Die Ibiza-Affäre - S1

Nicholas Ofczarek in der vierteiligen Serie "Die Ibiza Affäre"

© © Sky Deutschland/W&B Television/epo film/Petro Domenigg / © Sky Deutschland/W&B Television/epo film/Petro Domenigg

Interview
10/29/2021

"Die Gier lässt uns blind werden" - Ofczarek über Ibiza und die Politik

Der Schauspieler aus der neuen Sky-Serie "Die Ibiza-Affäre" zeigt sich fassungslos und ernüchtert von der österreichischen Politik.

von Peter Temel

Nicholas Ofczarek hat sich neben seiner Theaterkarriere in den letzten Jahren ein zweites Standbein aufgebaut: Als prägnanter Darsteller und zugkräftiger Star in hochwertigen Serien-Produktionen wie "Braunschlag", "Altes Geld" oder "Der Pass". Mit seiner Gestaltung der Rolle des Julian H. in der vierteiligen Sky-Serie "Die Ibiza-Affäre" hat Ofczarek einen neuen Höhepunkt in dieser Sparte erreicht.

„Wir erzählen keine Heldengeschichte“, sagt Ofczarek im KURIER-Interview, „eigentlich haben wir es nur mit Verlierern zu tun." Der Burg-Schauspieler zeigt sich fassungslos und ernüchtert von der österreichischen Politik.

 

KURIER: Wie haben Sie reagiert, als man Sie gefragt hat, ob Sie in einer Serie über die Ibiza-Affäre mitspielen wollen?

Nicholas Ofczarek: Die Frage ist ja: Was will man erzählen?  Wie wird man dem Thema gerecht? Wie bleibt man authentisch? Wie kann das trotzdem noch einen Humor haben? Und dann kriegt man das Buch. Man sieht Qualität und Hirn, man erkennt, dass die Wertung dem Zuschauer überlassen wird. Dann freut man sich.

Julian H. ist eine Figur, mit der man wahrscheinlich mehr spielen kann als mit einem Heinz-Christian Strache, weil er der Öffentlichkeit nicht bekannt ist. Wie haben Sie sich den erarbeitet?

Ich habe mir überlegt, ob ich ihm schreibe oder ob ich mach Berlin fliege und ihn im Gefängnis besuche. Letztlich kann ich nur mit dem arbeiten, was im Buch steht. Was anderes ist sinnlos. Es ist nicht meine Aufgabe, Herrn Hessenthaler nachzuerzählen. Wir werden nie wissen, wie Herr Hessenthaler tickt. Das ist aber auch das Interessante, wenn man nicht klar darlegt, wer der Mann ist. Und wenn es weiter ein bisschen rätselhaft bleibt.

Was hätte Sie bei einem Gespräch mit Julian H. interessiert?

 

Mich hätte interessiert, wie der ist, was er für ein Energielevel hat, wie sehr der Dialekt spricht, ob er verschlossen ist. Ich habe auch überlegt, ihm zu schreiben. Aber ich fand dann: So viel bringt das auch nicht.

Weil er Ihnen vielleicht nur seine Sicht auf die Dinge vermittelt hätte, die gar nicht stimmt?

Letztlich muss es für ihn stimmen. Ich bin Anwalt der Figur, die ich spiele, und der muss ja für sich Recht haben. Ich habe nicht den Auftrag, auch eine Kritik an seiner Moral mitzuspielen, die Figur muss im Recht sein. Das ist mir als Schauspieler klar, egal was ich spiele.

Stichwort Moral – welche Motivation hat Julian H. angetrieben?

Im Nachhinein sagt er, er hat es getan, weil es notwendig war. Ich weiß nicht, wann er zu dieser Erkenntnis gekommen ist. War die zu Beginn schon da? Weil es notwendig war, politisch etwas zu verändern? Oder ging es zunächst nur um eine mögliche Geldquelle? Dass sich die Rechtfertigung für eine Motivation ändert, ist jedenfalls zutiefst menschlich. Da kommt plötzlich eine hehre Absicht dazu. Dann verselbstständigen sich die Dinge und die Dinge entgleiten auch mitunter. Wir werden nie wissen, wie es war. Man bildet eine mögliche Realität möglichst realitätsnah ab. Das ist immer dieselbe Aufgabe als Schauspieler.

Man könnte sagen, Ihr Julian H. hat gewisse schlawinerhafte Züge. Wie gewährleistet man, dass das nicht ins Karikaturhafte abgleitet?

