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Kultur
11/11/2018

Der Duft der neuen Serien-Welt

Oliver Berben, TV-Vorstand der Constantin Film, über "Parfum", "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und Kurz-Formate als Trend.

von Christoph Silber

Nach "Die Protokollantin" steht mit der High-End-Produktion "Parfum" (14. 11., ZDFneo) die nächste Serien-Premiere der Constantin Film an. Vorstand und Produzent Oliver Berben über den deutschsprachigen Markt, internationale Produktionen und warum die Serien-Zukunft kurz ist. 

KURIER: Dass mit "Das Parfum" einen Buch-Bestseller und Film-Hit als Serien-Inspiration genommen wurde, hat große Erwartungshaltung geweckt. Ist "Parfum" ein Hochrisiko-Projekt?

Oliver Berben: Ich liebe das Risiko. Aber im Ernst: Es ging hier gar nicht so sehr darum, „Das Parfum“ einfach nochmals und dann als Serie zu verfilmen. Das hätte ich nicht als inspirierend empfunden, zumal ich Buch und Film sehr, sehr schätze. Die Ausgangsfrage war vielmehr, was hat das Buch mit den Menschen gemacht, die es gelesen haben? Was ist, wenn das, was Jean-Baptiste Grenouille in Patrick Süskinds Werk erlebt, mit den heutigen wissenschaftlichen Mitteln möglich würde. Was, wenn man also tatsächlich Düfte kreieren könnte, die Menschen manipulieren? Eva Kranenburg, die ich an der Drehbuchwerksatt München entdecken durfte, schrieb dann alle sechs Folgen– sie hat schon beim ersten Gespräch diesen Gedanken dahinter begriffen und hervorragend umgesetzt. 

Die Geschichte von „Parfum“ spielt im Jetzt und den 1990ern. Diese Zeitsprünge sind optisch bemerkenswert umgesetzt.

Das war für uns ja auch eine Hauptsache. Es ging einerseits um die Ästhetisierung des Ganzen und um die beiden Zeitebenen auf der anderen Seite. Ich habe mit Regisseur Philipp Kadelbach etwa zwei Monate vor dem Drehstart darüber zu diskutieren begonnen, wie wir diese Geschichte visuell nochmals auf eine andere Ebene heben könnten. Ich wollte dafür eine Technik probieren, die es zuvor noch nicht gab: Wir haben das Heute mit einer Alexa 65 auf 70 mm gedreht, wobei die Datenrate nicht halbiert ist. Und das haben wir kombiniert mit dem jetzt nostalgisch wirkenden Super16mm-Filmmaterial, was in den 1980er und frühen 1990er Jahren, als das Buch „Das Parfum“ herauskam, die Top-Technik war.

Parfum

Was kommt als nächstes?

Im Jänner folgt, sehr bayerisch und sehr lustig, „Bier Royal“. Dieses Projekt ist, übrigens genauso wie „Die Protokollantin“ es war, weiblich dominiert von der Regie, über Drehbuch bis hin zu den Hauptrollen mit Gisela Schneeberger und Lisa Maria Potthoff. Erfreulich ist, dass auch ein österreichischer Cast, zum Beispiel Robert Palfrader, vertreten ist. Diese Serie ist ganz anders als traditionelle Komödien geworden, sehr viel bissiger und böser, was Ihr in Österreich ja sehr viel besser könnt. 

Und wie steht es um Neu-Entwicklungen? 

Da haben wir einen ganzen Satz an Projekten, über die wir grundsätzlich erst sprechen, wenn es soweit ist. Aber eine der größeren Produktionen wird „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sein, die im nächsten Jahr an den Start gehen wird. Die Entwicklung läuft über Annette Hess („Ku’damm 56“) als Showrunnerin – zusammen mit fünf Autorinnen schreibt sie seit eineinhalb Jahren an den Büchern. Und das, was vorliegt, verspricht schon eine ganze Menge  

Wie wichtig ist bei Ihren TV-Projekten der internationale Markt?

Die Constantin ist seit jeher international aufgestellt. Wir sind das einzige deutsche Unternehmen, das in den USA für den US-Markt produziert. Das war beispielweise zuletzt die Fantasy-Serie „Shadowhunters“. Im internationalen Bereich fokussieren wir uns nun auf die großen Marken, wie beispielsweise „Smilla´s Sense of Snow“ oder auch auf den Video-Spiel-Bereich. Dazu gehört beispielsweise „Resident Evil“. Hier sprechen wir von wirklich großen internationalen Produktionen. Diesbezüglich haben wir durch unseren Kino-Bereich schon sehr viel Erfahrung. In den USA zu produzieren läuft anders als in Deutschland oder Österreich

Wie sehen Sie den deutschsprachigen Raum positioniert?

