harten Kabarettistenleben vielleicht auch eine süße Versuchung: „Wenn ich nur aufhören könnt ...?“

Stermann: „WÖ“ ist noch immer das, was unseren Fähigkeiten am ehesten entspricht. Und manche Dinge sind halt immer da: Gatsch nach Regen, Blähungen nach Linsen, „WÖ“ um 22 Uhr.

Grissemann: Große Tourneen wird’s für mich nicht mehr geben, kleinere Auftritte schon. Aber grundsätzlich arbeite ich an meinem Verschwinden. Das muss aber auch finanziert werden.

Was würdet ihr euch für die letzte Sendung wünschen?

Stermann: Weißwein auf dem Tisch.

Grissemann: Ich habe ein unsentimentales Verhältnis zu Abschieden. Die letzte Sendung sollte so wie die 268. sein. Das letzte Hemd sieht ja auch nicht anders aus als das vierte. Ich möchte allerdings nicht – wie einige Kollegen aus der Branche – auf der Bühne umfallen, sondern lieber im Taxi nach Hause verenden. Die letzte Rechnung zahlt der ORF.

 

LINK: Alle Sendungen zum Nachschauen

 

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