Kein Serien-Boom ohne entsprechende Mitarbeiter: Heinrich Ambrosch, Geschäftsführer der Satel Film in Wien, fordert verstärkte Ausbildungsbemühungen ein

© Robin Consult/Andreas Lepsi

Kultur Medien
07/29/2022

Satel-Chef Ambrosch: Steueranreizmodell ändert Spielregeln massiv

Was Österreichs Filmförderung mit der neuen Starzplay-Serie „Nachts im Paradies" (nicht) zu tun hat und warum „Sisi" nur einen Drohnenflug abbekam

von Christoph Silber

Die Wiener Satel Film entwickelt sich zunehmend zur Anlaufstelle für internationale Streaming-Dienste. Gemeinsam mit Windlight Pictures produziert sie nun die erste deutschsprachige Original-Serie für Starzplay, das Teil des kanadischen Medienkonzern Lions Gate ist. 

„Nachts im Paradies“ basiert auf der gleichnamigen Graphic-Novel von Frank Schmolke. Jürgen Vogel spielt darin einen vom Leben gebrochenen Taxi-Fahrer, dessen einziger Lichtblick seine Tochter ist. Sie verschwindet während des Oktoberfests, einer Zeit des Alptraums und der Bierzombies in München. Im Hauptcast sind u. a. noch Lea Drinda („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) und Burg-Schauspielerin Birgit Minichmayr („Schachnovelle“) vertreten.

„Dass wir nach der ersten österreichischen Netflix-Serie „Freud“ jetzt die erste deutsche Serie von Starzplay machen dürfen, ist natürlich schon etwas Besonders, sagt Satel-Film-Geschäftsführer Heinrich Ambrosch im KURIER-Gespräch. „Diese Geschichte ist ein echtes Juwel.“
 

Produziert wird sie gemeinsam mit der neuen Firma von Moritz Polter, zuvor Bavaria, mit dem Ambrosch bereits „Freud“ umgesetzt hatte. „Ich habe nach Projekten gesucht, die die Satel international aufsetzen kann. Das hat nichts damit zu tun, dass wir in Österreich nichts machen wollten. Aber es hatte sich gezeigt, dass man hier bei den Fördermöglichkeiten, speziell was Streaming betrifft, sehr schnell an eine Decke stößt.“ Umso wichtiger sei das nun von der Regierung angekündigte neue Steueranreizmodell für die Filmbranche. „Noch ist nichts in trockenen Tüchern. Sollte das aber tatsächlich für die Praxis tauglich umgesetzt werden, dann ändert das die Spielregeln massiv.“

Praktisch alle  Filmschaffenden sagten: Gut, dass es so kommt. Viele sagten aber auch: Es war höchste Zeit.

Anfang Juli verkündete die Regierung das lange diskutierte Anreizmodell für den Filmstandort Österreich. Für heimische und internationale Produktionen – egal, ob Kino, TV oder Streaming – ergeben sich nun viele neue Möglichkeiten. Vorgesehen ist ein Zuschuss in Höhe von 35 Prozent der in Österreich getätigten Ausgaben. 5 Prozent davon sind ein „Öko-Bonus“, wenn klimafreundlich gearbeitet wird.

Bemerkenswert ist, dass die hohen Fördersummen, die pro Projekt bis zu 5 Millionen Euro (bzw. 7,5 Mio. für Serien) gehen können, ungedeckelt sein sollen. Somit könnte kein Projekt, das die Voraussetzungen erfüllt, abgelehnt werden. 

Nötig ist noch die Ausgestaltung der Details, bei der sich die Stakeholder wenig Reibungsflächen leisten können, will man das Inkrafttreten am 1. Jänner 2023 nicht gefährden  – was in puncto Planbarkeit von entscheidender Wichtigkeit ist.

Peter Temel

Wertschöpfung

An „Nachts im Paradies“ könne man das sehr gut nachvollziehen. Denn obwohl die Geschichte in München spielt, wird in Berlin und in Belgien gedreht. „Denn hier stimmt für uns die Fördersituation und es gibt in Belgien mittlerweile auch die entsprechende Studio-Infrastruktur. Da hat die Politik verstanden, dass die Filmbranche eine Industrie ist, die hoch qualifizierte Arbeitsplätze schafft - und vor allem viele, weil sie sehr personalintensiv ist. Es ist gut, richtig und wichtig, dass Österreich gerade in dieser wirtschaftlich schwierig gewordenen Situation ein Ausrufezeichen setzt. Das lindert für Produzenten den Kostendruck und kann sehr viel Wertschöpfung ins Land bringen“, meint der 56-Jährige.