Die Entwicklung ist bemerkenswert: Deutschsprachige Produktionen haben heute durch die Plattformen ganz andere Möglichkeiten. Die High-End Serie „Parfum“ ist da ein ganz gutes Beispiel: Sie läuft im deutschsprachigen Raum bei ZDFneo, ZDF und ORF, aber startet zeitgleich über Netflix in 200 Ländern. Der internationale Markt ist also auch dahingehend viel wichtiger als in der Vergangenheit.

Verführt das zum Schielen auf eben diesen Markt?

Ich glaube, dass der klare Fokus auf die lokalen Geschichten im deutschsprachigen Raum extrem wichtig ist. Wenn man versucht, amerikanische Formate zu kopieren oder Produktionen darauf ausrichtet, dass sie sich möglichst überall auf der Welt verkaufen, dann geht das selten gut aus. Aber umso lokaler und erfolgreicher eine Produktion im jeweiligen Land ist, umso stärker wird die Aufmerksamkeit im Ausland. Das ist durch die neuen Vertriebswege der Streamer sehr viel einfacher möglich, als das früher über die klassischen Wege des Weltvertriebs der Fall war.  

Wir reden ständig von Serie, Serie und Serie – droht da nicht bald eine Übersättigung der Konsumenten?

Es wäre gefährlich, würden wir uns bei Constantin nur noch auf Serien konzentrieren. Eine gewisse Form der Übersättigung gibt es tatsächlich schon– allerdings nur in bestimmten Bereichen. Heute hat man durch das Streaming eine ganz andere Möglichkeit, breitere und größere Zielgruppen zu erreichen im Gegensatz zum traditionellen Fernsehen. Insofern ist da auch noch Luft für das richtige Programm.  

Was sind die auffälligsten Trends im Serien-Bereich?

Es gib zwei bemerkenswerte Entwicklungen: Das Ziel ist nicht mehr nur, Serien zu produzieren, die möglichst viele Staffeln haben. Im Gegenteil, das Interesse der Zuschauer und damit auch jenes der Plattformen liegt sehr viel mehr auf Mini-Serien, die also Geschichten abgeschlossen erzählen. Man muss dann nicht mehr zehn Stunden durchhalten, um sich das Ende gönnen zu können. Diese Formate – zwar mehrteilig, aber nicht beliebig lang – finden sehr viel stärkeres Interesse. Und dann gibt es noch eine Entwicklung, die in Kontinental-Europa noch gar nicht angekommen ist: die Shortform-Series. 

Was ist darunter zu verstehen?

Das sind Formate, die hochklassig produziert werden, deren Folgen aber nur mehr 15 bis 20 Minuten dauern. Ein bekanntes Beispiel ist von Channel 4, „The End of the F***cking World“. Es ist eine Dramedy-Serie basierend auf einer Comic-Reihe und in Deutschland und Österreich auf Netflix zu sehen. Die Folgen sind hier nur zwischen 18 und 21 Minuten lang. Keine Low-Budget-Webserie, sondern eine Produktion, die im Hochbudget-Bereich angesiedelt und aufwändig gemacht ist.  Trotzdem ist es Short-Form-Content. In den USA bekommt das starken Zulauf von Konsumenten und Produzenten.  

Warum?

Das hat auch mit der Zeit zu tun, die die Menschen fürs Fernsehen noch zur Verfügung haben. Es wollen immer mehr in einem überschaubaren Zeitraum den Content konsumieren können. Ich bin davon überzeugt, dass das stark zunehmen wird. 

Ist das der Gegenentwurf zum Binge Viewing oder arrangiert man sich da mit den immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen?

Ich meine weder noch – sie können ja auch kurze Formen bingen. Es hat schlicht mit der für den Bewegtbild-Konsum verfügbaren Zeit zu tun – wieviel Zeit hat ein Mensch dafür, wenn er arbeitet, eine Familie hat, soziale Kontakte pflegt? Ein Single, der studiert, besitzt sicher mehr Zeit. Aber dieser Trend kommt gerade breit in der Gesellschaft an und ich glaube, dass solche Serien sehr erfolgreich sein können. Nicht zuletzt hat jüngst Jeffrey Katzenberg eine Shortform-Video-Plattform („Quibi“, Anm.) bekanntgegeben, in die eine Milliarde Dollar gesteckt werden. Wie so oft entsteht ein Trend in den USA. Aber wir bei der Constantin haben ebenfalls bereits sehr massiv begonnen, in diesem Bereich zu investieren und dafür zu entwickeln.