Damit es einen Humor hat, muss man‘s ja immer ernst nehmen. Aber das Buch ist auch so geschrieben, das ist weniger meine Interpretation.

Sie haben sich wie viele Österreicher sicher eingehend mit der Affäre beschäftigt. Wie hat sich durch die Dreharbeiten Ihr Blick auf diese Vorgänge geändert?

Man ist schon fassungslos. Was da hinter den Kulissen läuft und wie um Status und Machterhalt oder Machterlangung spekuliert wird, hat mich jetzt nicht überrascht. Aber das es so offenkundig und so profan ist mitunter, ist schon erschütternd. Das ist wirklich schlimm. Und ich glaube, das geht durch alle Couleurs. Es ist ja nicht der erste Skandal in diesem Land. Da gibt es schon derer viele, was möglicherweise mit der Kleinheit dieses Landes zu tun hat. Wie wahrscheinlich die meisten von uns, und zwar durch alle Couleurs.

Anmerkung: Das Interview wurde vor der aktuellen Regierungskrise rund um Hausdurchsuchungen im Umfeld der ÖVP geführt.

Aber diese Erkenntnis, die sie gewonnen haben und auch das Land und auch das Ausland, rechtfertigt das zu hundert Prozent die Herstellung des Ibiza-Videos?

Ich finde, ein hehres Ziel sollte man nicht mit illegalen Mitteln erlangen. Aber diese Frage ist sehr komplex. Für mich kommt es jedenfalls nicht in Frage. Weil man letztendlich nur verliert, meiner bescheidenen Lebenserfahrung nach. Es kommt alles zurück. Es geht sich nicht aus.

Meinen Sie auch, dass es hier nur Verlierer gibt?  Bei unser Geschichte gibt es nur Verlierer. Letztlich ist das ja strafrechtlich nicht relevant, aber moralisch stimmt da ganz viel nicht. Die beiden Herren sind ja strafrechtlich bisher nicht belangt worden. Hessenthaler sitzt ja aus einem ganz anderen Grund vor Gericht, ihm wird Drogenhandel vorgeworfen.

Es hängt vieles mit vielem zusammen und Ibiza ist ja ein Sinnbild für das, was in den Hinterzimmern passiert.

Das hat oft sehr, sehr viel mit persönlicher Befindlichkeit zu tun. Der Status, die Bekanntheit scheint tatsächlich wichtiger zu sein als der politische Inhalt. Ich glaube, das geht auch durch alle Couleurs.  

Was kann die Serie mit filmischen Mitteln erreichen?  

Eine Serie hat in erster Linie den Auftrag zu unterhalten, auch im intellektuellen Sinn. Im besten Fall kann man die Aufmerksamkeit erhöhen und die Achtsamkeit erhöhen. Ich glaube nicht, dass es die Aufgabe von einem Film ist, die Welt zu verändern. Man kann nur Mechanismen aufzeigen. Nachdenklich machen im besten Fall. Mir ist schon ein bisschen anders worden. Nachdem ich vom Schauspieler wieder zum Betrachter geworden bin. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger emotional bist du angebunden. Dann wird dir schon anders. Wenn du siehst, wie inhaltlich visionslos die Politik ist, wie profan das letztlich alles ist.

Man hat dadurch einen Blick auf die Hinterzimmer erhaschen können, durch gewisse technische Möglichkeiten. Glauben Sie, dass das nachhaltig etwas verändert in der Politik oder an der Politikverdrossenheit, oder dass das schwer umkehrbar ist?

Also ich bin ich schon ein wenig politikverdrossen. Hat sich bisher etwa so viel verändert? Ich bemerke das nicht. Ich finde auch, dass diese Pandemie eine große Kompetenzlosigkeit offenbart. Das ist schon auch eine Kompetenzkrise. Aber letztlich ist das auch eine Chance. Nur weiß ich nicht, ob die Akteure dazu fähig sind, sie zu nützen.  

Wie ist es Ihnen auf Ibiza gegangen, am Originalschauplatz zu drehen?