Nach „Freud“ kam bei der Satel Film, die im Vorjahr ihr 50-Jahr-Jubiläum beging, „Sisi“, ein ebenfalls zutiefst österreichisches Thema. „RTL+ wäre sehr interessiert gewesen, hier möglichst viel an Originalschauplätzen zu drehen. Denn das kann ein zusätzliches Asset sein in der Bewerbung einer Serie - was auch für die touristische Wertschöpfung im Nachhinein interessant ist. Aber aufgrund der Förder-Gegebenheiten bisher mussten wir davon Abstand nehmen. Lediglich die Flugaufnahme einer Drohne über Schönbrunn entstand in Wien“, erläutert Ambrosch. Nach dem Erfolg von „Sisi“ im Vorjahr entsteht nun Staffel 2 - in Lettland und Litauen.

Dass es in Österreich noch keinen Studio-Komplex gibt, ist für Ambrosch noch nicht so das große Problem. „Mit der Nachfrage wird auch das kommen. Es gibt ja auch die Möglichkeit zu kombinieren, etwa in Prag ins Studio zu gehen und in Österreich an Originalschauplätzen zu drehen.“

Ausbildungsschub

Was Ambrosch viel mehr unter den Nägeln brennt: „Das sieht man bereits in anderen Ländern, dass es aufgrund des Produktionsbooms für Serien Schwierigkeiten gibt, genügend Leute – Fachkräfte - zu finden, die die Ansprüche erfüllen können. Dazu müssen wir also die Leute in den verschiedenen Departments und für die nachgelagerten Gewerke ausbilden.“

Gemeinsam mit Terra Mater hat die Satel schon vor einem Jahr eine Ausbildungsinitiative gestartet und das International Screen Institute mit dem Sitz in Wien gegründet. Finanzielle Unterstützung kommt dafür von der EU. „Die ersten Kurse haben jetzt gerade auch in Wien stattgefunden. Da geht es um juristische Fragen, Audience-Design und Community-Building oder auch Green Producing. Das heißt, uns ist schon länger klar, dass es einer internationalen Ausbildung bedarf und wir diese in Eigenverantwortung intensivieren müssen“, erklärt der 56-Jährige

Serien-Pläne

Denn auch bei der Satel sind neue für Streamer taugliche Serien in Entwicklung, die tatsächlich in Österreich umgesetzt werden könnten. Angekündigt ist etwa „Mozart“, das vor allem auf den politischen Denker, der in dem Komponisten steckte, fokussieren soll. Kreieren soll die Serie Heinrich Ambroschs Bruder Martin, ein vielfach ausgezeichneter und deshalb viel beschäftigter Drehbuch-Autor. Schon weiter ist man dem Vernehmen nach bei „Vienna Game“, einem Projekt über den Wiener Kongress, das Satel-Produzentin Bettina Kuhn  gemeinsam mit Barbara Eder („Der Schwarm“) und Stefan Brunner („Freud“) entwickelt hat. Von Kuhn in der Schwebe ist zudem die Fortsetzung des TV-Thrillers „Wiener Blut“, der – mit Melika Foroutan und Harald Windisch in den Hauptrollen -  2019 in ZDF und ORF gelaufen ist. Auch von „Im Netz der Camorra“, das mit Tobias Moretti für ServusTV entstand, könnte es eine zweite Staffel geben. Darauf deutet jedenfalls die Förderzusage des Landes Südtirol hin. Die Butter aufs Brot liefern zudem die langlaufende TV-Serien/Reihen „Soko Donau“ oder auch „Die Toten von Salzburg“.

„Ich will nicht über ungelegte Eier reden. Ich kann aber soviel sagen: Wir planen einiges und ich glaube, die zweiten 50 Jahre der Satel werden noch besser als die ersten“, sagt Ambrosch mit einem Schmunzeln.

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