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Leitartikel
10/16/2021

Ibiza, Chats etc.: Serienstart und Serienstaat

Einst galt Österreich als Operettenstaat. Viel zu lieblich. Jetzt geht es um wahre Dramen, zwischen „Breaking Bad“ und „Game of Thrones“.

von Gert Korentschnig

Ein Slogan der Miniserie „Die Ibiza-Affäre“, die ab kommender Woche auf dem Bezahlsender Sky zu sehen ist, lautet: „Zu wahr, um erfunden zu sein.“ Bingo! Man glaubt ja wirklich nicht mehr, was es alles gibt. Obwohl Norbert Hofer, als er Präsidentschaftskandidat der FPÖ war, prophezeite: „Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist.“

„Die Ibiza-Affäre“ thematisiert Straches Nacht der Nächte („HCs Nightmare“), am Rande geht es wohl auch um legale und illegale Drogen („Breaking Bad“) und um Allmachtsfantasien („Game of Thrones“). Wie das endete, wissen wir: Mit Rücktritt, Regierungsauflösung und dem Satz des Bundespräsidenten „So sind wir nicht“ (absolute Empfehlung: „This is us“).

Mittlerweile, ein paar Regierungen, einen U-Ausschuss und einen weiteren Rücktritt später, sind wir längst in Staffel 2 der „Österreich-Saga“, Folge 6 oder so, und wieder fasst man nur schwer, wie sehr sich Fiktion und Realität miteinander vermischen. Was wohl der nächste Cliffhanger bringen wird? Den Beschluss zu Neuwahlen?

Um zu verstehen, was da gerade läuft (im Serienfernsehen würde es vor jeder neuen Folge heißen: „Zuletzt bei der ,Österreich-Saga’...“) müssen wir zurückgehen ins Jahr 2016. Da gab es am 1. Mai den ersten Tabubruch, als der damalige Kanzler Werner Faymann ausgepfiffen wurde – seither ist beim roten Clan nichts mehr, wie es war. Im selben Jahr polarisierte der Hofburg-Wahlkampf derart, dass die Bruchlinien sogar quer durch Familien gingen. Und parallel dazu, ebenfalls 2016, baute eine junge Truppe ein neues Machtzentrum auf und fiel (Spoiler!) dem schwarzen Clan-Chef in den Rücken – erfährt man erst in einer späteren Folge.

Warum all das dramaturgisch essenziell ist? Weil es die Basis legte für eine Abkehr vom gemütlichen „Sisi“-Image, hin zum hochspannenden Politthriller-Fach. Was immer seither passierte, wurde nicht mehr konsensual bewältigt – es führte zu einer Potenzierung der Aggressionen und zur Loslösung von jeder Inhaltlichkeit. Selbst eine kollektive Bedrohung wie das Coronavirus weichte die Fronten nicht auf, sondern verhärtete sie nur noch mehr.

Jedes neue Thema, jede Entwicklung ist ein Turbo für weitere verbale Kampfhandlungen, für wechselseitige Schuldzuweisungen, für ein Hochfahren der Zugbrücke vor der eigenen ideologischen Burg. Schwarzweiß wie beim Schach („Damen Gambit“). Gut für die TV-Quote, schlecht fürs Land. Und das Publikum feuert das eigene Team wie ein radikaler Fanblock an, unabhängig von Fakten, nur noch emotional gesteuert. Worum es wirklich geht, hat bei dieser Abfolge von Fouls und Revanchefouls jeder längst vergessen. „Wir werdn kan Richter brauchen“, sagte Karl Kraus. Offenbar doch, und zwar ganz rasch. Damit die nächste Staffel wieder anders läuft.

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