© Screenshot: tvthek.orf.at

TV-Tagebuch
04/22/2020

"Willquommen Österreich": Pandemische Plauderei und maskierte Komiker

Stermann und Grissemann sitzen nun im gelockerten Coronavirus-Vollzug nebeneinander, parodieren Ulrike Lunacek und müssen "Masked Comedians" erraten.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

"Diese Maskenpflicht ist notwendig, aber lästig", sagte Christoph Grissemann, hinter einer großformatigen Zeitung versteckt. "Man hat ständig das Gefühl, Unterwäsche im Gesicht zu haben."

Dirk Stermann: "Du hast Unterwäsche im Gesicht."

Grissemann legt seine "Süddeutsche" ab und gibt den Blick auf eine weiße XXL-Feinripp-Unterhose frei, die ihm über Mund und Nase hängt.

Nach einer etwas konfusen Anfangsphase zu Beginn der österreichischen Quarantäne haben Stermann und Grissemann einige Wochen später wieder zu alter Frische gefunden, oder sollte man es kanzlerlike "die neue Normalität" nennen?

Fake-Splitscreen und Teleskop-Greifer

Die beiden sitzen seit vergangener Woche nicht mehr in ihren Eigenheimen, sondern nebeneinander, jeder hinter der Hälfte eines durchtrennten Schreibtischs, gestützt werden diese durch Bücherstöße (Hausaufgabe: Kontrollieren Sie, ob die Anordnung der Bücher gleich war wie in der Woche zuvor).

Das hat die scheinbare Optik eines Splitscreens, weil jeder hinter sich eine andere Tapete hat. In Wahrheit sind die beiden in der Mitte nur durch eine Plexiglasscheibe von einander getrennt.

Die Entwicklung von "Willquommen Österreich" verlief vom kurzfristig entstandenen Not-Format mit katastrophaler Bild- und Tonqualität zu einem wirklich gelungenen Studiokonzept, das den allgemeinen Lockerungen im Vollzug der Corona-Pandemie zu verdanken ist. Weiterhin ist die Sendung ein amüsantes Spiegelbild der gegenwärtigen Situation, Stermann und Grissemann beschäftigten sich im "Gags, Gags, Gags"-Teil ungleich mehr mit sich selbst  als in normalen Zeiten - und mit der Handhabung von Teleskop-Greifzangen.

Lunacek-Parodie: "Macht's die Augen zu"

Die Politik bekam dennoch ihr Fett ab. Im aktuellen Fall die zuletzt unglücklich agierende Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek.

Grissemann setzte sich eine Grauhaarperücke auf und schlüpfte in ein gackerlbraunes Kostüm, ähnlich dem, das Lunacek vergangenen Freitag trug, als sie Entsetzen in der Kulturszene Österreichs verbreitete. Nicht mit dem Kostüm, sondern mit ihrem Krisenmanagement, wohlgemerkt.

"Luna checkt’s ……….. nicht ganz" war die Parodie betitelt. "Luna – wie der Mond, hinter dem ich manchmal lebe", sagte Grissemann vulgo Luna. "Und ich als ISTAZ – inkompetenteste Staatssekretärin aller Zeiten – kann ich euch versichern: Die Kunst ist relativ wichtig." Man dürfe die Fantasie nicht verlieren. Deshalb der Appell an die Kulturschaffenden: "Macht’s einfach die Augen zu und stellt’s euch die Zuschauer vor. Ich hab durchgesetzt, dass pro 20 m² ein Zuschauer im Theater stehen darf. Somit gehen sich 4 bis 5 schlanke Besucher im Burgtheater aus. Die Kartenpreise müssen dann halt  auf 8.000 bis 12.000 Euro erhöht werden."

Man dürfe den Humor nicht verlieren, "in acht bis zwölf Jahren haben wir das alles überstanden."

Fern-Massage

In seinem echten Kostüm scherte sich der biestige Grissemann relativ wenig um Distanz, stahl Stermann mit dem Teleskop-Greifer dessen Spritzweinglas, testete die Wasserdichtheit von dessen Sombrero.

Stermann wiederum machte in einem Videoclip seine Drohung aus der Vorwoche war, dass er irgendjemand massieren werde. Um den verordneten Abstand zu waren, kamen Schaufensterpuppenarme und Teleskop-Greifzangen zum Einsatz. Blöd, dass der schmerbäuchige Tätowierte, der sich der peinvollen Massage unterzog, am Ende auch noch auf ein Happy Ending bestand.

Es wurde also humormäßig relativ tief geflogen, auch als Grissemann schilderte, welche (männlichen) Politiker ihm eine Erektion verschaffen würden.

Robert Stachel und Peter Hörmanseder von maschek hoben das Niveau mit neuen Bärten und einer Kogler-Parodie, in der Rainer Pariasek als Sprach-Coach auftritt.

Berg hinter Händen

Sibylle Berg arbeitete, wie viele Schriftsteller, immer schon zu Hause. Sie sei am glücklichsten, "wenn ich niemanden sehen darf", gab sie in früheren Interviews zu Protokoll.

Diesen Eindruck hatte man auch bei der etwas verstörenden Video-Konversation bei "Willquommen Österreich". Denn Sibylle hielt zwar nicht mit ihrem Pessimismus hinter dem Berg, dafür ihr Gesicht meistens hinter einer Hand versteckt. "Ich seh dauernd meine Hände", sagte sie zwischendurch. "Das sind gar nicht meine Hände, okay ...“

"Corona Konversationen - Pandemische Plaudereien mit der Corona Persona der Woche“ heißt die Rubrik, die Gespräche mit Virologen, Epidemologen und nun auch Sibylle Berg aufbot. Stilecht mit Bachs niederschmetternder Toccata und Fuge in d-Moll unterlegt.

Maskierte Komiker (SPOILER)

Lebensbejahender ist die Signation zur neuen Rubrik "The Masked Comedian". Angelehnt an die bekannte Casting-Show mit maskierten Sängern, gilt es jeweils zu erraten, welcher Komiker sich hinter diversen Verhüllungsartikeln verstecken könnte.

 

Am Dienstag fiel die erste von drei Masken. Und es war, obwohl Grissemann einen Adamsapfel erspäht haben wollte, eine Komikerin bzw. "eure Lieblingsmoderateuse", wie Verena Scheitz selbst sagte.

Der von Scheitz mit verzerrter Stimme gespielter Kurzwitz (der mit der Frau, die sich über jemanden beschwert, der ihre Brüste sehen wollte und ihr dafür eine Klopapierrolle anbot und die dann beim sich entgeistert an den Kopf greifen plötzlich ebendiese Klopapierrolle offenbart) überzeugte Stermann und Grissemann so wenig, dass sie ihn Clemens Maria Schreiner zuschrieben.

Eistee und Sheriffstern

Hemmungslos unmaskiert und sympathisch zeigte sich hingegen der großartige Singer/Songwriter Voodoo Jürgens. Warum der von ihm interpretierte Schluss-Song "Zwei Liter Eistee" heißt?

Das sei das Synonym für seine Schulzeit, weil da immer Eistee im großen Tetrapack mitgebracht worden sei.

Interessante Schulzeit.

Und was hat es in seinen wienerischen Songs mit dem Sheriffstern auf sich?

Der Sheriffstern sei im Volksmund die Folge einer garstigen Peinigungsmaßnahme, erklärte Voodoo Jürgens sinngemäß.

Was Stermann und Grissemann freilich gleich nachstellen wollten.

Grissemann: entbößte Brustwarze; Stermann: Teleskop-Greifzange;

Mehr muss man dazu nicht wissen.