© Amazon/Constantin Television/Mike Kraus

Interview
05/11/2021

"Bahnhof Zoo"-Produzent Berben: "Pandemie war ein Brandbeschleuniger"

Der Co-Produzent der ROMY-nominierten Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ im Gespräch über die Neuauflage und die Situation der Filmbranche.

von Nina Oberbucher

Mit „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erschien Anfang des Jahres die Neuerzählung eines Klassikers bei Amazon Prime Video. Nun ist die Serienadaption der Geschichte von Christiane F., deren Schicksal seit Ende der 70er Millionen bewegte, für zwei Branchen-ROMYs nominiert (in den Kategorien „Bestes Buch TV/Stream“ und „Beste Kamera TV/Stream“).

Oliver Berben, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Constantin Film, ist Co-Produzent der Serie.

KURIER: Wie entstand die Idee, eine Serie zu „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ zu machen?

Oliver Berben: Die Idee kam einerseits von der Autorin Annette Hess, mit der ich schon lange zusammenarbeiten wollte. Ich habe sie gefragt, was für eine Serie sie gerne schreiben würde, wenn sie es sich aussuchen könnte. Und sie sagte, was sie über alle Maßen begeistern würde, wäre „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Das hat sich gut getroffen, weil ich damals mit den Journalisten Horst Rieck und Kai Hermann (die Autoren des Buches, Anm.) bereits Kontakt aufgenommen hatte, ob sie interessiert wären, sich noch einmal mit dieser Thematik zu beschäftigen. Sie haben uns alle Tonbänder und Notizen, die sie noch hatten, zur Verfügung gestellt. Aus dieser unglaublichen Menge an Recherchematerial konnten die Autoren rund um Annette Hess dann schöpfen, um diese Serie zu kreieren.

Manche Charaktere sind fiktiv. War es schwierig, die Originalpersonen dazu zu überreden, zuzustimmen?

Dass Figuren fiktiv sind, hat weniger damit zu tun, dass das der- oder diejenige nicht wollte, sondern damit, dass wir den Autoren die Möglichkeit geben wollten, frei ihre Version der Geschichte zu erzählen. Aber natürlich haben wir uns im Vorfeld das Einverständnis von Christiane Felscherinow geholt und wir waren im Austausch mit den beiden Journalisten.

Wir haben jetzt mehr als ein Jahr Pandemie hinter uns. Wie war dieser Zeitraum für die Constantin Film?

Es war das wahrscheinlich außerordentlichste Jahr – wie für alle Menschen. Ein großer Teil unseres Geschäfts hat nicht funktioniert, da Kinos geschlossen waren und es auch immer noch sind. Auf der anderen Seite gab es eine irrsinnige Nachfrage im Streaming und im Fernsehen. Gleichzeitig besteht die Problematik des Nachschubs, weil die Produktion der Filme mit Beginn der Pandemie zeitweise komplett zum Stillstand gekommen war.

Wie viele Produktionen waren bei Ihnen betroffen?

Bei uns waren es über 20 Produktionen, die wir 2020 mitten in der aktiven Produktion herunterfahren oder verschieben mussten. Nach dem ersten Lockdown im März haben wir relativ früh, im April, mit einigen Produktionen vorsichtig wieder angefangen, lagen aber etwa im Bereich von 10 Prozent. Über den Sommer hat es sich dann etwas stabilisiert. Die Kollegen aus Österreich waren da aber viel weiter und haben recht zügig einen Ausfallfonds auf die Beine gestellt, der es ermöglicht hat, weiter zu produzieren. In Deutschland hat das viel länger gedauert. Hier wurde erst Ende des Jahres ein erster Ausfallfonds etabliert.

Also kein leichtes Jahr.

2020 war für niemanden ein leichtes Jahr, ich glaube allerdings auch, dass dieses Jahr ebenso nicht einfach wird. Die Pandemie ist nicht vorbei. Und auch, wenn es sich verändert, werden wir in allen Bereichen immense Folgen spüren: Angefangen beim dauerhaften Schließen von Kinos, weil sie die lange Zeit nicht überstehen konnten, bis zum Aufstauen von Produktionen, die ja irgendwann rauskommen werden oder gedreht werden müssen. Die Folgen werden uns noch jahrelang begleiten.

Welche langfristigen Veränderungen wird es in der Branche geben?