Ich war erstaunt, wie klein das alles ist und wie einfach und profan. Das war ja keine Villa. Das sind fünf Garagen, die an einander gebaut waren und dann durchgebrochen wurden. Also irgendwo am Berg. Kein Blick aufs Meer. Also sehr einfach und sehr klein. Will einen Anschein von Luxus erwecken. Das war auch das erste Mal, dass diese „Villa“ angemietet wurde, das ist gerade erst umgewidmet worden. Da war im Gartenbereich noch Baustelle, die schnell aufgeräumt werden musste. Deshalb wahrscheinlich auch der Dreck unter den Fußnägeln bei der Oligarchin. Die haben bis zehn Minuten, bevor der Strache gekommen ist, im Außenbereich aufgeräumt.  Also auch vor Ort war eine ungeheure Profanität zu bemerken. Ich hab‘ mir gedacht: Wie konnte der überhaupt darauf herreinfallen? Wie groß muss die Gier oder der Alkoholisierungsgrad gewesen sein?  

Oder war der Julian H. so gut in seiner Rolle? 

Der musste glaube ich nicht so gut sein. Das ist noch schlimmer. Er hat ja schon früher versucht, den Gudenus beim Drogenkonsum aufzunehmen, da hat er vergessen, Chipkarten in den Kameras einzulegen. Also ob der politische Anschlag wirklich so raffiniert war, wie Herr Strache behauptet, bezweifle ich. Die Profanität der ganzen Unternehmung, verglichen mit den Auswirkungen: Das ist schon ein Gefälle, das enorm ist. Sehr ernüchternd.  

SKY-SERIE ZUR "IBIZA AFFÄRE"AB 21. OKTOBER ZU SEHEN

"Wenn du einen Plan B hast, ziehst du in Betracht, dass der Plan A nicht funktioniert"

Regisseur Christopher Schier hat gesagt, er fand an der Geschichte faszinierend, dass es so viele Fallstricke gab, und alle haben sie überwunden. Rein dramaturgisch wirkt das ja wie ein Prinzip, das den Strache einfach nach unten gezogen hat.  

Die Gier lässt uns schon blind werden. Und wenn es die Gier nach Anerkennung ist, die Gier nach Einfluss. Das lässt einen mögliche Fallstricke, die man eh sieht, verdrängen. 

Wer von diesem Duo ist Ihrer Meinung nach eher der, der die Ideen entwickelt, wie man die Politiker verführen kann. Was man tun muss, um denen etwas vorzugaukeln?

Wir erzählen keine Heldengeschichte. Eigentlich haben wir es nur mit Verlierern zu tun. Das Ernüchternde daran: Geniale Masterminds sind wahrscheinlich beide nicht. Da hat sich was verselbstständigt, über Jahre. Für mich ist diese Profanität das Schlagende an der ganzen Sache. Mit perfekter Inszenierung hätt’s vielleicht gar nicht funktioniert.

Oder wie es in der Serie heißt: "Wenn ich einen Plan B habe, funktioniert Plan A sicher nicht. "

Das stimmt ja auch, wenn du einen Plan B hast, ziehst du in Betracht, dass der Plan A nicht funktioniert. Haben wir hier eine Geschichte von insgesamt halbguten Hochstaplern, die darauf vertrauen, dass die anderen noch blöder sind? Wahrscheinlich. Das sorgt für ein dramatisches Gefälle. Lauter Wappler. Aber damit ist man vielleicht näher an der Realität, als man glaubt.

Wenn man sich zu sicher ist, dann kommt oft der Fall in der Politik. Das zieht sich in den letzten zwei Jahrzehnten wie ein roter Faden durch die FPÖ. Es sind aber noch immer Politiker an der Macht, die, offenbar glauben, dass mit ihnen nichts Vergleichbares geschehen kann. Aber glauben Sie, dass die auch verwundbar sind?

Natürlich. Aber wer ist nicht verwundbar? Die Frage ist ja: Wie kommst du da hin? Da müssen Politiker jeglicher Couleur sehr viele Kompromisse eingehen, sehr oft die eigene Vision beiseiteschieben. Und damit machst du Fehler, damit bist du verwundbar. Mich fasziniert ja, wie viele Narzissten es gibt, nicht nur in der Politik. Das hat auch mit einer gewissen Empathielosigkeit zu tun. Sie sind aber sehr gut darin, eine scheinbare Empathie herzustellen in der Außenbetrachtung. Ich finde auch als Schauspieler interessant, wie solche Menschen ticken, wie solche Strukturen funktionieren. Für wirkliche Visionen ist da wenig Platz. Sehr oft geht es nicht um tatsächliche ideologische Inhalte oder philosophische Inhalte, sondern um persönliche Befindlichkeiten.  

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