ORF-Wissen-Chef Matzek: „Sind keine Lehrer, sondern Wissensdienstleister“
ORF2-Doku-Premiere „Die Bomben des Franz Fuchs“: Neue Einblicke von FPÖ-Ideologen Mölzer, Psychiater Haller, Ex-Minister Schlögl.
Ein Kriminalfall, der die Republik erschüttert hat. Verübt von jemandem, der aus der sogenannten gesellschaftlichen Mitte kam: „Menschen & Mächte“ greift mit der Doku „Die Bomben des Franz Fuchs“ (Mittwoch, 22.30 Uhr, ORF 2) das nun wieder aktuelle Thema rechter Gewalt in Österreich auf. Beginnend im Dezember 1993, forderte die fremdenfeindlich motivierte Briefbombenserie vier Todesopfer und verletzte 15 Personen teilweise schwer.
Es ist die Geschichte einer Radikalisierung, die eng mit der FPÖ von Jörg Haider verbunden ist, aber auch eine von Ermittlungsfehlern. Die Gestalter Georg Ransmayr und Gregor Stuhlpfarrer rollen den Fall, der noch immer Fragen aufwirft, im True-Crime-Stil auf, den Streaming-Portale populär gemacht haben.
„Mit dieser Erzählform kann man sehr gut politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen verknüpfen“, sagt Hauptabteilungschef Tom Matzek. Und das ist auf den boomenden Plattformen – ob nun ORF On oder Youtube – gefragt.
Inhalt vor Ausspielweg
Mediennutzung findet heute anders statt. Die Reichweiten beim linearen TV und Radio gehen zurück, Streaming ist selbstverständlich, Social Media boomt. Während andere Bereiche im ORF, etwa die Kultur, diesen Wandel noch vor sich haben, hat man sich bei ORF Wissen darauf eingestellt – in der Struktur, im Zugang und in der Machart. „Das Wesentliche für uns ist die thematische Kompetenz“, sagt Matzek. „Welcher Ausspielweg, das ist erst der zweite Gedanke. Diese Herangehensweise hat sich schnell etabliert.“
Gründung
ORF Wissen wurde als multimediale Hauptabteilung im Juni 2024 geschaffen. Dazu wurden die Ö1-Wissenschaftsabteilung und die TV-Hauptabteilung Bildung, Wissenschaft und Zeitgeschehen fusioniert. Für etwa 30 lineare Sendeleisten in Radio und TV produziert man jährlich 1.600 Stunden an Programm.
Vor allem die TV-Dokus werden auch in Spartenkanälen wie ORF III (etwa 200 Stunden) und 3 sat (400 Stunden) eingesetzt. Für ORF Wissen arbeiten fast 100 Fachjournalistinnen und Journalisten sowie drei Dutzend Expertinnen und Experten.
In der Praxis führt das zum crossmedialen Arbeiten. „Bei ,Universum Nature‘ oder ,Universum History‘ ist es inzwischen selbstverständlich, dass das nicht nur als TV-Doku-Format stattfindet“, erläutert Matzek. Anlässlich einer Folge zu „40 Jahre Tschernobyl“ ist etwa der Umstand, dass Wölfe dort nicht Krebs bekommen, zur Info-Geschichte quer durch die ORF-Kanäle geworden.
Zu diesen gehört auch immer stärker Social Media. „Inhalte von ORF Wissen kommen da besonders gut an, weil sie häufig Constructive Journalism darstellen“, so Matzek.
Während erfahrene Fachjournalisten inhaltliche Tiefe garantieren, arbeiten jüngere Redaktionsmitglieder an ZiB Insta, Faktenchecks auf ZiB Tiktok oder „ZiB erklärt“ auf Youtube. Jüngstes Beispiel ist dafür eine Kooperation mit Ö1-„Moment“ über Rassismus.
Polarregion im Fokus
Um den 23. Juli steht nun ein Großprojekt an: ORF Wissen berichtet umfassend und multimedial vom ersten österreichischen Forschungssommer auf Grönland. Dort, wo vor gut 150 Jahren Julius von Payer und Carl Weyprecht zu ihrer Expedition gestartet sind. Eine Woche lang gibt es Live-Einstiege und Beiträge in TV, Radio und Online. Höhepunkt ist ein Ö1-„Arktis-Tag“, der ganz im Zeichen der für Klima, Natur und Geopolitik relevanten Polarregion steht.
„Ich habe die Multimedialität nie als ökonomisches Modell prioritär gesehen, sondern als eines, das Wissen erhält, durch Recherchen erweitert und auf vielfältige Weise nutzt“, betont Matzek, der die Hauptabteilung seit zwei Jahren mit der langjährigen Ö1-Wissenschaftsjournalistin Gudrun Stindl leitet.
Sendungen & Co
Das Spektrum geht von Kurzbeiträgen in Ö1-Journalen und „ZiBs“ über Fach- und Langformate (z. B. „Dimensionen“, „Mayrs Magazin“) bis hin zu Diskussionssendungen (z. B. „Stöckl“) und international co-produzierten Hochglanz-Dokus („Universum“).
Dazu kommt online noch science.orf.at.
Zugeliefert wird zudem an ZiB Insta, ZiB Tiktok und „ZiB erklärt“ auf Youtube sowie an eigene Plattformen wie orf.at, ORF On, ORF Sound sowie Edutub, einer Kooperation mit dem Bildungsministerium.
Apropos Vielfalt: Ein Problem stellt inzwischen die aktuelle Gesetzgebung dar, die nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Innovative und kostengünstige Online-only-Formate, wie das international ausgerollte Naturbeobachtungsprojekt „Universum Live“ oder die Debattenplattform „Science Arena“, dürfen ohne lineare Ausstrahlung (etwa auf ORF III oder Ö1) nicht auf ORF On zur Verfügung gestellt werden. „Ich würde mir schon wünschen, dass hier die Möglichkeiten verbessert werden. Momentan kann man gar nichts machen.“
Youtube-Stars als Zukunftsszenario
Matzek verweist hier auch auf den Marketing-Effekt und nennt Beispiele wie „MrWissen2go“, Mirko Drotschmann, oder Mai Thi, die als „TerraX“-Anchor auch Youtube-Stars sind. „Das bedarf einer langen Aufbauarbeit. Aber die beiden wirken natürlich auf die Marke zurück.“
Und das wird durch die zunehmende digitale Mediennutzung immer relevanter. Denn das große Thema hier: die Auffindbarkeit von Content. Matzek: „Bislang investieren wir 80 Prozent an Aufwand und Budgets in die Programmproduktion und 20 Prozent in Bewerbung. Das wird wohl in Zukunft umgekehrt sein.“ International sei es schon so. „Das Publikum findet uns sonst nicht.“
Diskurs und Kontext statt Konflikte
Und das wäre angesichts der besonders via Social Media geschürten Wissenschaftsskepsis fatal. „Wobei ich Skepsis als Journalist ja prinzipiell gut finde“, sagt Matzek. „Wir sind ja keine Lehrer, die dozieren, sondern wir sind Wissensdienstleister.“
Bei der Vermittlung von Bildung und Wissenschaft setze man deshalb auf Transparenz, Diskurs und Kontextualisierung. „Ein Modell, wie wir in der Gesellschaft eigentlich miteinander umgehen sollten“, meint der ORF-Hauptabteilungschef.
Im Anschluss an die Doku-Premiere zu sehen ist die Wiederholung von „Im Schatten der RAF“
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