Ein paar Dinge, die vorher schon absehbar waren, passieren jetzt schneller. Ich beziehe mich auf Deutschland, aber ich glaube, das wird auf Österreich in ähnlichem Maße zutreffen. Wir wissen schon länger, dass sich für viele Produktionen die Herausbringung im Kino in dieser Form nicht mehr gelohnt hat, ebenso die festgelegten Fenster für Kino, Home Entertainment, etc. Da hat die Pandemie wie ein Brandbeschleuniger agiert. Der rasante Aufstieg der großen Player im Bereich Streaming in sehr kurzer Zeit hat allerdings natürlich auch damit zu tun, dass die Menschen zu Hause sind und nichts außerhalb unternehmen können.

Wird das nach der Pandemie also wieder zurückgehen?

Nein, das glaube ich nicht. Die Menschen gewöhnen sich sehr an Dinge und auch an einen gewissen Luxus: dass sie nach Hause kommen, sich hinsetzen und nicht noch mal aufstehen und irgendwohin gehen müssen. Ich denke schon, dass hier etwas von den veränderten Gewohnheiten bleiben wird. Das sehen Sie auch an den Reaktionen der großen Studios in den USA und wir stellen uns genauso darauf ein: Es wird eine nachhaltige Veränderung geben. Wie jede Veränderung könnte hier auch eine große Chance für viel Positives liegen. Trotzdem werden die Menschen genauso wieder ins Kino gehen, wenn sie dann dürfen.

Eine Entwicklung, die Sie vor ein paar Jahren in einem Interview angesprochen haben, ist der Trend der Kurzform-Serien. In diesem Zusammenhang haben Sie auch die Streamingplattform Quibi genannt, die sich auf Mini-Serien fürs Handy spezialiseren wollte – was sich aber wieder schnell erledigt hat. Ist die Kurzform in der Pandemie doch nicht so gefragt?

Quibi wurde zum Ende des Jahres 2020 abgeschaltet, ist aber eben nur eine von sehr vielen technischen Plattformen. Shortform hat sich damit natürlich nicht erledigt. Bei uns ist gerade eine Serie nach Ferdinand von Schirach entstanden, „Glauben“ für TVNow, die zur Kategorie "Shortform" zählt. Da sind die Folgen zwischen 25 und 30 Minuten lang. Auch wenn man auf die "traditionellen" Streamingservices schaut, sieht man diese Tendenz. Die Folgen werden teilweise eben auch kürzer, aber auch die Anzahl der Episoden schwindet. Das hat einfach mit der Menge an Content zu tun. Irgendwann haben die Leute keine Zeit mehr, sich für drei Monate auf sechs Staffeln á 10 Folgen einzulassen. Das heißt nicht, dass es das nicht mehr geben wird. Es wird beides existieren.

Was gerade boomt, sind Podcasts und Audio-Formate. Bei „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gibt es auch eine Audio-Doku bei Audible. Ist das etwas, das man mittlerweile mit einer Serienproduktion mitdenkt, oder hat sich das in diesem Fall einfach so ergeben, weil Audible zu Amazon gehört?

Nein, das hat sich nicht zufällig ergeben, das denken wir mit und zwar mittlerweile in allen Bereichen. Ich habe ja gerade schon von der Serie „Glauben“ nach Ferdinand von Schirach erzählt und da entstehen auch ähnliche Begleitprodukte, die natürlich themenabhängig sind. Mich begeistern oft Geschichten, die eine gesellschaftliche Bedeutung haben und da bietet es sich an, den Zuschauern zusätzliches Material zur Verfügung zu stellen. Bei uns geht es so weit, dass wir einen eigenen Bereich haben, der sich um sogenannte programmbegleitende Maßnahmen kümmert – also Dokumentationen, Reportagen, Biografien oder Audiobooks.

Wo wird sich die Constantin abgesehen von Kurzform und Audio hinentwickeln? Gibt es noch andere Trends?

Die Constantin Film wird als umfassendes Content House genau den Weg weitergehen, den sie eingeschlagen hat. Das bedeutet, dass wir für jede Auswertungsform in jedem Bereich Produkte herstellen werden. Die Möglichkeiten der Auswertungen verschmelzen, es kommen mehr Services auf den Markt und die Nachfrage des Publikums steigt, wobei auch interessant ist, dass die Menschen, die sich teilweise von klassischen Sendern nicht mehr angesprochen gefühlt haben, bei den Streamingdiensten wieder ein "Zuhause" haben. Es ist also nicht zwangsläufig so, dass die einen den anderen etwas weggenommen haben. Und es wird sozusagen "spartifizierter", die Zielgruppen werden definierbarer. Das lineare Fernsehen als sogenanntes "Lagerfeuer-Programm", bei dem alle zusammenkommen, ist toll und ist weiterhin wichtig und existent – aber das stärkere Wachstum entwickelt sich zukünftig in einem anderen Bereich. 

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